Die großen Fragen der Liebe Wen liebt der Sohnemann mehr?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 10/2018

Die Frage: Anja und Lars sind seit fünf Jahren ein Paar. Ihr Sohn Eugen ist gerade drei Jahre alt geworden. Anja hatte Elternzeit genommen, um Eugen zu versorgen. Auch Lars ist ein engagierter Vater. Inzwischen geht Eugen in den Kindergarten, Anja hat wieder angefangen zu arbeiten. Eines Abends weist Eugen Anja ab, als sie ihn zu Bett bringen will. Der Papa soll das machen. Anja schmeichelt, die Mama habe das doch sonst immer gemacht. Eugen bleibt stur und schubst Anja weg. Als Lars ihn zu Bett gebracht und ihm noch etwas vorgelesen hat, findet er Anja mit verweinten Augen. "Er hat dich lieber als mich", seufzt sie. "Und dabei habe ich mich doch die ganze Zeit mehr um ihn gekümmert!" Lars fragt sich, ob er Eugens Wunsch das nächste Mal zurückweisen sollte, damit Anja zum Zug kommt.

Wolfgang Schmidbauer antwortet:  Solange der Vater sich nicht als Sieger in einem Konkurrenzkampf um die Liebe des Sohnes aufspielt, hat er alles richtig gemacht. Wenn Väter anfangen, sich ebenso wie Mütter um ihre Söhne zu kümmern, müssen Mütter mehr Rivalität ertragen lernen. Moderne Eltern wollen nicht nur für ihre Kinder da sein, sie ermutigen diese auch, ihre Gefühle zu zeigen. Das ist in Maßen gut, sollte aber eine Grenze finden, wo andere verletzt werden. Die Mama zu schubsen ist nicht in Ordnung. Der Sohn Eugen erprobt seine Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Lars kann Anja erklären, dass es sich nicht lohnt, sogleich die große Liebesunsicherheit ins Spiel zu bringen, wenn es um die kleinen Launen eines Dreijährigen geht. Und bei Gelegenheit auch Eugen vermitteln, dass er nicht schubsen darf, wenn er Nein sagen kann.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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