Kevin Kühnert und Lars Klingbeil Über Freundschaftsfotos

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 10/2018

Bei Twitter schrieb ein gewisser Nabibi zu oben stehendem Bild von Juso-Chef Kevin Kühnert und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil: "Ich starre seit 20 Minuten auf dieses Foto. Es ist so wohltuend, zärtlich und berührend nach dem ganzen Dreck des Irren aus dem Weißen Haus."

Zwei Widersacher sind hier lächelnd miteinander vereint: Klingbeil kämpft für den Eintritt der SPD in die große Koalition, Kühnert dagegen. Wir können zwar sehr gut verstehen, was Nabibi so wohltuend berührt, fürchten aber, dass sich der gute Mann in der deutschen Sozialdemokratie nicht so gut auskennt. Sonst wäre er nicht berührt, sondern alarmiert. Denn demonstrative Harmonie auf Fotos gilt in der SPD als untrüglicher Vorbote einer Zerrüttung auf Lebenszeit. Wer heute miteinander lächelt, hat sich morgen nichts mehr zu sagen.

So war es bei Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, bei Franz Müntefering und Kurt Beck, bei Sigmar Gabriel und Martin Schulz. Der Gerd und der Oskar saßen einst so eng nebeneinander auf einem Mäuerchen über der Saarschleife bei Mettlach, dass der Gerd sagen konnte, es passe kein Blatt zwischen sie. Der Franz drückte ein paar Jahre später den recht massigen Kurt vor Kameras so fest an sich, dass man Angst um seine Rippen haben musste. Und der Sigmar und der Martin lagen sich bei der Übergabe des SPD-Vorsitzes so lange in den Armen, bis alle Welt überzeugt war: Das ist aber jetzt wirklich echt. Und heute? Sind die genannten Paare so zerstritten wie die englischen Adelshäuser York und Lancaster im Rosenkrieg.

Kleiner Unterschied zwischen früher und heute: Die beiden jungen Männer geloben nicht die ewige Freundschaft, sondern sie streiten sich offen. Das Foto erschien, bevor es zu Twitter gelangte, zuerst im SPD-Organ Vorwärts – zu einem Streitgespräch. Stoßen da nicht zwei Ellenbogen fast aneinander? Also, schauen wir uns das Foto mal genauer an, bevor wir aus ihm falsche Schlüsse für die beiden frisch Fotografierten ziehen. Kühnert und Klingbeil brauchen als Kulisse weder Saarschleifen noch Brandenburger Tore. Ihnen reichen weiße Wände, ein schnöder Konferenztisch und ein leeres Bücherregal. In dieses IKEA-Büro passen die übergroßen Egos der Altgedienten gar nicht rein.

Wohltuend, zärtlich und berührend an dem Bild ist nicht nur das brav lächelnde Paar, sondern auch die Demut, die von ihm ausgeht. Nach dem Irrsinn der vergangenen Wochen könnte sich die Harmonie vor weißer Leere als Vorbote einer neuen SPD erweisen, in der sich zuerst gestritten und irgendwann später vielleicht sogar ein wenig gemocht wird.

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