Harald Martenstein: Über Tiere und Empörung

Artgerechte Haltung ist das sicher nicht für die Tiere im Zirkus. Aber im Vergleich zu Hühnerfabriken und Riesenschlachthöfen haben sie geradezu das große Los gezogen. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 9/2018

Jedes Jahr gehe ich, sofern ich zufällig gerade über ein Kind in zirkusfähigem Alter verfüge, in den Berliner Weihnachtszirkus. Das Kind in mir ist als dritter, unsichtbarer Besucher ebenfalls mit von der Partie. Höhepunkt war diesmal die Tigerdressur von Carmen Zander. Sie ist die einzige Frau der Welt mit einer Raubtiernummer. Die Tiger stammen nicht aus der Wildnis, sondern aus einem Tierpark und wurden von ihr mit der Flasche großgezogen.

Was Tierdressuren betrifft, bin ich hin- und hergerissen und kann nicht mit einer klaren Meinung dienen. Artgerechte Haltung ist das sicher nicht, egal wie sehr die Zirkusleute es beteuern. Andererseits haben die Zirkustiere geradezu das große Los gezogen, wenn man sie mit den Schweinen in den Schlachthöfen, den Hühnern in den Hühnerfabriken und den Affen vergleicht, die auf Geheiß deutscher Autohersteller Abgase einatmen mussten. Immerhin scheint Carmen Zander ihre Tiere zu lieben, die Tiger lassen sich sogar von ihr umarmen und küssen. Ein Tiger, der gequält wird, würde sich vermutlich zu allerlei zwingen lassen, aber bei einem Kuss wäre bei ihm das Ende des Geduldsfadens erreicht. Außerdem würde ein Verbot der Tiernummern wohl auch den Tod der meisten Zirkusse bedeuten. Als wachsweicher Kompromissler neige ich der Ansicht zu, dass man erst mal die dringenderen Probleme des Tierschutzes lösen sollte, da gibt es einige.

Nun las ich, dass Carmen Zander zu dem Zirkusfestival von Monte Carlo eingeladen wurde, das ist sozusagen die WM der Zirkuskunst und das Hobby von Prinzessin Stéphanie. Die ARD überträgt das zeitversetzt im Fernsehen, federführend sind der Bayerische Rundfunk und der MDR. Sie schneiden seit Jahren alle Tiernummern heraus, mit Ausnahme einer Tierart. Den Zuschauern wird das, laut FAZ, vorher nicht gesagt. Das ist ziemlich fragwürdig. Als Zuschauer will man so was zumindest erfahren. Schneiden sie demnächst aus Sportübertragungen kommentarlos die mutmaßlich Gedopten heraus, aus den Oktoberfest-Reportagen die Bierhumpen und aus dem Stones-Konzert den Song Under My Thumb? Auf jeden Fall muss man jetzt dringend Dinner for One auf dem Computer speichern, das alljährliche Silvesterritual mit Freddie Frinton als Butler James. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie im nächsten Jahr das Tigerfell herausschneiden, über das James ständig stolpert. Nächstes Jahr steht da vielleicht schon eine Kiste mit Bio-Tomaten.

Pferdedressuren zeigen sie. Eine Nummer mit Lamas und Kamelen wurde herausgeschnitten, obwohl das ebenfalls Nutztiere sind, eine innere Logik ist da nicht zu erkennen. Es gibt auch Tiere, die begeistert sind, wenn Menschen mit ihnen arbeiten, Hunde zum Beispiel.

Angeblich greifen die Bayern zur Schere, weil man dort keine Lust auf eine Flut von Wutmails radikaler Tierschützer hat. Radikale Tierschützer können, ähnlich wie Tiger oder auch Lamas, sehr angriffslustig und emotional reagieren. Aber das kann doch unmöglich dazu führen, dass man etwas zwar Umstrittenes, aber Legales, das Millionen Leute mögen, nicht mehr zeigt. Boxen ist offenbar nur deshalb noch im Programm, weil die Boxgegner einfach nicht aggressiv genug sind. Ich reite übrigens deshalb so oft auf solchen Themen herum, weil ich da ein Grundproblem unserer Gesellschaft sehe. Die Empörten haben immer recht. Konflikte werden nicht offen und fair ausgetragen, Argument gegen Argument, am Ende vielleicht ein Kompromiss. Nein, es gibt fast immer die angeblich Guten und die angeblich Bösen, und die Bösen werden ausgeschaltet.

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Kommentare

8 Kommentare Kommentieren

Das hätte ein durchaus interessanter Beitrag über Tierschutz werden können. Mir würde z.B. einfallen, dass von allen Landwirbeltieren nur 3% in Freiheit leben. 65% sind Nutztiere und 32% sind Menschen, die nicht artgerecht gehalten werden.

Stattdessen ist es -mal wieder- die lähmende Larmoyanz über die angebliche Zensur der Öffentlich-Rechtlichen, als deren Opfer sich auch Martenstein gerne sehen würde. Nur so als Tipp: vielleicht wurde ihre Radio-Kolumne aus dem Programm genommen, weil sie ganz einfach schlecht war. Die Zeit sollte auch mal drüber nachdenken.