Meditations-Apps Buddha to go

Meditations-Apps sind zu einem Massenphänomen geworden. Können sie die Ruhe zurückbringen, die andere Apps geraubt haben? Von
ZEITmagazin Nr. 9/2018

Gleich bin ich wieder ein paar Atemzüge weiter auf dem Weg in mein persönliches Nirvana, und das in einem überfüllten Wagen der Berliner U-Bahn: Tamara fordert mich auf, mich gerade hinzusetzen. Ich soll mir vorstellen, dass ein unsichtbarer Faden meinen Kopf nach oben zieht. Die Schultern fallen lassen, mein Kinn lockern, meine Stirn entrunzeln. Tief einatmen. Und lang ausatmen. Mir vorstellen, dass ein sanftes Lächeln meine Lippen umspielt. "Folge einfach deinem Atem", sagt sie. "Einatmen... und... ausatmen."

Tamaras Worte gelangen aus einer Smartphone-App namens Calm über die Kopfhörer direkt in mein Innerstes und befördern mich in eine milde Trance. Die Meditation, die ich mir beim Einsteigen aus dem umfangreichen Angebot der App ausgesucht habe, dauert zehn Minuten. So kann ich sicher sein, dass Tamara mich auf die Erde zurückholen wird, bevor ich aussteigen muss.

Wie konnte es so weit kommen, dass ich mir von einer App jetzt schon sagen lasse, wie ich sitzen, atmen, fühlen soll? Und nicht nur ich: Millionen von Menschen in aller Welt versuchen inzwischen, mithilfe bestimmter Apps ihre Gefühle und dahinrasenden Gedanken in den Griff zu kriegen, zur Ruhe zu kommen, womöglich eine Art Glück zu finden. Diese Apps sollen unangenehme Gefühle wie Nervosität, Angst, Konfusion und Wut lindern, dafür angenehme Stimmungen wie Dankbarkeit, Gelassenheit und Zuversicht verstärken.

"Die @calm app rettet mir gerade das Leben!", jubelt eine Hannah Lloyd bei Twitter. "Sara" gibt dort den Ratschlag, die Facebook-App durch eine Meditations-App zu ersetzen: "Dein Leben wird weniger vom Drama und der Schadenfreude anderer Leute erfüllt sein, stattdessen von viel mehr Frieden #gamechanger."

Was sind das für Wunderprogramme, die angeblich das Leben dieser Leute verändert haben?

Die meisten dieser Gefühlssteuerungs-Apps bestehen in erster Linie aus Meditationsanleitungen, denen man per Kopfhörer lauscht. Sie sind gemacht für Leute, die zum Meditieren eigentlich gar keine Zeit haben, also für jeden. Anders als die Entspannungs-CDs und -Kassetten früherer Jahrzehnte sind sie jederzeit in Reichweite. Und seit die Menschen überall mit Stöpseln im Ohr unterwegs sind, kann man sogar an öffentlichen Orten unauffällig meditieren. Vor allem aber können Apps das ganze Arsenal digitaler Möglichkeiten anwenden, um auf unsere Gefühle einzuwirken. Die Calm-App zum Beispiel bietet als Hintergrundberieselung wahlweise Meeresrauschen, Kaminknistern, das Plätschern eines Bachs und andere hypnotische Klänge; es gibt Meditationen für alle Stimmungslagen und Situationen, in jeder gewünschten Länge, von der zweiminütigen Dosis für den Notfall bis zur mehrstündigen Sitzung für Fortgeschrittene. Wer’s mag, kann sich von der App Erinnerungen schicken lassen, Belohnungspunkte sammeln und den neuesten Meditationserfolg aus der App heraus gleich bei Facebook posten.

Das Smartphone macht’s möglich, das Smartphone macht’s auch nötig. Es hat in einem einzigen Jahrzehnt so viel Zerstreutheit, Verwirrung und Überforderung in unseren Alltag gebracht, dass die Sehnsucht nach innerer Ruhe und Sammlung immer größer wird. Und wo eine Sehnsucht ist, ist auch ein Markt. Diese neue Bewusstseinsindustrie verteilt sich auf alle digitalen Geräte und Kanäle, ihre Produkte werden millionenfach heruntergeladen. Genaue Nutzungsdaten werden jedoch als Betriebsgeheimnis gehütet, daher lässt sich nicht genau sagen, wie viele Menschen derzeit ihr Seelenheil in einer der vielen Hundert Meditations-Apps suchen. Fest steht nur: Die Regelung der eigenen Gefühle per App ist in den vergangenen zwei bis drei Jahren zu einem unsichtbaren Massenphänomen geworden.

Das wirft natürlich ein paar Fragen auf: Was genau bewirken diese Apps eigentlich? Können sie das wiedergutmachen, was all die anderen Apps in unseren Hirnen angerichtet haben? Oder ist das Gefühlsmanagement per App eher eine Art Selbstaufgabe, der nächste große Schritt zur endgültigen Computerherrschaft? Wenn jetzt so viele Leute an ihren inneren Einstellungen herumdrehen, hat das natürlich auch eine politische Dimension: Macht das viele Meditieren diese Leute aufmerksamer, engagierter – oder wird es ihnen bloß helfen, dem Weltuntergang gelassener entgegenzusehen? In anderen Worten: Sind diese Apps ein Mittel der Aufklärung oder Opium fürs gestresste Volk?

Der Wegbereiter dieser neuen Gefühlsprogrammierung und heutiger Marktführer in diesem Segment ist die kalifornische Firma Headspace, die ihre gleichnamige App seit 2012 anbietet. "Headspace hat nur eine Mission", heißt es in der PR-Mappe der Firma: "Gesundheit und Glück auf der Welt zu fördern. Und mit 17,5 Millionen Nutzern in mehr als 190 Ländern sind wir damit schon weit gekommen." Zur Förderung dieser Mission haben Investoren bisher rund 74 Millionen Dollar in die Firma gesteckt, ihr Marktwert wird auf 250 Millionen Dollar geschätzt. Das Geld fließt dank bereitwillig zahlender Abonnenten und lukrativer Kooperationen mit Konzernen wie Google und LinkedIn, die ihre Mitarbeiter mit Headspace versorgen. Kurz nach Headspace kam die App Calm auf den Markt, die inzwischen mehr als zwölf Millionen Menschen installiert haben. Während Headspace vor allem mit lustigen Illustrationen daherkommt, setzt Calms Benutzeroberfläche auf beschauliche Naturaufnahmen. Hunderte ähnlich konzipierter, größtenteils englischsprachiger Apps folgten. Sie tragen Namen wie Buddhify, Breethe, AutoSleep, 10% Happier oder BreakFree, fast alle basieren auf der sogenannten Achtsamkeitsmeditation.

Ach, Achtsamkeit – dieser etwas betulich klingende Begriff wird oft als diffuses Wellness-Klischee verwendet. Im Buddhismus, und zunehmend auch in der Psychotherapie, ist die Achtsamkeitsmeditation dagegen eine Technik zur Schärfung der Wahrnehmung. In den entsprechenden Übungen geht es darum, mit den eigenen Gefühlen und Gedanken so umzugehen, dass sie einen nicht ständig überwältigen und davontragen. In dem kurzen Moment, in dem man eine aufwallende Emotion "achtsam" zur Kenntnis nimmt, ohne sie zu bewerten, liegt die Chance, sich von ihr zu befreien.

Die Meditations-Apps kombinieren uralte mit neuesten Techniken, spirituelle Einsichten mit digitalem Marketing. Die meisten dieser Apps bieten eine kostenlose Basisversion mit Einführungen in die Meditation an, in der aber auch schon speziellere Hilfsangebote für alle Lebenslagen zu erkennen sind. Bei Breethe zum Beispiel finden sich, hinter der Bezahlschranke, Meditationen unter verlockenden Überschriften wie "Süße Träume", "Fünf Minuten Kreativität", "Meine Familie macht mich wahnsinnig", "Mein Boss ist fies". Der zahlende Kunde erhält dann mehr oder weniger erwartbare Betrachtungen zum jeweiligen Thema, vor allem aber: Entspannungsübungen.

Der ganzen Achtsamkeitsflut mit ihren Millioneninvestitionen und Jubel-Tweets steht der gerechte Zorn einiger traditioneller Meditierender gegenüber, die die Kommerzialisierung der Meditation und Achtsamkeit als oberflächliche "McMindfulness" beschimpfen. In einer besonders schönen Polemik geißelte ein Kolumnist des San Francisco Chronicle, Mark Morford, Firmen wie Headspace und Calm als "ein weiteres Rädchen in Amerikas Multimilliarden-Dollar-Feelgood-Maschine": "Natürlich musste irgendwann ein Start-up auf die Idee kommen, Ruhe als Produkt zu verkaufen" und eine so "ehrbare und wundersam einfache" und noch dazu kostenlose Sache wie die Meditation als neues heißes Ding zu vermarkten, unter Verwendung "unerträglicher" Begriffe wie "Firmenlösungen", "Bezahlmodelle" oder eben "das Produkt". "Erfolgreiche Meditation ermöglicht so etwas wie Freiheit von unserer vergifteten Fixierung auf genau solche Sachen", polterte Morford, "man meditiert gerade deswegen, um den gierigen Headspaces dieser Welt zu entkommen."

Treffer, versenkt! Und man könnte es sich leicht machen und das ganze Phänomen damit abhaken: alles nur Kommerz. Dagegen sprechen allerdings die Millionen von Leuten, die ohne diese Apps niemals mit dem Meditieren angefangen hätten. So wie ich zum Beispiel.

Aufgrund meiner Sozialisation in den siebziger und achtziger Jahren bedeutete Meditation für mich bis vor wenigen Jahren: Räucherkerzen, New-Age-Kitsch, grausige Synthesizer-Schwaden – nichts für mich. Dabei hätte alles ganz anders kommen können, denn in der zehnten Klasse hatte ich mein erstes, fantastisches Meditationserlebnis. Die Schulleitung hatte uns damals für eine Woche in ein katholisches Kloster in der Nähe von Hildesheim geschickt. Dort schwiegen wir eine Woche lang, lagen auf dem Boden, machten Atemübungen unter Anleitung eines Mönchs und "horchten in unseren Körper hinein". Besonders eindrucksvoll fand ich damals eine Achtsamkeitsübung im Wald: Unser Mönch hatte uns hinausgeschickt mit dem Auftrag, uns abwechselnd, jeweils fünf Minuten lang, auf die Details eines einzigen Blattes zu konzentrieren, dann auf den Wald als Ganzes zu blicken, dann wieder zu einem einzigen Blatt zurückzukehren. Ich fand das alles wunderbar, inklusive der kargen Klosterzellen. Erst als ich mich, zum Abschluss der Woche, auf einer harten Bank vor dem Altar der Klosterkapelle wiederfand, wo ich ein Zwiegespräch mit Gott führen sollte, dachte ich mir: Vielleicht ist das Klosterleben doch nichts für mich. Die Hürde war einfach zu hoch. Es folgten drei meditationslose Jahrzehnte.

Vor drei Jahren, bei der Recherche für eine ZEITmagazin-Geschichte über "Wege aus der Smartphone-Sucht", stieß ich auf eine Handvoll Apps, die der digitalen Dauerablenkung entgegenwirken sollten, darunter Headspace und Calm. Ich probierte beide aus und entschied mich dann für ein Calm-Jahresabo für 40 Euro, weil mir dort die Stimme etwas besser gefiel.

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