Felix Jaehn "Ich träume davon, den Menschen zu finden, mit dem ich mein Leben teilen möchte"

© Christoph Voy
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 9/2018

Früher lag ich oft nachts wach, weil ich einen wichtigen Teil meines Lebens in der Öffentlichkeit komplett ausgeblendet habe, nämlich die Liebe. In Interviews habe ich diesen Bereich so weit wie möglich gemieden, bin also allen Fragen nach einer Freundin oder meinem Frauentyp ausgewichen.

Im letzten Jahr ist mir immer klarer geworden, dass ich über meine Gefühle offener reden möchte. Mein Album war dabei ein treibender Faktor, denn es ist sehr persönlich. Es heißt I, und wenn man so einen Titel wählt, wird es Zeit, auch sein ganzes Ich zu zeigen. Es gibt auf dem Album den Song Don’t Say Love, der mein früheres Innenleben ziemlich gut beschreibt: "I’m afraid of what I feel / You are ready / Am I ready?"

Dieser Song handelt von einer Situation, die ich vor einigen Jahren mit einem Mädchen erlebt habe. Ich merkte damals, dass sie mehr von mir wollte, aber ich hatte Zweifel, ihr gerecht werden zu können. Denn ich wusste, dass ich auch Jungs gut finde und mich genauso gut in einen Mann verlieben könnte. Dieser innere Konflikt ließ mich immer wieder vor festen Beziehungen zurückschrecken.

Natürlich redet man erst einmal mit niemandem drüber, sondern versucht das mit sich allein auszumachen. Die Ersten, mit denen ich dann über meine Gefühle gesprochen habe, waren meine Brüder. Die haben toll reagiert, und dadurch löste sich bei mir ein Knoten. Auf einmal war da dieses Gefühl von Leichtigkeit und Normalität, das sehr guttat. Später habe ich auch mit meinen Eltern und Freunden offen geredet. Diese Gespräche haben viel Druck von mir genommen, ich wurde ruhiger und fühlte mich sicherer. Denn meine Gefühle, mit denen ich so lange gerungen hatte, waren letztlich überhaupt kein Problem.

Ich bin in einem kleinen Dorf an der Ostsee groß geworden. Dort bekam ich als Kind vorgelebt, dass es nicht normal sei, sich als Junge in Jungs zu verlieben. Als Teenager beeinflusst einen das schon. Und wenn man dann merkt, dass man auch Jungs attraktiv findet, kann einen das schon verunsichern. In dem Alter hat man besonders große Angst, nicht der Norm zu entsprechen, nicht mehr dazuzugehören, wenn sie merken, dass du anders bist – ein Albtraum!

Ich dachte immer, dass ich eines Morgens aufwache und mir ganz klar darüber bin, was ich eigentlich will. Aber das war bisher noch nicht der Fall. Mal war ich eher an Mädchen interessiert, mal eher an Jungs. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass ich darüber jetzt so offen sprechen kann. Und seitdem ich das tue, schlafe ich auch wieder viel ruhiger. Jetzt träume ich davon, den Menschen zu finden, mit dem ich mein Leben teilen möchte, egal, ob Mann oder Frau. Und davon, dass alle, denen es so geht wie mir, auf ähnlich viel Offenheit und Verständnis stoßen werden wie ich.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren