Klaas Heufer-Umlauf "Zynismus ist mir zu undynamisch"

© ProSieben/Claudius Pflug
99 Fragen an Klaas Heufer-Umlauf Interview:
ZEITmagazin Nr. 10/2018

Ein Nachmittag in den Räumen seines Managements in Berlin-Kreuzberg. Da sitzen halbjunge, sympathische Leute mit Kaffeetassen auf Sofas rum, und er steht dazwischen: Klaas Heufer-Umlauf, 34. Er ist bekanntermaßen nicht besonders groß, seine Erscheinung nicht besonders eindrucksvoll (Fusselbart, Kapuzenpullover, New-Balance-Turnschuhe). Er ist – so lässt sich das sagen – nach Günther Jauch die kommende große Konsensfigur im deutschen Fernsehen und neben Jan Böhmermann die eine von zwei Figuren im deutschen Fernsehen, die es richtig bringen. Wie würde man die Könnerschaft von Klaas Heufer-Umlauf in zwei Sätzen beschreiben? Er bleibt, erstens, locker. Und er ist, zweitens, einen Tick intelligenter und aufmerksamer als die anderen Spaßmacher im Fernsehen. Nach einer grandiosen Quatschkarriere mit seinem Partner Joko Winterscheidt – MTV Home, neoParadise, Circus HalliGalli, den Samstagabend-Shows Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt und Die beste Show der Welt – überraschte er vor der Bundestagswahl mit komplett humorlosen, sehr gut geführten politischen Interviews auf ProSieben. Jetzt macht er das, was als Königsdisziplin im Fernsehen gilt: Am 12. März startet auf ProSieben seine wöchentliche Late-Night-Show. Platz nehmen in einem Konferenzraum. Natürlich muss das, soll das hier knallen, auch ein politisches Gespräch werden. Der Interviewer kündigt an, dass ein paar asoziale unter den 99 Fragen sein werden, und er antwortet mit seinem legendären "Das schaffen Sie nicht, mir auf die Nerven zu gehen"-Gesicht.

1 Rosen oder Nelken?

Nelken.

2 Friseure oder Kfz-Mechaniker?

Friseure.

3 Palina oder Jeannine?

Das kann ich nicht als Entweder-oder-Frage beantworten. Das finde ich gemein. Sich als Mann hier hinsetzen und darüber entscheiden, welche Frau besser ist: nein.

4 Andrea Nahles oder Julia Klöckner?

Okay. Für Politikerinnen mache ich da natürlich eine Ausnahme. Hart zu sagen in diesen Tagen. Aber dann doch Nahles.

Achtung! Er hat, gleich in der dritten Antwort, einen Tanzschritt hingelegt und so etwas wie ein moralisches Bewusstsein gezeigt. Spannung.

5 Wie geht es Deutschland?

Selten wurde die Realität so freigelegt wie in diesen Tagen und Wochen. Wenig Design. Viel Wahrheit. Ich glaube auch: Für Deutschland besteht momentan bei Tinder akute Gefahr, nach links gewischt zu werden.

6 Wie geht es Joko?

Gut! Sehr gut! Zuletzt haben wir uns auf einen kleinen Termin getroffen. Wir sind dann gemeinsam mit dem Auto ins Büro gefahren: rumhängen, ein paar wichtige Dinge besprechen, dann rumfaseln. Wie immer.

7 Ganz grob: Verstehen Sie sie noch, die sogenannten jungen Menschen, oder sind Sie auch schon in dem Alter, in dem Sie eigentlich nichts mehr verstehen?

Ein paar Dinge verstehe ich nicht mehr, aber das ist doch auch ganz schön. Ein Beispiel: Während wir einer Generation entstammen, der es peinlich ist, auf Instagram mit Geld und Marken anzugeben, also uns eher dezent an die Seite stellen und den Ball flach halten – selbst wenn man es hat, muss man es doch nicht so zeigen –, fehlt der nachwachsenden Generation dieses Empfinden völlig. Die gehen den American Way und hauen einfach raus, was sie haben. Das ist eine neue Mentalität, die ich nicht mehr ganz verstehe.

So weit: das Aufwärmprogramm. Fragen zur neuen Fernsehsendung.

8 Die Helene Fischer haben Sie auch schon zu Ihrer neuen Late-Night-Show eingeladen?

Nein. Sie ist ja auch sehr erkältet. Nicht dass wir uns da noch anstecken. Wir haben nämlich noch viel vor.

9 In wenigen Sätzen: Warum wird die richtig super, Ihre wöchentliche Late-Night-Show, die am 12. März auf ProSieben startet?

Es ist das erste Mal, dass wir uns eines klassischen Genres annehmen. Deshalb haben wir es auch Late Night Berlin genannt und die drei Zettel mit witzigen Namen, die wir immer haben, in die Ecke geschmissen und gesagt: Wir nennen es so, wie es heißt. So eine Late-Night-Show hat gewisse Outlines, die eingehalten werden müssen: Es gibt eine Band, einen Stand-up, einen Gast und einen sehr schönen Anzug, den ich tragen werde.

10 Was ist schwieriger, einen guten Witz über die AfD zu reißen oder eine wöchentliche Late-Night-Show im deutschen Fernsehen zu etablieren?

Das sind zwei Disziplinen, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Die eine hat auch eine moralische Komponente.

11 Haben Sie den Satz schon parat, den Sie sagen werden, wenn ProSieben Ihre Late-Night-Show wieder absetzt?

Ja, dann heißt es wieder hinten anstellen. Was will man da noch groß sagen? Wenn so eine Sendung abgesetzt wird, dann hören eh nicht mehr so viele Leute zu. Wir geben jetzt erst mal Vollgas. Das Prinzip "Alles auf eine Karte setzen", das will ich als Zuschauer genauso spüren wie als Moderator.

Sein Oldenburgerisch oder wie man das nennt (norddeutsche Sprachfärbung). Ihn noch mal angucken: Die sanfte Müdigkeit des Berliner Kulturschaffenden, der sich ab 16 Uhr um die Kinder kümmert, steht ihm im Gesicht. Es ist längst das passiert, was auch beim Joko-und-Klaas-Gucken im Fernsehen immer passierte: Man fühlt sich wohl, man hat ihn unmittelbar gerne, ja, es setzt in Anwesenheit dieses Mannes eine regelrechte Feierabend-Entspanntheit ein. Das ungemein Sympathische des Klaas Heufer-Umlauf, es steckt ganz konkret in seinem teddyhaften Körper und in seinen freundlichen Augen. Phänomen: Während sein großer Antipode Jan Böhmermann sich ins Zeug legen muss, um seine brillante Weirdness, Angespanntheit und die Distanz zu seinem Publikum zu überwinden, muss dieser Fernsehmann nur bissl genervt rumsitzen.

12 Rock-’n’-Roll-Realschule?

Auf jeden Fall Realschule.

13 German Mittelstand forever?

Na klar, warum nicht. Da entstehen die guten Geschichten.

14 Haben Sie ein Herz für Spießer?

Ich habe ein Herz für Bürgerlichkeit. Für Ruhe. Und für eine Mittelklasse, die sich benimmt.

"Ich habe ein Herz für eine Mittelklasse, die sich benimmt": super.

15 Gottschalk aus Kulmbach, Schmidt aus Neu-Ulm, Böhmermann aus Bremen-Vegesack, Heufer-Umlauf aus Oldenburg: Warum kommt ihr großen Fernseh-Unterhalter alle aus der Kleinstadt?

In einer Kleinstadt lernst du früh deine Möglichkeiten kennen. Du hast kaum Ablenkung. Du musst dir selber alles ausdenken. Die dauernde Drohung der Kleinstadt, die du unterschwellig immer spürst, dass du es hier vielleicht nicht rausschaffst, setzt die Energien frei.

16 Sind Sie ein Fernsehtyp?

Beim Machen oder Gucken? Bei mir ist rausgucken momentan häufiger als reingucken.

17 Sind Sie ein Quatschvogel?

Ach ja. Beizeiten.

18 Ist "Spaßfabrikant" das denkbar trostloseste Wort auf Erden?

Das klingt auf irgendeine Art schrecklich. Ich weiß gerade nicht genau, auf welche.

19 Die unvermeidliche Frage: Warum wollt ihr Schauspieler und Fernsehleute eigentlich letzten Endes immer alle mit einer Gitarre auf der Bühne stehen?

Die Grundfrage lautet: Warum will man als Mensch überhaupt im Mittelpunkt stehen? Uns allen zugrunde liegt eine charakterliche Disposition, die es möglich macht, dass wir uns auf die Bühne trauen. Ob man das alles immer so gut macht, ist eine ganz andere Frage. Noch eine kleine Korrektur: Ich halte ja gar keine Gitarre, ich bin der Sänger meiner Band.

20 Ist das Ihr Traum, als Popstar so groß zu werden, dass Sie gar kein Fernsehen mehr machen müssen?

Das würde alles kaputt machen. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein Hit.

21 "Was soll der rechte Winkel in deinem Garten": Können Sie jetzt, um Himmels willen, etwas zu deutschen Liedtexten sagen?

Diese Zeile stammt aus Immer noch da, einem der am einfachsten zu dechiffrierenden Songs bei uns. Der Text handelt von einem Geflüchteten aus seiner eigenen Perspektive mit dem Blick auf unser Land und unsere Gesellschaft. Auch wir liberalen Bildungsbürger, die angeblich ein linkes Herz haben, neigen zur Methode "Aus den Augen, aus dem Sinn". Der Flüchtling, der nicht direkt vor unserem Gartentor steht, ist für uns kein Problem mehr. Die extreme Ignoranz unserer Gesellschaft macht mich wahnsinnig, und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich Menschen fühlen, die vor den Außengrenzen der EU versauern und als gelöstes Problem gelten.

Hoppla, dies war seine erste politische Aussage, und er klingt gleich wie Campino. Man fragt sich, warum das Bekennerhafte bei ihm so unaufgesetzt daherkommt beziehungsweise ob Campino mit seinem politischen und sozialen Engagement in all den Jahren nicht eh immer richtiglag. Wir klopfen nun das Medienverhalten des Medienprofis Heufer-Umlauf ab.

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