Margot Robbie Die Tollkühne

Mit 16 hat sie drei Jobs, mit 17 spielt sie ihre erste Rolle, mit 18 sagt sie, sie will nach Hollywood. Jetzt, mit 27, ist Margot Robbie für den Oscar nominiert. Von
ZEITmagazin Nr. 10/2018

Den Moment, der ihre Karriere für immer verändert hat, hatte Margot Robbie nicht geplant. Vor sechs Jahren wird sie zu einem Casting geladen für eine Rolle an der Seite von Leonardo DiCaprio, Regie Martin Scorsese. Der Film: The Wolf of Wall Street.

Margot Robbie spricht vor als verführerisch-berechnende Ehefrau eines betrügerisch-berechnenden Investmentbankers, gespielt von DiCaprio. Im Drehbuch ist die Rolle als "hottest blonde ever" beschrieben, so flach und karikaturenhaft, dass Robbie zunächst gar nicht weiß, wie sie die Rolle anlegen soll. Aber, denkt sie sich, man bekommt nicht alle Tage eine Einladung von Martin Scorsese, um für eine Rolle an der Seite von Leonardo DiCaprio vorzusprechen.

Also reist Robbie nach New York, trifft Scorsese und DiCaprio und spricht als eine von vielen Bewerberinnen für die Rolle vor. Und dann passiert es. Margot Robbie knallt Leonardo DiCaprio eine. Und wie. Dabei steht die Ohrfeige nicht im Drehbuch. "Das war eine außerkörperliche Erfahrung", sagt Margot Robbie heute. Sie habe sich plötzlich von außen spielen gesehen, in der Szene mit DiCaprio. "Ich hatte die Ohrfeige nicht geplant, aber die Situation zwischen uns ist derart eskaliert, dass ich dachte: Genau das würde diese Frau jetzt tun."

Die Ohrfeige sitzt, nicht nur in DiCaprios Gesicht. Martin Scorsese hat danach einmal erzählt: "Das war eine Improvisation, die uns alle beeindruckt hat." Margot Robbie bekommt die Rolle, die Frau des Wolf of Wall Street ist ihr Durchbruch in Hollywood.

Ein Hotelzimmer in Berlin-Mitte, Mitte Januar. Margot Robbie hat es sich bequem gemacht, die dunklen High Heels, die sie gerade noch für die Fotoaufnahmen getragen hat, hat sie schon wieder ausgezogen. Sie sitzt jetzt im Schneidersitz auf dem Sofa. Die blonden Haare sind streng zurückgekämmt, sie trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, eine dunkelgrüne Hose und große, runde Kreolen. "Die Rolle in The Wolf of Wall Street war meine Einführung in die amerikanische Filmindustrie", sagt sie. "Und deshalb wurden mir danach nur solche Rollen angeboten." Einmal "hottest blonde ever", immer "hottest blonde ever". Sie verzieht das Gesicht. "Nicht nur das. Ich spiele in dem Film ja außerdem eine Frau mit Kindern, also dachten alle Leute in Hollywood, dass ich schon über dreißig bin. Ich musste dann immer sagen, nein, nein, ich bin wirklich erst 23!" Ihr wird klar: "Ich muss jetzt dringend junge Frauen spielen, sonst ist meine Zeit als Schauspielerin auf ein paar Klischees und wenige Jahre reduziert."

Sie spielt also in Blockbuster-Produktionen wie Tarzan (ein Flop) und Suicide Squad (ein Hit) mit, junge Frauenrollen, die zwar weit weg sind von DiCaprios Ehefrau, aber auch weit weg von dem, was Margot Robbie eigentlich spielen will. Sie weiß, sie muss es selbst in die Hand nehmen. "Ich habe mich auf die Jagd nach Rollen gemacht, die mir andere nicht geben wollten."

Heute ist Margot Robbie 27, und wer sich mit ihr unterhält, merkt schnell, dass sie nicht nur einen klaren Blick auf sich selbst hat, sondern auch auf die Filmwelt insgesamt. Und dieser klare Blick ist auch der Grund, warum sie jetzt im Schneidersitz auf dem Sofa in einem Berliner Hotelzimmer sitzt und über ihren neuen Film I, Tonya reden kann, der am 22. März in die deutschen Kinos kommt. Sie ist nicht nur die Hauptdarstellerin, sie ist auch die Produzentin. I, Tonya ist eine der großen Überraschungen der Saison, bei den Golden Globes ausgezeichnet, jetzt mehrfach für die Oscars nominiert. Die Verleihung findet am kommenden Sonntag statt.

Es ist nicht nur die erste Hauptrolle für Margot Robbie in einer amerikanischen Produktion, sie ist dafür auch selbst für einen Oscar nominiert worden, in der Kategorie Hauptdarstellerin, neben den Großen ihres Fachs wie Meryl Streep und Frances McDormand. Ihre Jagd auf Rollen, die ihr andere nicht geben wollen, war also erfolgreich.

Ich vermisse das Schauspielen immer, auch jetzt gerade. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, jemals damit aufzuhören. Es ist eine Flucht, ich kann dann aufhören, ich selbst zu sein.

"Bei I, Tonya habe ich zum ersten Mal Gewicht auf meinen Schultern gespürt", sagt sie. "Als ich vor ein paar Jahren einen Film mit Will Smith gedreht habe, hatte ich keinen Druck, weil ich wusste, dass jeder denkt: Es ist ein Will-Smith-Film. Aber diesmal war ich nervös." Wie ist sie mit dem Druck umgegangen? Sie lacht. "Ich glaube, ich habe ein Jahr lang nicht geschlafen. Als Produzentin bist du 14 Stunden am Tag involviert, die Arbeit hat einfach nie aufgehört." Sie atmet einmal tief aus. "Wenn der Film nicht funktioniert hätte, wäre das voll auf meine Kosten gegangen, als Schauspielerin und als Produzentin."

I, Tonya erzählt die wahre Geschichte der amerikanischen Eiskunstläuferin Tonya Harding, die weltweit in die Schlagzeilen kam, als im Januar 1994 ein Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan verübt wurde. Die Täter schlugen Kerrigan mit einem Stock aufs Knie, später stellte sich heraus, dass die Täter in enger Verbindung zu Hardings Ex-Mann standen. Tonya Harding wurde von Boulevardmedien "Eishexe" getauft und von ihrem Verband lebenslang gesperrt.

"Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich, die Geschichte ist komplett erfunden", sagt Margot Robbie. Sie ist Jahrgang 1990, zu jung, um sich an den Skandal zu erinnern. Im Drehbuch kommen Interviewszenen mit Tonya Harding und ihrem Ex-Mann vor. Sie erzählen getrennt voneinander ihre (ziemlich unterschiedlichen) Versionen der Geschichte. "Ich dachte, das ist ein Stilmittel des Drehbuchautors", sagt Robbie. "Aber dann habe ich herausgefunden, dass selbst die absurdesten Details authentisch sind." Einer der Täter flieht aus der Eishalle, nachdem er Nancy Kerrigan auf ihr Knie geschlagen hat, Margot Robbie schaut noch immer ungläubig, als sie davon erzählt, "und er zersplittert die geschlossene Glastür mit einem Kopfstoß! Ich konnte das alles nicht glauben."

Dem Film I, Tonya gelingt das Kunststück, auf unterhaltsame, oft komische Art das dramatische Leben einer Frau zu erzählen, ohne die dunklen Seiten zu verschweigen. Tonya Harding wurde wieder und wieder geschlagen, erst von ihrer Mutter, dann von ihrem Mann – und sie hat irgendwann angefangen, zurückzuschlagen, ganz wörtlich und auch im übertragenen Sinn. Als Sportlerin gibt sie nie auf, sie kämpft so lange, bis sie die erste Amerikanerin ist, die den spektakulären Dreifach-Axel-Sprung auf dem Eis steht.

Bis heute bestreitet Tonya Harding, von Anfang an gewusst zu haben, dass ihr Ex-Mann das Attentat auf ihre Konkurrentin beauftragt hatte. Was wahr ist und was nicht und wie sich Wahrheit verändern kann, je nachdem, mit wessen Augen sie betrachtet wird, auch davon handelt der Film.

In der Rolle von Tonya Harding sagt Margot Robbie einmal: "So etwas wie Wahrheit gibt es nicht." Was denkt die echte Margot Robbie? "Ich glaube, dass jeder von uns seine oder ihre eigene Version der Wahrheit hat. Wir erzählen uns Geschichten aus unserem Leben doch oft so, dass sie uns in einem besseren Licht erscheinen lassen, oder wenigstens so, dass sie uns im Nachhinein sinnvoll erscheinen. Wahrheit kann sehr subjektiv sein."

Margot Robbie wurde am 2. Juli 1990 im australischen Dalby, Queensland, geboren. Die Eltern trennen sich früh, sie wächst mit ihren drei Geschwistern bei ihrer Mutter auf, einer Physiotherapeutin. Zu ihrem Vater, einem Unternehmer, hat sie kaum Kontakt. "Ich habe ihn selten gesehen. Er ist definitiv der Geschäftstüchtigere von meinen beiden Eltern, ich bin das auch, das habe ich bestimmt von ihm."

Margot Robbie fängt früh an zu arbeiten, sehr früh. "Ich wollte immer schon mein eigenes Geld verdienen, nicht weil ich musste, ich wollte", sagt sie. "Ich habe jeden Erwachsenen in meiner Umgebung gefragt: Hast du einen Job für mich?"

Der damalige Freund ihrer Mutter hatte ein Restaurant. "Ich war zehn, als ich dort angefangen habe, in den Ferien und am Wochenende habe ich dort gejobbt." Mit 16 hat sie drei Jobs gleichzeitig, macht ihren College-Abschluss und zieht nach Melbourne.

Sie will jetzt Schauspielerin werden, woher dieser Wunsch kommt, ist ihrer Familie bis heute ein Rätsel. "Weder meine Mutter noch mein Vater haben einen kreativen Beruf, die fragen sich bis heute, warum ich das mache. Meine Schwester ist Buchhalterin geworden, und sie sagt mir jedes Mal, wenn ich sie sehe, dass ich den schlimmsten Beruf der Welt habe." Wieder lacht sie, aber nur kurz. Dann macht sie eine Pause.

Zum ersten Mal während des Interviews sprudelt es nicht aus ihr heraus. "Ich vermisse das Schauspielen immer, auch jetzt gerade. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, jemals damit aufzuhören." Kann sie erklären, was für sie das Großartige an der Schauspielerei ist? Sie nickt. "Es ist eine Flucht. Ich kann dann aufhören, ich selbst zu sein." Und wer ist sie? "Ich?", fragt sie zurück, vielleicht auch, um etwas Zeit zum Nachdenken zu haben. "Ich fühle mich jedenfalls nicht besonders stark, wenn es um mich geht. Ich fühle mich stark, wenn es um meine Rollen geht. Deshalb liebe ich es, die Welt mit den Augen der Figuren zu sehen, die ich spiele."

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