David Byrne "Singen macht glücklich"

Mit seiner Band Talking Heads wurde David Byrne zur Ikone. Er erzählt von seiner goldenen Zeit, von Graffiti, die sein Schicksal entschieden – und wie er damit umgeht, wenn heute mal eine seiner zahllosen Ideen nicht aufgeht. Von
ZEITmagazin Nr. 9/2018

David Byrne sieht immer noch aus wie der schlaksige Anzugträger, der in den Achtzigern als Sänger und Kopf der New Yorker Band Talking Heads berühmt wurde. Seit deren Auflösung 1991 ist Byrne als Solokünstler erfolgreich. An einem grauen Januarvormittag sitzt er nun, etwas müde blinzelnd, in einem Konferenzraum in Berlin, wo er am Abend einen Vortrag halten wird mit dem Titel Reasons to Be Cheerful ("Gründe, fröhlich zu sein").

ZEITmagazin: Mister Byrne, wie kam es dazu, dass Sie jetzt als Vortragsreisender unterwegs sind, der gute Nachrichten aus aller Welt verbreitet?

David Byrne: Ich habe vor einigen Jahren angefangen, solche Meldungen zu sammeln, einfach so. Ein Mitarbeiter eines Kulturzentrums in Brooklyn ermunterte mich dann, eine Art Performance daraus zu machen. Zu der Zeit legte ich gerade mit der Arbeit an den Songs für mein neues Album American Utopia los. Es bot sich also an, das alles zu einem großen Projekt zu kombinieren.

ZEITmagazin: Sind Sie also ein Optimist?

Byrne: (langes Schweigen) Nein.

ZEITmagazin: Was soll dann Ihre Show mit den guten Nachrichten?

Byrne: Ich probiere eben mit aller Macht, mich davon zu überzeugen, dass die Welt gar nicht so finster ist, wie es zurzeit den Anschein hat. Eigentlich bin ich ein Skeptiker. Wenn mir jemand mit einer guten Nachricht kommt, stelle ich einen Haufen kritischer Fragen und versuche, alles zu zerpflücken. Die meisten guten Nachrichten entzaubere ich schnell. Aber ein wenig Hoffnung bewahre ich mir eben doch. Das Gute an dem ganzen Trump-Zirkus ist zum Beispiel, dass die Zeitungen, die über ihn berichten, viele neue Leser bekommen haben.

ZEITmagazin: Wie informieren Sie sich denn?

Byrne: Mit Zeitungen und Magazinen wie der New York Times, dem Guardian, der Financial Times und dem Economist. Dazu kommen diverse Blogs und wissenschaftliche Fachzeitschriften. Ich lese jeden Morgen nach dem Aufwachen auf meinem Laptop im Bett und trinke dazu Kaffee. Das ist wirklich himmlisch. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, aber nach einer guten Stunde raffe ich mich dann doch wieder auf und fahre in mein Büro.

ZEITmagazin: In Ihren Vorträgen machen Sie sich unter anderem über Donald Trumps Musikgeschmack lustig. Hilft Humor in schwierigen Zeiten?

Byrne: Protest mit Humor zu kombinieren finde ich großartig. Wut und Ärger allein sind gefährlich. Dass Humor immer wichtiger wird, merkt man daran, dass die Late-Night-Shows für viele Amerikaner so eine wichtige Informationsquelle geworden sind. Die Komiker werden in diesen Sendungen zu Nachrichtensprechern.

ZEITmagazin: Sie sind in Schottland geboren, als Sie zwei Jahre alt waren, zog Ihre Familie um nach Kanada, sechs Jahre später weiter in die USA. Dort haben Sie den größten Teil Ihres Lebens verbracht. Erst vor zwei Jahren haben Sie sich einbürgern lassen. Warum eigentlich?

Byrne: Also, meinen britischen Pass habe ich trotzdem noch. Aber als Obama das zweite Mal zur Wahl stand, überkam mich der Wunsch, mich in den USA mehr einzubringen. Denn damals spürte ich, dass uns entscheidende Zeiten bevorstehen. Und man muss wählen gehen!

ZEITmagazin: Den Drang, wählen zu gehen, hatten Sie in den Jahrzehnten zuvor nicht?

Byrne: Tja. Davor habe ich vermutlich illegal gewählt.

ZEITmagazin: Illegal? Wie oft?

Byrne: Sehr oft. (lacht)

ZEITmagazin: Und das hat keiner kontrolliert?

Byrne: Kein Mensch!

ZEITmagazin: Fühlt es sich jetzt besser an, ordnungsgemäß mit einem amerikanischen Pass gewählt zu haben?

Byrne: Eigentlich nicht, letztlich machte es keinen Unterschied.

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