Peter Zumthor "Mein Erfolg kommt mehr aus meiner emotionalen Tiefe"

Der Architekt Peter Zumthor hatte Schulprobleme und fühlte sich von seinen Eltern nicht verstanden. Nur einer half ihm. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 10/2018

ZEITmagazin: Herr Zumthor, Sie sagten einmal, Ihr Vater, bei dem Sie eine Schreinerlehre machten, lehrte Sie Genauigkeit, aber auch Stolz. Haben Sie den Stolz ausgelebt?

Peter Zumthor: Ich habe mich gegenüber widrigen Umständen behauptet und geradlinig meinen Weg verfolgt. Das hatte auch mit Sturheit zu tun. Ich schämte mich, weil mein Vater mich von der Schule genommen und in die Lehre gesteckt hatte. Ich war querulantisch. Von der Pubertät an, bis ich zwanzig war, war ich völlig allein, verschlossen wie eine Auster, und niemand verstand mich. Wir waren sieben Kinder, und meine Mutter hatte keine Zeit, sich um alles zu kümmern. Als ich wegen einer Krankheit in der Schule ins Abseits geriet, merkte das niemand. Dann hatte ich auch den Stoff für die Aufnahme in die nächste Stufe nicht drauf und bockte und lernte gar nichts mehr. Ich musste deshalb eine Klasse wiederholen, das gab mir einen großen Knacks. Da war aber ein Deutschlehrer, der mich sehr gern hatte. Um meinen schlechten Ruf nach dem Sitzenbleiben abzubauen, hat er alle meine Aufsätze verteidigt und gelobt – damit hat er versucht, mir eine Brücke zu bauen. Das hat mich gerettet. Nur meine Eltern verstanden nicht, was mit mir los war, und so befahl mir mein Vater, bei ihm in die Lehre zu gehen. Ich wäre lieber länger zur Schule gegangen.

ZEITmagazin: In der Lehre waren Sie am Anfang sehr gut und wurden dann schlechter. Ihr Vater zog schließlich Konsequenzen daraus. Wie war das?

Zumthor: Ich hatte begonnen, Jazz zu spielen, und mir einen Kontrabass gekauft. Und dann nahm mir mein Vater den Bass weg, um mich zu strafen. Er verübelte mir, dass ich beim Abschluss der Lehre im praktischen Teil nur mit Ach und Krach durchgekommen war. Das änderte sich erst, als ich auf der Kunstgewerbeschule das beste Diplom der Klasse erhielt. Ich ging dann für ein Jahr nach Amerika, was auch eine große Fluchtbewegung war, und er finanzierte das. Allerdings erwartete er, dass ich zurückkam und bei ihm arbeitete. Stattdessen verließ ich ihn, und das muss sehr schmerzhaft für ihn gewesen sein. Ich kann das nachvollziehen, weil ich ebenfalls eher melancholisch bin.

ZEITmagazin: Obwohl Sie noch gar nicht studiert hatten, beschlossen Sie, Architekt zu werden. Bei einem Wettbewerb sahen Sie sich die Arbeiten an und dachten: Ich kann das besser! Wieso?

Zumthor: Durch das Schreinern hatte ich ein gutes Verständnis dafür, was hält und was nicht, für Konstruktion und Statik. Dann war ich zehn Jahre bei der Denkmalpflege, wo ich auch Häuser studieren musste, das war direktes, anschauliches Lernen. In dieser Zeit habe ich immer gute Rückmeldungen zu meinen gestalterischen Fähigkeiten erhalten. Also kam der Architekten-Entschluss nicht aus blauem Himmel.

ZEITmagazin: Sie wurden später mit fast allen wichtigen Architekturpreisen geehrt. Ist der Erfolg das Ergebnis Ihres Kampfes in jungen Jahren?

Zumthor: Ich musste sehr kämpfen, um mich gegen meinen Vater zu behaupten, aber ab meinem 20. Lebensjahr erging es mir besser. Mein Erfolg kommt mehr aus meiner emotionalen Tiefe. Verändert hat sich, dass ich offen und unaufgeregt mit meinen Emotionen umgehen kann – im entscheidenden Moment weiß die Intuition mehr als der Verstand. Bei meinen ersten Bauten waren noch viele Vorbilder spürbar, und das hat mich sehr deprimiert. Ich habe gesehen, dass ein von mir entworfenes Haus innen viel besser war als außen. Das Innere – die Schreinerarbeiten, die feine Konstruktion der Türen und Fenster –, das war wirklich ich, so wie ich war. Meine nächsten Bauten hatten keine Vorbilder mehr, und mit ihnen bin ich bekannt geworden.

ZEITmagazin: Viele Ihrer Gebäude strahlen Selbstgewissheit und eine kühle Schönheit aus. Ihr eigenes Wohnhaus hat aber einen ganz anderen Charakter, der Garten geht harmonisch in den angrenzenden Wald über.

Zumthor: Meine Entwürfe hängen immer von der Aufgabenstellung ab. Wenn ich ein Gebäude baue, das an einer leeren Stelle an einem norwegischen Strand daran erinnern soll, dass dort vor 300 Jahren Menschen als Hexen verbrannt wurden, hat das eine gewisse Wucht und Kraft. Das ist keine harmlose Hütte, und das weiß man auch sofort. Aber das Äußere ist nicht das Innere. Die äußere Erscheinung meiner Bauten kann zwar zum Teil fast abweisend sein, aber im Inneren haben sie einen warmen und emotionalen Kern. Es ist mir gegeben, dass ich Räume erschaffen kann, die Stimmung und Atmosphäre haben und in denen man gerne ist.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Die Fotografin gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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