Harald Martenstein Über die Sterblichkeit

Die App WeCroak meldet fünf Mal am Tag eine ewige Wahrheit: Wir müssen alle sterben. Von Harald Martenstein
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 10/2018

Das englische Verb to croak bedeutet "ins Gras beißen", man könnte es auch mit "abkratzen" oder "den Löffel abgeben" übersetzen. Die App WeCroak sendet einem fünfmal täglich die Botschaft "Vergiss nicht, du musst sterben". Die Nachricht kommt nicht immer zur gleichen Uhrzeit, sondern ganz zufällig, man kann es nicht vorhersehen. Die beiden Entwickler sind 27 und 35 Jahre alt. Angeregt wurden sie von einem Brauch der Bewohner von Bhutan. In dem Himalayastaat ist es offenbar üblich, sich mehrmals am Tag auf seine Sterblichkeit zu besinnen, die bhutanische Bevölkerung meditiert dann. Bewusstes Atmen scheint auch schon zu reichen. Auf diese Weise sei Bhutan zu einem Land mit besonders glücklichen Menschen geworden. Ich war skeptisch.

Dann las ich eine Rezension der App in der Zeitschrift The Atlantic. Die Autorin ist begeistert, obwohl auch sie anfangs ein wenig Angst vor dieser App hatte. Immer, wenn die Botschaft kommt, denkt sie: "Das Leben ist zu kurz." Sie war auf einer Party, die Botschaft traf ein, und statt die Party zu verlassen, ließ sie es richtig krachen. Sie hatte Angst vor öffentlichen Auftritten. Die Botschaft kam, und sie trat entspannt vors Publikum. Ich kratze eh ab, das gesamte Publikum kratzt auch ab – also, was soll’s, Brüder und Schwestern. Sie verbringt jetzt auch weniger Zeit auf Facebook. Wenn du ins Gras beißt, tut es dir womöglich leid um diese Zeit. Warum nicht stattdessen in der Sonne liegen? Manchmal sendet WeCroak auch Sprüche wie "Im Grab gibt es keine sonnigen Ecken".

Ich habe ein anderes Rezept. Es gibt ein Buch, das ich meinem Sohn hunderte Male vorgelesen habe, es heißt Im Hafen, der Titel gibt den Inhalt ziemlich vollständig wieder. Dieses Werk von Philippe Dupasquier war zwei, drei Kindheitsjahre lang das Lieblingsbuch meines älteren Sohnes, der längst erwachsen ist. Er kann sich jedoch nicht an das Buch erinnern. Völlig weg. Die ersten Jahre der Kindheit prägen uns, aber die meisten von uns haben fast alles vergessen, mir geht es nicht anders.

Diese kleinen Menschen verschwinden eines Tages, sie verwandeln sich in etwas anderes und wissen nicht mehr, wie sie waren und wie sie gelebt haben. Sie wissen nichts mehr vom ersten Sommer auf dem Spielplatz, nichts mehr von den langen Spaziergängen im Buggy, nichts mehr von ihrer Wut, ihrer Freude und ihrer Zärtlichkeit. Es gibt für sie Wichtigeres.

In den Köpfen der Eltern aber leben sie weiter. Man vergisst sie nie. Und es bleibt immer ein leiser Schmerz, wenn man an die bedingungslose Liebe denkt, die sie damals empfunden haben und die man ebenso bedingungslos zurückzugeben versucht hat. Niemals in unserem Leben waren wir so wichtig, für niemanden.

Manchmal träume ich von meinen Großeltern oder von meinem Vater. Es sind nicht nur Erinnerungen. Sie reden im Traum mit mir über Dinge, über die wir, als sie noch lebten, niemals gesprochen haben. Sie sagen Sätze, die ich gerne von ihnen gehört hätte. Und wenn ich aufwache, denke ich manchmal, ein oder zwei Minuten lang, dass sie noch leben, und ich will sofort ins Auto steigen, um sie zu besuchen. Je älter man wird, desto lebendiger werden diese Träume. Und vielleicht, denke ich manchmal, sieht so das Ende aus. Sie werden alle da sein, im Kopf, auch die längst verschwundenen Kinder werden wieder da sein, sie werden sich freuen, weil ihnen endlich wieder jemand Im Hafen vorliest, und das, denke ich manchmal, wird kein schlimmer Moment sein, sondern ein schöner, womöglich der schönste.

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