Klaas Heufer-Umlauf "Zynismus ist mir zu undynamisch"

© David Fischer
99 Fragen an Klaas Heufer-Umlauf Interview:
ZEITmagazin Nr. 10/2018

Ein Nachmittag in den Räumen seines Managements in Berlin-Kreuzberg. Da sitzen halbjunge, sympathische Leute mit Kaffeetassen auf Sofas rum, und er steht dazwischen: Klaas Heufer-Umlauf, 34. Er ist bekanntermaßen nicht besonders groß, seine Erscheinung nicht besonders eindrucksvoll (Fusselbart, Kapuzenpullover, New-Balance-Turnschuhe). Er ist – so lässt sich das sagen – nach Günther Jauch die kommende große Konsensfigur im deutschen Fernsehen und neben Jan Böhmermann die eine von zwei Figuren im deutschen Fernsehen, die es richtig bringen. Wie würde man die Könnerschaft von Klaas Heufer-Umlauf in zwei Sätzen beschreiben? Er bleibt, erstens, locker. Und er ist, zweitens, einen Tick intelligenter und aufmerksamer als die anderen Spaßmacher im Fernsehen. Nach einer grandiosen Quatschkarriere mit seinem Partner Joko Winterscheidt – MTV Home, neoParadise, Circus HalliGalli, den Samstagabend-Shows Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt und Die beste Show der Welt – überraschte er vor der Bundestagswahl mit komplett humorlosen, sehr gut geführten politischen Interviews auf ProSieben. Jetzt macht er das, was als Königsdisziplin im Fernsehen gilt: Am 12. März startet auf ProSieben seine wöchentliche Late-Night-Show. Platz nehmen in einem Konferenzraum. Natürlich muss das, soll das hier knallen, auch ein politisches Gespräch werden. Der Interviewer kündigt an, dass ein paar asoziale unter den 99 Fragen sein werden, und er antwortet mit seinem legendären "Das schaffen Sie nicht, mir auf die Nerven zu gehen"-Gesicht.

1 Rosen oder Nelken?

Nelken.

2 Friseure oder Kfz-Mechaniker?

Friseure.

3 Palina oder Jeannine?

Das kann ich nicht als Entweder-oder-Frage beantworten. Das finde ich gemein. Sich als Mann hier hinsetzen und darüber entscheiden, welche Frau besser ist: nein.

4 Andrea Nahles oder Julia Klöckner?

Okay. Für Politikerinnen mache ich da natürlich eine Ausnahme. Hart zu sagen in diesen Tagen. Aber dann doch Nahles.

Achtung! Er hat, gleich in der dritten Antwort, einen Tanzschritt hingelegt und so etwas wie ein moralisches Bewusstsein gezeigt. Spannung.

5 Wie geht es Deutschland?

Selten wurde die Realität so freigelegt wie in diesen Tagen und Wochen. Wenig Design. Viel Wahrheit. Ich glaube auch: Für Deutschland besteht momentan bei Tinder akute Gefahr, nach links gewischt zu werden.

6 Wie geht es Joko?

Gut! Sehr gut! Zuletzt haben wir uns auf einen kleinen Termin getroffen. Wir sind dann gemeinsam mit dem Auto ins Büro gefahren: rumhängen, ein paar wichtige Dinge besprechen, dann rumfaseln. Wie immer.

7 Ganz grob: Verstehen Sie sie noch, die sogenannten jungen Menschen, oder sind Sie auch schon in dem Alter, in dem Sie eigentlich nichts mehr verstehen?

Ein paar Dinge verstehe ich nicht mehr, aber das ist doch auch ganz schön. Ein Beispiel: Während wir einer Generation entstammen, der es peinlich ist, auf Instagram mit Geld und Marken anzugeben, also uns eher dezent an die Seite stellen und den Ball flach halten – selbst wenn man es hat, muss man es doch nicht so zeigen –, fehlt der nachwachsenden Generation dieses Empfinden völlig. Die gehen den American Way und hauen einfach raus, was sie haben. Das ist eine neue Mentalität, die ich nicht mehr ganz verstehe.

So weit: das Aufwärmprogramm. Fragen zur neuen Fernsehsendung.

8 Die Helene Fischer haben Sie auch schon zu Ihrer neuen Late-Night-Show eingeladen?

Nein. Sie ist ja auch sehr erkältet. Nicht dass wir uns da noch anstecken. Wir haben nämlich noch viel vor.

9 In wenigen Sätzen: Warum wird die richtig super, Ihre wöchentliche Late-Night-Show, die am 12. März auf ProSieben startet?

Es ist das erste Mal, dass wir uns eines klassischen Genres annehmen. Deshalb haben wir es auch Late Night Berlin genannt und die drei Zettel mit witzigen Namen, die wir immer haben, in die Ecke geschmissen und gesagt: Wir nennen es so, wie es heißt. So eine Late-Night-Show hat gewisse Outlines, die eingehalten werden müssen: Es gibt eine Band, einen Stand-up, einen Gast und einen sehr schönen Anzug, den ich tragen werde.

10 Was ist schwieriger, einen guten Witz über die AfD zu reißen oder eine wöchentliche Late-Night-Show im deutschen Fernsehen zu etablieren?

Das sind zwei Disziplinen, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Die eine hat auch eine moralische Komponente.

11 Haben Sie den Satz schon parat, den Sie sagen werden, wenn ProSieben Ihre Late-Night-Show wieder absetzt?

Ja, dann heißt es wieder hinten anstellen. Was will man da noch groß sagen? Wenn so eine Sendung abgesetzt wird, dann hören eh nicht mehr so viele Leute zu. Wir geben jetzt erst mal Vollgas. Das Prinzip "Alles auf eine Karte setzen", das will ich als Zuschauer genauso spüren wie als Moderator.

Sein Oldenburgerisch oder wie man das nennt (norddeutsche Sprachfärbung). Ihn noch mal angucken: Die sanfte Müdigkeit des Berliner Kulturschaffenden, der sich ab 16 Uhr um die Kinder kümmert, steht ihm im Gesicht. Es ist längst das passiert, was auch beim Joko-und-Klaas-Gucken im Fernsehen immer passierte: Man fühlt sich wohl, man hat ihn unmittelbar gerne, ja, es setzt in Anwesenheit dieses Mannes eine regelrechte Feierabend-Entspanntheit ein. Das ungemein Sympathische des Klaas Heufer-Umlauf, es steckt ganz konkret in seinem teddyhaften Körper und in seinen freundlichen Augen. Phänomen: Während sein großer Antipode Jan Böhmermann sich ins Zeug legen muss, um seine brillante Weirdness, Angespanntheit und die Distanz zu seinem Publikum zu überwinden, muss dieser Fernsehmann nur bissl genervt rumsitzen.

12 Rock-’n’-Roll-Realschule?

Auf jeden Fall Realschule.

13 German Mittelstand forever?

Na klar, warum nicht. Da entstehen die guten Geschichten.

14 Haben Sie ein Herz für Spießer?

Ich habe ein Herz für Bürgerlichkeit. Für Ruhe. Und für eine Mittelklasse, die sich benimmt.

"Ich habe ein Herz für eine Mittelklasse, die sich benimmt": super.

15 Gottschalk aus Kulmbach, Schmidt aus Neu-Ulm, Böhmermann aus Bremen-Vegesack, Heufer-Umlauf aus Oldenburg: Warum kommt ihr großen Fernseh-Unterhalter alle aus der Kleinstadt?

In einer Kleinstadt lernst du früh deine Möglichkeiten kennen. Du hast kaum Ablenkung. Du musst dir selber alles ausdenken. Die dauernde Drohung der Kleinstadt, die du unterschwellig immer spürst, dass du es hier vielleicht nicht rausschaffst, setzt die Energien frei.

16 Sind Sie ein Fernsehtyp?

Beim Machen oder Gucken? Bei mir ist rausgucken momentan häufiger als reingucken.

17 Sind Sie ein Quatschvogel?

Ach ja. Beizeiten.

18 Ist "Spaßfabrikant" das denkbar trostloseste Wort auf Erden?

Das klingt auf irgendeine Art schrecklich. Ich weiß gerade nicht genau, auf welche.

19 Die unvermeidliche Frage: Warum wollt ihr Schauspieler und Fernsehleute eigentlich letzten Endes immer alle mit einer Gitarre auf der Bühne stehen?

Die Grundfrage lautet: Warum will man als Mensch überhaupt im Mittelpunkt stehen? Uns allen zugrunde liegt eine charakterliche Disposition, die es möglich macht, dass wir uns auf die Bühne trauen. Ob man das alles immer so gut macht, ist eine ganz andere Frage. Noch eine kleine Korrektur: Ich halte ja gar keine Gitarre, ich bin der Sänger meiner Band.

20 Ist das Ihr Traum, als Popstar so groß zu werden, dass Sie gar kein Fernsehen mehr machen müssen?

Das würde alles kaputt machen. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein Hit.

21 "Was soll der rechte Winkel in deinem Garten": Können Sie jetzt, um Himmels willen, etwas zu deutschen Liedtexten sagen?

Diese Zeile stammt aus Immer noch da, einem der am einfachsten zu dechiffrierenden Songs bei uns. Der Text handelt von einem Geflüchteten aus seiner eigenen Perspektive mit dem Blick auf unser Land und unsere Gesellschaft. Auch wir liberalen Bildungsbürger, die angeblich ein linkes Herz haben, neigen zur Methode "Aus den Augen, aus dem Sinn". Der Flüchtling, der nicht direkt vor unserem Gartentor steht, ist für uns kein Problem mehr. Die extreme Ignoranz unserer Gesellschaft macht mich wahnsinnig, und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich Menschen fühlen, die vor den Außengrenzen der EU versauern und als gelöstes Problem gelten.

Hoppla, dies war seine erste politische Aussage, und er klingt gleich wie Campino. Man fragt sich, warum das Bekennerhafte bei ihm so unaufgesetzt daherkommt beziehungsweise ob Campino mit seinem politischen und sozialen Engagement in all den Jahren nicht eh immer richtiglag. Wir klopfen nun das Medienverhalten des Medienprofis Heufer-Umlauf ab.

© David Fischer

22 Ist Lustigsein überhaupt noch cool?

Nee. Nur lustig sein ist nicht cool. Aber nur cool sein ist auch nicht cool.

23 Inwiefern hat sich Lustigsein seit dem Einzug der AfD in den Bundestag verändert?

Es hat sich verändert. Man muss aufpassen, dass man aus der AfD nicht den Seppelhut macht, den man früher der FDP aufgesetzt hat. Das Witzemachen, das muss man klar sehen, legitimiert die AfD. Für mich stellt sich die Frage, ob man die Leute dieser Partei überhaupt in den Kreis der großen Politiker aufnehmen sollte, über den man in Shows und Kabaretts Witze macht. Für mich gehören sie da nicht hin. Lassen Sie es mich klar sagen: Jeder Witz verharmlost die AfD. Das Einzige, was man immer wieder über die AfD sagen muss, ist, dass sie eine furchtbare und rassistische Partei ist.

24 Welchen deutschen Influencer außer Micky Beisenherz empfehlen Sie?

Kai Pflaume.

25 Was ist beim Selfie-Schießen zu beachten?

Nicht aufs eigene Bild schauen, sondern in die Kamera.

26 Was ist beim Sexbilder-Verschicken zu beachten?

Nicht tun.

27 Was war auf dem letzten Nacktbild zu sehen, das Klaas Heufer-Umlauf von sich verschickt hat?

Ich habe das Foto nicht gemacht, geschweige denn verschickt. Es gibt diesen einen Tipp für Leute, die sich darüber wundern, dass ihre Geschlechtsteile irgendwann im Internet landen: nicht machen.

28 Was ist zu beachten, wenn man einen Twitter-Account mit 1.800.000 Followern bedient?

Weder eine Werbeplattform betreiben noch ein schlecht geführtes Tagebuch. Zwei Dinge sind wichtig: genau wissen, was man da schreibt, und sich nicht allzu viel Mühe geben.

29 Man sagt ja immer, dass die, die später im Beruf lustige Typen sind, sich in ihrer Kindheit und Schulzeit entweder wahnsinnig gelangweilt haben oder schwere Erniedrigungen hinnehmen mussten. Richtig?

Ich wurde weder erniedrigt, noch musste ich mir aus einem Mangelgefühl heraus Gehör verschaffen. Das war nie mein Problem. Ich komme aus einer extrem glücklichen Kindheit, eingebettet in viele tolle Freunde und liebe Eltern. Nein, bei mir war der Schritt in die Öffentlichkeit eher die Panik davor, dass man später etwas Richtiges arbeiten muss. Ich habe schlicht kein Talent an mir entdeckt, mit dem ich in einem normalen, bürgerlichen Beruf hätte richtig gut werden können.

30 Ist das wirklich schön, an einem Samstagabend auf ProSieben vor Millionen von Fernsehzuschauern auf eine Bühne mit Unterbodenbeleuchtung zu treten?

Ich find’s okay. Mir macht das Spaß, ja. Ich habe da keinen Druck, keine Angst. Natürlich gibt es Momente, in denen man eine gewisse Panik verspürt, aber ganz ehrlich, die hatte ich auch in meiner Friseurausbildung – wenn man abends um 21 Uhr mit dem Stielkamm bewaffnet am Puppenkopf steht und Dauerwelle übt.

Wir versuchen nun in den nächsten Fragen, ihn einmal platt psychologisch und dann über ein paar Äußerlichkeiten zu begreifen.

31 Sind Doppelnamen, gegen alle Gerüchte, doch irgendwie gut?

Es ist ganz witzig, ja. Und es hat mich immer vor der Eitelkeit bewahrt, eine Sendung nach meinem Nachnamen zu benennen.

32 Richtig, dass der Umstand, dass Ihre Mutter als Krankenpflegerin geschuftet hat, Sie zu einem moralisch empfindenden und politischen Menschen gemacht hat?

Genau. Und sie hat es nie explizit ausgesprochen. Ich habe mit meiner Mutter nie über Politik, wir haben über ihr Leben gesprochen. Das hat mich zu einem politischen Menschen gemacht.

33 Wären Sie gerne 15 Zentimeter größer?

Nee.

34 Wären Sie auch gerne zehn Kilogramm schwerer?

Manchmal wäre ich gerne dicker, ja. Ich nehme in Stresssituationen schnell ab, ich bin kein guter Esser. Wenn jemand zu mir sagt: "Du hast aber abgenommen", dann fühle ich mich unwohl. Es ist für mich immer ein Zeichen dafür, dass ich versagt habe beim Essen. Mit 34 darf man nicht mehr so dünn sein. Es sieht schnell nach Stressleben aus.

35 Was hat der fette Goldring an Ihrem linken Ringfinger zu bedeuten?

Ein Geschenk meiner Frau. Habe ich zum Geburtstag bekommen.

36 Die Fred-Perry-Polohemd-Phase haben Sie hinter sich?

Nee.

37 Finden Sie auch, dass Sie manchmal ein bisschen wie Lukas Podolski aussehen?

Ja! Vor allem wenn ich kurze Haare habe. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir beide einen polnischen Einschlag in der Familie haben. Einmal saß Lukas Podolski neben mir – ich konnte uns selber kaum auseinanderhalten. Ich wäre fast zum Training gegangen danach.

38 Kann man sagen, dass Sie vom Style her natürlich auf Siebziger-Jahre-Cop-Serie-aus-den-USA machen?

Ich habe mich offensichtlich völlig unbewusst in diese Richtung entwickelt. Da frage ich mich: Wo sind meine Freunde, die nicht rechtzeitig Stopp gesagt haben?

39 Kann man auch sagen, dass Sie in diesen nicht mehr ganz jungen Jahren ein bisschen auf Jürgen von der Lippe machen?

Sie meinen das Hawaii-Hemd? Aber klar, ja. Ich probiere, irgendwann mal im Leben ein perfekter Jürgen von der Lippe zu werden.

40 Das bisher beste Erlebnis mit einem Klaas-Heufer-Umlauf-Groupie?

Wenn man feststellt, das sind überraschend schlaue Leute, die sich aus den richtigen Gründen mit Sachen identifizieren, die man macht, und nicht mit einem selbst. Ich bin ansonsten, glaube ich, gar nicht so ansprechbar.

Eine feine, eine menschenfreundliche Antwort, die bei ihm aber komischerweise wieder nicht blöd und unglaubwürdig wirkt. Tür auf. Man stellt ihm einen Sushi-Teller mit Best-Friends-Roll und Edamame hin. Wir kämmen nun seine Karriere durch, sprechen über die goldenen Regeln des Fernsehmachens.

41 Sind es eher 20 oder 50 Millionen auf Ihrem Konto?

Für die Öffentlichkeit immer eher 50.

42 Stimmt die beinharte Einschätzung Ihres Produktionsfirmenchefs, dass Sie "null Komma null Berührungsängste mit Werbung" haben?

Das würde ich so nicht stehen lassen, nein. Ich habe kein Problem mit dem Prinzip Werbung. Ich hätte deutlich – deutlich – mehr Werbung machen können, als ich es tatsächlich getan habe.

43 Rügenwalder Salami, Mentos, Gillette-Rasierer, Bahlsen-Cookies, VW: Welche Firma wäre nicht okay?

Ach so, wir hatten mal Live-Werbeblocks in den Sendungen. Ansonsten habe ich mit all diesen Firmen nichts zu tun. Ich habe vor hundert Jahren mal Werbung für die Sparkasse gemacht und aktuell für eine Limo.

44 Was war noch mal die Idee von Circus HalliGalli?

Zwei Sätze über die Sendung haben sich mit den Jahren ziemlich erfüllt: Kinderfernsehen für Erwachsene. Und: Fernsehen am Milchzahn der Zeit.

45 War Duell um die Geld der freiste, locker-geschütteltste Fernsehshowtitel, den es je gab?

Ja, kann sein. Wir haben einfach versucht, im Windschatten alter Erfolge den Reibach zu machen.

46 Echt wahr, dass Sie mal beim Musikfernsehen waren?

Ja. Sechs Jahre lang.

47 Stimmt das überhaupt, dass Joko und Klaas ihre Karriere, wie immer geschrieben wird, mit pubertärem Quatsch gemacht haben?

Es kommt darauf an, durch welche Brille man das anschaut. Wenn man etwas anderes als pubertären Quatsch bei uns finden wollte, dann wurde man immer fündig. Andererseits: Wenn Joko auf einem Floß fährt und eine Torte in der Hand hält und ich ihn mit drei Chinaböllern da runterschieße, da gehen mir im Nachhinein auch die Argumente aus.

48 Ein paar Worte zum Timing.

Ich habe da ganz interessante Dinge zum Timing. Können wir auf die Frage vielleicht später noch mal zurückkommen?

49 Ein paar Worte zur Beleuchtung in Fernsehshows.

Für alle die, die kein Fernsehen machen: Man kennt doch diesen Moment bei einer Party. Es läuft ganz gut, und plötzlich lehnt sich einer an den Lichtschalter. Ich sage: Mehr dunkle Fernsehshows! Mehr Schatten würde so mancher Show in Deutschland guttun.

50 Die wichtigste Fernsehregel?

Zitat Rudi Carrell: Wer ein Ass aus dem Ärmel ziehen möchte, muss es vorher da reinstecken.

51 Spontaneität gut, Kontrolle besser?

Ich bin ein tierischer Vorbereiter, oh ja. Es besteht praktisch überhaupt kein Verlass auf die eigene Tagesform. Ich muss immer eins von beidem wissen – die Haltung, mit der ich rausgehe, oder meinen Text. Du kannst ohne Text rausgehen, wenn du deine Haltung kennst. Manchmal bist du unterprobt und hast auch noch ein Haltungsproblem. Dann wird es wacklig. Anders gesagt: Es ist immer gut, wenn du während der Sendung loslässt. Aber dazu musst du erst mal etwas haben, das du loslassen kannst.

52 Richtige Beobachtung, dass Ihre schärfste Waffe Ihr super Lächeln ist?

Ich glaube, man muss sich eher abgewöhnen, zu viel zu lächeln. Lustig ist etwas anderes als fröhlich.

53 Wie lautet Ihre zentrale Interview-Frage an die Menschheit?

Zitat Harald Schmidt: "Wie war der Urlaub?"

54 Ganz spontan: Welcher Satz im Fernsehen geht immer?

Zitat Stefan Raab: "Ich weiß nicht, ob Sie das hier schon gesehen haben?"

55 Ist Unangestrengtheit das Allerallerwichtigste?

Das will man sehen, ja. Ich habe keine Lust, als Zuschauer Teil irgendeiner Anstrengung zu sein.

56 Richtiger Eindruck, dass Ihr Ego auf sehr telegene Art nur mittelgroß ausgebildet ist?

Ich habe Leute in meinem Team, die mich seit Jahren kennen und die im richtigen Moment sagen: Jetzt halt die Fresse. Das muss man sich dann gefallen lassen. Meine Aufgabe als Entertainer ist es, neben mir zu stehen und mich selber zu beobachten. Das heißt auch, den An- und Ausschalter zu kennen zu meinem naturgemäß großen Ego-Ding.

Zwischenstand: etwa 20 Minuten geredet. Leichte Unruhe beim Unterhaltungsprofi – er fühlt sich noch nicht herausgefordert. Jetzt muss das kommen, was beim Lesen immer das Schönste ist: wenn ein scheinbarer Quatschkopf plötzlich klarer, frischer und überzeugender spricht als unsere gewählten Politiker. Thema: Deutschland, diese politisch irre aufgeheizten, fast hysterischen Wochen zwischen SPD-Mitgliedervotum und Bildung der nächsten Bundesregierung.

57 Was sagt Ihnen das über Deutschland, dass Günther Jauch Jahr für Jahr zum populärsten Deutschen gewählt wird?

Das ist die Sehnsucht nach guter Beständigkeit. Ich finde Günther Jauch absolut okay. Wenn wir uns irgendwo treffen, haben wir immer etwas zu besprechen.

58 Wer ist der derzeit allertollste Deutsche?

Das ist so ... keine Ahnung. Wenn es gedruckt ist, stimmt die Antwort schon nicht mehr. Es ist ein bisschen wie auf der Autobahn: Man kann da nicht der Erste sein. Es fahren immer wieder Leute auf und ab.

59 Wer ist der derzeit größte deutsche Depp?

Siehe meine letzte Antwort. Wenn man beim Bild der Autobahn bleibt, kann man vielleicht sagen, dass Alexander Gauland gerade links die Lichthupe macht.

60 Ihr derzeitiger Lieblingsproll im deutschen Fernsehen?

Jan Böhmermann.

61 Können Sie in ein paar Sätzen erklären, wer Lena Gercke ist?

Sie hat mal Germany’s next Topmodel gewonnen. Kurz nach dem Krieg.

62 Ganz aktuell, wo auf der langen Skala zwischen "größter Deutscher, der je gelebt hat" und Volldepp steht Boris Becker aktuell für Sie?

Größter Deutscher. Für immer. Ganz klar. Boris Becker ist unantastbar.

63 Welcher deutsche Intellektuelle begeistert Sie?

Aiman Abdallah von Galileo. Der weiß halt alles. Er weiß, wie man Gabeln herstellt, er weiß, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert.

64 Korrekt, dass die sogenannten Prominenten etwa in den letzten fünf Jahren – exakt seitdem es Instagram gibt – einen Bedeutungsabsturz hingelegt haben?

Durch Instagram ist natürlich eine Berühmtheits-Inflation eingetreten. Mich rührt auch, zu sehen, dass viele Stars der alten Garde nicht verstehen, dass die alte Regel "Willst du gelten, mach dich selten" nicht mehr so richtig hinhauen mag. Die sitzen zu Hause und halten sich für mysteriös, während die nächste Generation das Buffet abräumt.

65 Fremdenfeindlichkeit nicht gut, Europa gut: Ist das, zusammengefasst, Ihr politischer Standpunkt?

Ganz ironiefrei: ja. Europa ist das Einzige, was hilft. Fremdenfeindlichkeit ist das Letzte. Das Aussortieren von Menschen über Herkunft ist ekelhaft. Ich hasse jede Fremdenfeindlichkeit. Ich hasse jede Absage an die Gemeinschaft Europa.

66 Haben Sie kapiert, was diese sachgrundlose Befristung ist, von der die Koalitionäre jetzt immer reden?

Ich verstehe, wohin die Frage zielt. Es ist alles so ein bisschen technisch, was man da verhandelt hat. Ich denke, man versteht nur die Dinge bis ins Mark, die einen selber betreffen. Wer zwei Kinder und einen Job auf Zeit hat, den wird die sachgrundlose Befristung nicht kaltlassen.

67 Ministerien auf Zeit, freies WLAN, Grundeinkommen für alle: Welches dieser angeblichen Junge-Leute-Themen aus der Politik kickt Sie?

Finde ich alles ganz gut. Mich persönlich interessiert der Familiennachzug. Ich finde es furchtbar, furchtbar, furchtbar, diese Sache politisch zu verhandeln.

68 Warum habe ich unrecht, wenn mich die Pro-Europa-Initiative "Pulse of Europe" als Spießer-Initiative auch schon wieder abturnt?

Weil das ein Kulturpessimismus ist, den man sich auch schon wieder sparen kann. Wenn sich da einer mit einem Plakat für Europa hinstellt, dann ist Schluss mit Kategorien wie spießig, öde, uncool. Das interessiert einfach keinen mehr. Ich finde, dieses Engagement muss geschätzt werden.

69 Warum ist das irgendwie auch entsetzlich, wenn der Spiegel ein politisches Interview mit Ihnen führt?

Na ja. Wenn ich vor der Bundestagswahl für ProSieben eine politische Sendung wie Ein Mann, eine Wahl moderiere, dann ist es nicht so ungewöhnlich, wenn der Spiegel da mal nachfragt. Schon klar: Die Tatsache, dass Experten wie ich zu politischen Themen befragt werden, lässt tief blicken.

70 Grundsätzlich: Gehen die Probleme nicht immer damit los, dass Quatschköpfe im Fernsehen denken, ihre Prominenz für etwas Sinnvolles einsetzen zu müssen?

Nein. Richtig ist: Wenn Quatschköpfe aus dem Fernsehen denken, dass sie das Problem lösen können, dann wird’s gefährlich. Aber: Wenn einer die sinnlose Aufmerksamkeit, die wir Unterhalter haben, zumindest zeitweise umlenkt auf etwas Sinnvolles, das zu wenig Licht abbekommt, dann ist das etwas Gutes. Das Problem ist natürlich, dass zu oft preaching to the converted stattfindet. Jemand, der mich gut findet, den muss ich nicht mehr davon überzeugen, dass er bitte nicht rechts sein soll. Aber: Ich sehe für mich keinen anderen Weg. Sich komplett rauszuhalten, das finde ich nur zynisch.

71 Fällt Ihnen zu Annegret Kramp-Karrenbauer schon etwas ein?

Die Abkürzung AKK setzt sich gerade bei mir fest. Ich muss das ständig laut sagen. Sie wurde von Angela Merkel zur Stärkung der Mitte der CDU installiert – wofür diese Mitte stehen kann, versteht man, wenn man sich Aussagen der neuen Generalsekretärin zum Stichwort "Ehe für alle" zusammengoogelt. Schwierig.

72 Wäre das eine Idee, dass Sie dem armen, armen Martin Schulz einen Job als Sidekick in Ihrer Late-Night-Show anbieten?

Respekt für Martin Schulz. Auch aus so einer Situation kommt man aufrecht heraus. Selbst wenn er ganz offensichtlich ein, zwei falsche Entscheidungen getroffen hat: Die große Idee, aus dem Europa-Parlament nicht mit der schwingenden Axt ins Willy-Brandt-Haus einzuziehen und sich stattdessen beraten zu lassen, war richtig. Eins muss er sich nicht vorwerfen lassen: in seiner Zeit als SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat ein Arschloch gewesen zu sein.

73 Genieren Sie sich auch so für den röhrenden SPD-Kumpel Andrea Nahles?

Nicht immer. Sicher, es gibt Momente, in denen muss man nicht auch noch singen. Mir ist es lieber, jemand zu haben, dem es kurz mal egal ist, ob er peinlich ist, der aber wenigstens irgendetwas will.

74 Wie fällt Ihre überraschende Sympathiekundgebung für Markus Söder aus?

Die fällt aus.

75 Mit Rechten reden: Fanden Sie die AfD-Vorsitzende Alice Weidel bei Ihrem Interview für ProSieben heimlich ganz attraktiv?

Nein. Ich fand sie auch gar nicht so subtil intelligent und ausgecheckt, wie hier und da immer gerne behauptet wird. Bisschen süffisantes Grinsen. Also, an dieser Frau ist kein Frank Underwood verloren gegangen.

76 Macht das die SPD zu einer liebenswerten und unterstützenswerten Partei, dass sie letztlich so ein Loser-Verein ist?

Momentan wirken da Kräfte, die dem Geist der SPD widersprechen. Die Partei ist weit entfernt vom sympathischen Verlierer.

Seine Sicherheit, sein Schwung in diesen Antworten sind toll. Alle Achtung. Hier spricht ein aufrechter Bürger, ein Citoyen im besten und altmodischsten Sinn, ein Homo politicus. Jetzt wollen wir den Rest von ihm auch noch wissen. Große gesellschaftliche Fragen an Klaas Heufer-Umlauf.

77 Sehen Sie Deutschland in einer existenziellen Auseinandersetzung über die Frage, ob die repräsentative Demokratie überlebt?

Nein. So schlimm steht es nicht.

78 Auf einem durchschnittlichen deutschen Schulhof ist "schwul" das verbreitetste Schimpfwort. Nicht weiter schlimm?

Die Tatsache, dass ich das jetzt gefragt werde, stimmt mich hoffnungsvoll. Schon vor 20 Jahren, als ich noch in die Schule ging, war es das beliebteste Schimpfwort. Ich glaube: Wir sind das in zehn Jahren los.

79 Leiden Sie darunter, dass ein traditionell linker Aktionismus und ein Spaßguerillatum, das aus der 68er-Bewegung stammt, längst von der Rechten gekapert wurden?

Was denn? Sie meinen die Identitäre Bewegung, die es witzig findet, aufs Brandenburger Tor zu klettern? Für mich fehlt da noch ein bisschen die Pointe. Das habe ich bei Greenpeace schon mal besser gesehen.

80 Ist die Linke langweilig geworden, oder war sie immer schon langweilig?

Langweile ist da keine Kategorie. Es geht nicht darum, gethrillt zu sein von linker Politik. Jeder Mensch, der von einer linken Politik profitiert, interessiert sich einen Scheiß dafür, ob es langweilig ist, diese Politik herzustellen.

81 Was sagen Sie zu einem Regisseur und Schriftsteller wie Oskar Roehler, der sich als neuer Rechter im Kampf gegen Political Correctness und für die künstlerische Freiheit wähnt?

Schon klar. Die Rechte hält sich gerade für sehr funky. Rechte Scheiße reden, das ist angeblich der neue Punk. Aber: Hier liegt ein Missverständnis vor. Bei einer politischen Haltung, die Schwache, Hilfsbedürftige und Minderheiten systematisch zu Opfern macht, funktioniert für mich der Verweis auf künstlerische Freiheit und Jugendkultur nicht. Es ist schlicht: dummes, abgehobenes, dekadentes Geschwafel. Man muss nicht rechts sein, um dagegen zu sein. Man kann auch einfach hundert Bier trinken. Ist doch auch krass.

Den Sushi-Teller hat er noch nicht angerührt. Der Interviewer erklärt dem Fernsehstar, dass das Ding hier jetzt wie üblich zu Ende schnurrt: der große Talenttest, bei dem er seine Begabung von null bis zehn Punkten einschätzt. Dann noch ein bisschen Bla. Wir haben jetzt Lust auf noch ein bisschen gut gesetztes Bla. Ey, komm. Er ist der große Klaas Heufer-Umlauf.

82 Schätzen Sie nun Ihr Talent von null Punkten – keine Begabung – bis zehn Punkten – maximale Begabung – ein. Ihr Talent als Gemeinschaftskunde-Lehrer.

Fünf bis sieben Punkte.

83 Ihr Talent als Günther Jauch.

Zwei Punkte.

84 Ihr Talent als nachdenklicher Popstar.

Drei.

85 Ihr Talent als SPD-Parteichef.

Null.

86 Ihr Talent als Hoffnung der deutschen TV-Unterhaltung.

Auch null. Bin ich ja nicht mehr.

87 Ihr Talent als Künstler.

Acht Punkte.

88 Ihr Talent als Menschenfreund.

Neun.

89 Schmecken die Marlboro noch?

Wenn ich so weiterrauche, bin ich bald tot.

90 Immer noch heimlich Porsche-Fan?

Gar nicht so heimlich. Man sieht mich ja auf der Straße. Ich habe noch kein abgesperrtes Gebiet dafür. Aber: alter Porsche, sehr alter Klapper-Porsche.

91 Blöde Frage: Aber muss es Künstlern nicht irgendwie immer schlecht gehen?

Nee, überhaupt nicht. Riesenquatsch. Gut essen, gut schlafen. Um zehn Uhr anfangen. Und abliefern.

92 Ist das das große ungelöste Drama in unser aller Leben, dass es uns so gut geht?

Ja. Das ist diese uns alle im Griff haltende, Druck aufbauende Depression. Mein großes Ziel im Leben ist es, mich normal zu fühlen. Also morgens aufzuwachen und unbelastet zu sein von aller Information.

93 Sind Sie einsam in der Menge?

Null.

94 Wann zuletzt so richtig schön produktiv gehasst?

Ich kann mich über Sachen aufregen. Über Comedy wahrscheinlich.

95 Das andauernde Voll-okay-Sein ist nicht anstrengend?

Ich finde es okay.

96 Wie kriegen Sie das hin, in dieser dummen und kaputten Welt kein Zyniker zu werden?

Ja, bringt ja nichts! Ich habe keine Lust zum Zynismus – es ist der Humor der Glücklosen. Du bist den ganzen Tag der Witzigste, und abends wird geheult. Mir ist der Zynismus zu undynamisch.

97 Was rät eigentlich Ihre Mutter?

Meine Mutter hat einen guten Tipp, den sie mir immer wieder gibt, wenn ich nicht weiterweiß: Überleg dir mal, was das Schlimmste ist, was passieren kann.

98 Rechnen Sie uns das an, dass wir keine Frage zu Ihrer langjährigen Freundin Doris Golpashin stellen?

Das finde ich okay. Ich bin sehr, sehr glücklich, dass sie an meiner Seite ist, und ich freue mich über meine Familie.

99 Stimmt die schöne Geschichte, dass Sie seit Jahren nicht mehr nach Mitternacht im Bett waren?

Vor zwölf ins Bett, das ist der Plan. Nach zwei Uhr passiert ja sowieso nur noch Quatsch, das wissen wir doch.

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