Katja Benrath "Ich fing an, über die Straße zu hüpfen – im Schlafanzug"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 10/2018

Für den Oscar nominiert zu werden war nie mein Lebenstraum, aber natürlich ist es trotzdem wunderschön. Noch verrückter war der sogenannte Studenten-Oscar, mit dem ich bereits Mitte Oktober 2017 ausgezeichnet wurde. Das war der berühmte Anruf aus Hollywood – total surreal. Ich musste raus auf die Straße gehen, weil der Empfang in meiner Hamburger Wohnung so schlecht war. Ein Mann, der sich als Mitarbeiter der Academy of Motion Picture Arts and Sciences vorstellte, fragte mich, ob ich available sei, nach Los Angeles zu kommen. Ich war mir sicher, dass er mich auf den Arm nimmt. Ich musste noch 14 Mal nachfragen und fing währenddessen an, über die Straße zu hüpfen – im Schlafanzug.

Die jetzige Oscar-Nominierung ist natürlich eine grandiose Wertschätzung unserer Arbeit. Die Idee zu dem Film Watu Wote entstand beim Lesen eines Artikels im Spiegel. Es lief mir heiß und kalt den Rücken hinunter, und ich wusste: Ich will diese Geschichte unbedingt erzählen und alles, was ich habe und kann, in diesen Film stecken. Passiert ist die Geschichte in Kenia, an der Grenze zu Somalia. Ein Bus wird von Terroristen gestoppt, die Reisenden sollen aussteigen, getrennt nach Muslimen und Christen. Damit die Christen nicht erschossen werden, verstecken die muslimischen Mitreisenden sie zwischen sich. Trotzdem starben Menschen. Um diese Geschichte besser zu verstehen, sind wir vor den Dreharbeiten nach Kenia gereist, wir haben mit den Leuten geredet, die damals im Bus dabei waren oder bei diesem Überfall Angehörige verloren haben.

Der Dreh selbst war manchmal eher ein Albtraum. Alles, was schiefgehen konnte, ging schief: Zwei Tage vor dem Drehbeginn wurde uns die Kamera geklaut, der Generator ist ausgefallen, in der Wüste kamen unsere Wasserlieferungen nicht an. Und unser Hauptdarsteller musste für kurze Zeit ins Gefängnis. Doch gemeinsam haben wir alles geschafft.

Mitte Januar, rechtzeitig zur Bekanntgabe der Nominierungen, waren wir alle in Nairobi, um den Film zum ersten Mal in Kenia zu zeigen. Wir haben bewusst diesen Tag gewählt, um im Fall einer Nominierung gleich mit unserem kenianisch-somalischen Team feiern zu können. Denn deren Geschichte ist das ja eigentlich. Wir haben noch bis tief in die Nacht gefeiert und wurden dann rausgeworfen, als das Lokal geschlossen hat.

Der berufliche Erfolg, den ich zurzeit erlebe, hat eine Weile auf sich warten lassen, weil ich auf meinem Lebensweg nicht ganz so geradlinig vorangekommen bin: erst eine Schneiderlehre, dann ein Schauspielstudium, jetzt die Regie. Ich würde natürlich lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich den Oscar nicht nach Hause holen möchte.

Mein größter Lebenstraum aber ist es, eine eigene Familie zu gründen. Familie ist mir sehr wichtig, ich komme selbst aus einer ganz starken. Sie hilft immer irgendwie bei den Dreharbeiten und steht daher mit im Abspann. Dort wird auch mein Bruder aufgelistet, als "Last Minute Rescue" – weil er uns in letzter Minute Kamera-Equipment aus Deutschland gebracht hat.

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