Kinderkrankheiten "Ich muss spucken!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 10/2018

Das Erstaunliche an Juli ist, dass sie fast nie krank ist. Bei ihren Schwestern habe ich das ganz anders in Erinnerung. Lotta und Greta waren als Kleinkinder ständig bettlägerig. Vor allem im Winter. Sie gingen in die Kita, kamen nach Hause und hatten Fieber. Dann blieben sie zu Hause, gesundeten, gingen wieder in die Kita und kamen mit der nächsten Krankheit wieder nach Hause. Oft blieb es nicht beim Fieber, sie bekamen Ohrenentzündungen. Ohrenentzündungen sind schrecklich, die Kinder weinen, weil der Eiter auf das Trommelfell drückt. Der Arzt verschreibt Antibiotika. Vor allem Amoxicillin. Ein schleimiger Saft mit Himbeergeschmack. Die beiden haben in ihren ersten Jahren so viel Himbeerschleim geschluckt wie andere Kinder Capri-Sonne. Jetzt mögen sie keine Himbeeren mehr. Schlimm ist es, was die Kinderkrankheiten aus einem selbst machen. Ich wäre gerne ein tröstender Vater. Stattdessen werde ich zum Epidemiologen. Besonders, wenn der Norovirus kommt. Sobald ich den Satz höre: "Ich muss spucken!", verwandle ich die Wohnung in eine Desinfektionsanstalt. Wo immer jemand spucken muss, bin ich mit Sagrotan dabei, besprühe Klobrillen und Türklinken, benetze Kleidungsstücke und wasche Hände. Neben der Krankheitserfahrung lernen meine Kinder so, wie man sich im Mittelalter als Pestkranker gefühlt haben muss. Zum Glück haben sie eine Mutter, die weniger angstvoll ist. Sie kuschelt mit den kranken Kindern, als seien sie kein epidemisches Risiko. Es ist gut, dass sie als Korrektiv da ist, sonst würde ich im ABC-Schutzanzug durch die Wohnung gehen.

Ich dachte schon, Juli würde nie mehr krank, aber kürzlich war es doch so weit. Ich hatte sie schon morgens für die Kita fertig angezogen. Normalerweise poltert Juli mit lautstarkem Optimismus in den anbrechenden Tag, sodass sich erübrigt, noch irgendjemanden sonst in der Wohnung zu wecken. Wenn Juli einmal aufgewacht ist, ist an Schlaf nicht mehr zu denken.

Nun aber war das Kind merkwürdig still, und als ich nach ihr sah, lag sie auf dem Sofa und war wieder eingeschlafen. Also blieben wir zu Hause – Juli und ich. Sie war zwei Tage fiebrig. Dann ging es ihr besser, dann wieder etwas schlechter. Also blieb sie noch einen Tag zu Hause und noch einen. Ich nahm mir vor, diesmal kein Hypochonder zu sein. Und tatsächlich war ich außerordentlich entspannt. Wir lungerten zusammen auf dem Sofa und schauten Kinderserien. Juli trank warmen Kakao. Ich trank warmen Kakao. Ich bekam den Eindruck, dass kranke Kinder auch angenehme Seiten haben. Ich hörte keine Widerworte, stattdessen dankbare Duldsamkeit. Wohin ich Juli auch bettete, sie blieb liegen, wie ein großes Kuscheltier. Wir hatten eine beschauliche Zeit.

Dann ging meine Frau doch mal mit ihr zum Arzt. Er nahm eine Speichelprobe. Kurz darauf ging es Juli besser. Ich merkte es daran, dass sie wieder anfing, mich zu korrigieren, wenn ich ihr ein Buch vorlas. Dann kam der Anruf aus der Praxis. Unsere Tochter habe sich mit Influenza infiziert. Es sei hochansteckend. Demnächst werde sich das Gesundheitsamt melden, wegen der Seuchenprävention. Sofort wurde mir wieder bewusst, dass auch niedliche Kinderkrankheiten eine ziemlich ernste Sache sind. Seitdem warte ich auf den Ausbruch der Symptome bei mir. Hoffentlich kommt bald der Frühling.

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