Stiefel Saubere Sache

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 10/2018

Stiefel wurden einst nicht für die Mode erfunden, sondern dienten dazu, trockenen Fußes durch den Morast der Welt zu kommen. Schließlich war jene noch nicht so sauber wie heute. Man muss sich die Straßen vor 200 Jahren als Anhäufung von Kot, Mist und Unrat vorstellen – und die Stiefel brachten einen unversehrt da hindurch. Wo sie getragen wurden, galt es Hindernisse zu überwinden. So bestand die hauptsächliche Funktion des Stiefels ursprünglich darin, den Fuß zu schützen und zu wärmen.

Über die Jahrhunderte hinweg trug man Stiefel auf der Jagd oder im Krieg. Nach dem Ersten Weltkrieg verloren sie an Bedeutung, denn beim Militär ritt man kaum noch auf Pferden. Und auf den Straßen war im 20. Jahrhundert weniger das Vieh unterwegs, dafür fuhren dort Autos. Je weniger Stiefel als Notwendigkeit verstanden wurden, desto mehr wuchs ihre modische Bedeutung. Und als Stiefel nicht mehr zwingend schwarz sein mussten, damit man den Dreck auf ihnen nicht so deutlich sah, konnte man auch ihre Farbe variieren. Bis eines Tages sogar weiße Stiefel aufkamen.

Die bekanntesten weißen Stiefel entwarf 1964 der französische Designer André Courrèges. Sie hatten einen kleinen Absatz, reichten bis zur Mitte der Wade und hießen go-go boots. Der Begriff go-go leitet sich von der Bezeichnung go-go-go für eine sehr dynamische Person ab und geht auf den französischen Ausdruck à gogo zurück, was man mit "in Hülle und Fülle" übersetzen kann. Die weißen Stiefel waren eine Anleihe an die Zukunft. Courrèges war nämlich ein Vertreter des modischen Futurismus und hat den Stil der sechziger Jahre stark mit seinen an die Motive der Raumfahrt angelehnten weißen und silbernen Designs geprägt. In der westlichen Welt war in diesen Jahren die Raumfahrt-Begeisterung groß. Und dank Courrèges konnte man schon in der Gegenwart so herumlaufen, wie man sich die Zukunft vorstellte.

Ihre besondere Karriere machten die weißen Stiefel allerdings nicht im Weltall, sondern in Nachtclubs. Joanie Labine, eine Animiertänzerin des "Whisky A Go-Go" in Los Angeles (der Name stand nicht in Zusammenhang mit den Stiefeln), entdeckte in den sechziger Jahren die go-go boots als Accessoire für ihre Auftritte. Bald wurden die weißen Stiefel zum festen Look von Go-go-Tänzerinnen. Das gab ihnen ein etwas verruchtes Image. Vielleicht dauerte es deshalb bis zum Frühling 2018, dass sie wieder in Mode kamen. Bei der Präsentation der Sommermode fanden sich kurze weiße Stiefel bei Chloé, Etro, Helmut Lang und Arthur Arbesser. Nur muss man sehr aufpassen, dass man damit nicht in Kot, Mist und Unrat gerät.

Peter Langer / Stiefeletten von Chloé

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren