Flieder Dufte Farbe

© Peter Langer
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Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 9/2018

Draußen blüht der Flieder zwar noch nicht, aber in der Mode ist er farblich nicht mehr zu übersehen: Flieder-Lila sind beispielsweise die locker auf der Hüfte sitzenden Baumwollhosen von Emporio Armani, das flatternde Kleid von The Row oder die Blumenprints auf Kleidern von Erdem.

Ursprünglich kam Flieder im 16. Jahrhundert aus der Balkanregion nach Mitteleuropa, vor allem in Frankreich wurde er im 19. Jahrhundert intensiv gezüchtet. Auch das Wort "lila" geht auf den Blütenstrauch zurück, obgleich es in der Sprache schon gebräuchlich war, bevor der Flieder in Europa kultiviert wurde: Mit den Kreuzzügen kam das arabische Wort für Flieder, lilak, nach Spanien und wurde von dort aus nach Frankreich gebracht. Aus dem daraus entwickelten französischen Lehnwort lilas entwickelte sich schließlich das deutsche Wort "lila". Auf Englisch heißt Flieder lilac.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Lila dann zur Leitfarbe einer ganzen Künstlergeneration – der Impressionisten. Claude Monet etwa soll einmal gesagt haben: "Ich habe endlich die wahre Farbe für die Atmosphäre entdeckt – es ist Violett, frische Luft ist violett." So viele Maler stimmten ihm zu, dass Kritiker von der "Violettomania" der Impressionisten sprachen. Überhaupt hat die Farbe einen besonderen Bezug zur Kunst: Richard Wagner ließ das Arbeitszimmer, in dem er komponierte, in violetten Tönen gestalten, und Leonardo da Vinci setzte sich gern in sonnendurchflutete Kirchen, deren violettes Fensterglas ihn inspirierte.

Im viktorianischen Zeitalter verschenkte man Flieder, um sich gegenseitig an eine frühere Liebe zu erinnern. Und in Russland gab es den Brauch, einen Fliederzweig über ein Neugeborenes zu halten, damit es weise wird. Dafür, dass der Flieder sich erst nach dem Mittelalter in Europa verbreitete, hat er großen Eindruck gemacht.

Ob eine Farbe wirklich in irgendeiner Weise psychisch wirkmächtig sein kann, ist umstritten. Aber tatsächlich ist es schwer vorstellbar, dass ein grobschlächtiger Klotz in Schlägerlaune ein T-Shirt in zartem Lila trägt. Der Farbton ist seit jeher den Feingeistern vorbehalten. Vielleicht leben wir heute wieder in Zeiten, in denen man betonen muss, feinfühlig zu sein. Oder auch eine fortschrittliche politische Gesinnung zu haben.

Denn selbstverständlich ist Lila auch als Symbol der Emanzipation und der Gleichstellung der Geschlechter bekannt. Und als solche sollte die Farbe natürlich immer Saison haben. Übrigens muss man dafür nicht einmal ein Erdem-Kleid kaufen.

Peter Langer / Fliederfarbene Baumwollhose von Emporio Armani

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