© Martina Flor

Fernsehserien Glück in Serie

ZEITmagazin Nr. 11/2018
"The Sopranos", "Breaking Bad", "The Wire" — Fernsehserien sind kulturelle Ereignisse und eine gefeierte neue Erzählform. Wie konnte es dazu kommen? Von

Vorspann

Zwei Männer sind auf dem Weg zu ihrem Chef. Sie haben einen Vorschlag, eine Idee, es geht um eine neue Fernsehserie. Die beiden Männer wollen ihren Chef überzeugen, sehr viel Geld für diese Idee auszugeben – sie sind sich sicher, dass es sich lohnen wird, sie sind vollkommen überzeugt. Im Büro ihres Chefs erzählen sie ihm dann, worum es gehen soll, eine kurze Inhaltsangabe, ein paar Sätze. Der Chef hört zu, und ohne lange nachzudenken, sagt er schließlich: "Das ist die schlechteste Idee zu einer Fernsehserie, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe." Und dann sagt er, sie sollen diese Fernsehserie machen. Schließlich habe er sie eingestellt, um solche Entscheidungen zu treffen, sie seien dafür verantwortlich, egal ob es ein Meisterwerk werde oder ein Desaster. Die beiden Männer verlassen das Büro ihres Chefs, und kurze Zeit später beginnen die Dreharbeiten zu Breaking Bad.

Folge 1 : Glanz und Zauber

Die Szene aus dem Vorspann spielt im Büro des ehemaligen Sony-Chefs Michael Lynton und ist tatsächlich passiert. Der Autor Alan Sepinwall, einer der besten und bekanntesten TV-Kritiker der USA, erzählt davon in seinem Buch Die Revolution war im Fernsehen.

Revolution? Was für eine Revolution?

Der grundlegende Wandel dessen, was wir im Fernsehen schauen – und wie wir es schauen. Zum Beispiel die Serie Breaking Bad, die vor 20 Jahren nicht einmal denkbar gewesen wäre und die sich heute jeder, der ein Netflix-Abo hat, anschauen kann. Die Geschichte des 50-jährigen Familienvaters Walter White, der als Chemielehrer arbeitet und, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht, in einer Autowaschanlage jobbt. Der erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Weil er Geld braucht für seine Behandlung, aber vor allem auch für seine Familie, damit sie nach seinem Tod abgesichert ist, beginnt er, die Droge Crystal Meth herzustellen – und darin ist er so gut, dass er zu einem Drogenboss wird, zu einem Menschen, der lügt, betrügt und tötet.

Breaking Bad gilt heute als eine der besten Fernsehserien aller Zeiten, und natürlich taucht sie auch in unserer Liste der 50 besten Fernsehserien auf. Dass es beides überhaupt gibt – Breaking Bad und unsere Liste –, liegt an dieser Revolution, die dafür gesorgt hat, dass das Schauen von Fernsehserien einen Glanz bekam, einen Zauber, wie es die an Glanz und Zauber nicht arme Popkultur selten erlebt hat. Aber wie konnte es eigentlich dazu kommen? Schließlich galt Fernsehen bis dahin nicht gerade als eine Beschäftigung, mit der man angeben kann. Und Serien – das waren doch eigentlich eher zu lang geratende Billigfilme mit unbekannten Schauspielern. Was ist also passiert?

Folge 2: Goldene Zeiten

In den USA, in denen selbst Kulturpessimisten das Fernsehen weniger verteufeln als anderswo, prägten Fernsehkritiker vor ein paar Jahren den Begriff vom "dritten Goldenen Zeitalter des Fernsehens". Das verblüfft – schließlich weiß man in Deutschland nicht einmal davon, dass es überhaupt ein Goldenes Fernsehzeitalter gegeben haben könnte. Aber in den USA sehen sie es halt so: Das erste Goldene Zeitalter dauerte von 1947 bis Anfang der sechziger Jahre, als man begann, mit dem neuen Medium zu experimentieren, und erstmals Shows und Serien produzierte. Das zweite Goldene Zeitalter begann 1981 mit der Fernsehserie Hill Street Blues, die ab 1985 unter dem Namen Polizeirevier Hill Street im ZDF lief. Die Serie war in Deutschland kein großer Erfolg, wo damals die Schwarzwaldklinik Rekordeinschaltquoten erzielte. Und obwohl Hill Street Blues auch in den USA nicht massenhaft Zuschauer begeistern konnte, änderte die Serie etwas Grundsätzliches. Zum ersten Mal gab es keinen strahlenden Helden, stattdessen gab es Menschen, die auf einem Polizeirevier arbeiten und wenig Hoffnung haben, dass ihr Job irgendetwas an den Zuständen ändern könnte. Nichts war gewöhnlich an dieser Serie, das Revier war ein Drecksloch, die Beamten waren illusionslos, die Geschichten zogen sich über mehrere Folgen hinweg – ein Wahnsinn für damalige Verhältnisse. Die Handlung wechselte ständig, es gab Gewalt und Sex, eine Vielzahl von Protagonisten, und die hatten Sorgen, Probleme und schlechte Laune. Die Macher wollten Polizeiarbeit "authentisch" abbilden, das war die Idee, aber die Idee verstörte die Zuschauer, die so eine Art von Fernsehen nicht gewohnt waren. Aber hätte es Hill Street Blues damals nicht gegeben, dann hätten wir heute keine Sopranos, kein The Wire, kein Breaking Bad und auch kein Game of Thrones. Hill Street Blues machte alles möglich.

Und Grant Tinker machte Hill Street Blues möglich. Tinker war jahrelang Manager beim Fernsehsender Fox, gründete die Produktionsfirma MTM Enterprises (MTM stand für die Schauspielerin Mary Tyler Moore, mit der Tinker verheiratet war und die in den siebziger Jahren eine unglaublich erfolgreiche Sitcom hatte), und er glaubte an eines: an Autoren. Es waren seine Autoren, die sich Hill Street Blues ausdachten und zwei Jahre später die Krankenhausserie St. Elsewhere (die Anfang der neunziger Jahre als Chefarzt Dr. Westphall auf RTL lief), in der erstmals das Leiden eines an Aids erkrankten Patienten gezeigt wurde. Aber vor allem der Schluss verstörte die Zuschauer, denn in der allerletzten Szene der Serie wurde offenbar, dass alles, was man gesehen hatte, nur der Fantasie des autistischen Sohns des Helden entsprungen war, der seine Tage damit verbrachte, in eine Schneekugel zu starren, welche die Fassade des Krankenhauses zeigte. Dann stellte er diese Schneekugel auf einen Fernseher. Und das war es. Als Grant Tinker Chef des Senders CBS wurde, verantwortete er ein Programm, in dem die Serien The Cosby Show, Golden Girls und Cheers  liefen – und zu Meilensteinen der Fernsehunterhaltung wurden, weil sie eine so hohe Gagdichte hatten, dass der Wahnsinn tatsächlich Programm war. Ohne die Sitcom Cheers wären Friends und Seinfeld nicht möglich gewesen.

Und dann war da noch eine Sache, die in den achtziger Jahren dem Fernsehen einen Schock verpasste, den es nie wieder vergessen würde: MTV. Das Musikfernsehen veränderte durch die irre rasanten Schnitte der Videos die Sehgewohnheiten der Zuschauer – aber vor allem transportierte MTV die Coolness, den ganzen Popwahnsinn in die Wohnzimmer der Menschen. Und das hatte Folgen. In einem Meeting überreichte der Präsident des Senders NBC einen Zettel an den Autor Anthony Yerkovich und den Regisseur Michael Mann. Er hatte darauf eine Idee für eine neue Serie geschrieben. Auf dem Zettel stand nur MTV Cops. Yerkovich und Mann machten daraus Miami Vice.

Das Fernsehen wurde mutiger, es experimentierte – schließlich durfte sich der Filmregisseur David Lynch eine Serie ausdenken, und er erfand gemeinsam mit Mark Frost Twin Peaks. Allerdings gingen Lynch und Frost davon aus, dass Twin Peaks nach wenigen Folgen abgesetzt werden würde, weil sie die Fernsehzuschauer unterschätzten. Die liebten diese Serie, aber das Problem war, dass Lynch und Frost keinen Plan hatten, keine Auflösung, was dazu führte, dass die zweite Staffel völlig den Faden verlor. Ein anderes Problem hatten die Macher von Akte X. Die hatten einen Plan, eine Auflösung – aber die Serie wurde so erfolgreich, dass der Sender immer neue Staffeln nachbestellte und sich die Geschichte so weit vom Ursprung entfernte, dass das Ende sehr unbefriedigend wirkte. Unter den Autoren, die an den Folgen von Akte X mitschrieben, waren damals übrigens auch Vince Gilligan und Howard Carter. Gilligan erfand später Breaking Bad, Gordon die Serie 24  – beide lernten aus dem Fehler und lieferten mit ihren eigenen Serien kein unbefriedigendes Ende mehr ab.

Folge 3: Der Urknall

Während sich in den neunziger Jahren Akte X und auch Emergency Room sehr vorsichtig an die Grenzen des Genres Serie herantasteten, saß David Chase in seinem Büro und wusste nicht mehr weiter. Chase schrieb fürs Fernsehen, aber er wollte zum Film, er war frustriert, weil niemand ihm eine Chance geben wollte. Dann kam der Sender HBO auf ihn zu, der gerade mit der Gefängnisserie Oz für Furore gesorgt hatte. Oz tänzelte bereits auf der Grenze, in der ersten Folge wurde die Hauptperson ermordet, und das gesamte Personal der Serie bestand aus schlimmsten Kriminellen. Doch die Zuschauer wollten ihre Geschichten sehen, die Kritik war begeistert, es gab Fernsehpreise – und der Bezahlsender HBO wollte diesen Erfolg gern wiederholen. Und David Chase hatte eine Idee – die ging so: eine Serie über einen Mafia-Gangster, der am Leben verzweifelt und deshalb eine Therapeutin konsultiert. Mafia und Psychotherapie – HBO war begeistert und gab The Sopranos in Auftrag. Und während andere Serien die Spielregeln geändert hatten, änderte The Sopranos die Sportart. In der fünften Folge der ersten Staffel passiert ein Mord – im Prinzip nicht ungewöhnlich in einer Serie über die Mafia, aber diesen Mord begeht Tony Soprano, die Hauptfigur. Einfach so. Ohne Not. Ohne wirklichen Grund. Und so etwas hatte zuvor noch nie ein Fernsehzuschauer gesehen, und kein Fernsehautor hätte es je gewagt, so eine Szene zu schreiben. Aber dann war dieser Mord in der Welt – und das war der Urknall, der das Tor aufstieß. Es war jetzt offen, sperrangelweit, und Walter White und Jack Bauer und viele andere gingen durch dieses Tor. Dahinter lag das dritte Goldene Zeitalter des Fernsehens, das wir heute von unserem Sofa aus bestaunen.

Folge 4: Tausend Explosionen

Nach dem Urknall, nach der fünften Folge der ersten Staffel der Sopranos, ahnten die Macher der Fernsehserien und die Verantwortlichen der Sender, was alles möglich sein könnte. Vor allem ahnten sie, dass sie möglicherweise uns, die Fernsehzuschauer, jahrzehntelang unterschätzt hatten. Man konnte uns etwas zumuten, man konnte uns überfordern – wenn es plausibel wäre und gut gemacht, dann würden wir nicht nur akzeptieren, dass eine Figur, die wir ins Herz geschlossen haben, ein Mörder ist – wir würden es sogar verstehen. Der Satz "Können wir nicht machen – versteht keiner" galt nicht mehr, plötzlich galt die Frage: Wie weit können wir gehen? Und dann ging der Sender HBO unglaublich weit, als er David Simon The Wire machen ließ.

Früher war Bonanza ein Sehnsuchtsort für viele Fernsehzuschauer. Heute heißt dieser Ort Netflix. © Martina Flor

The Wire sprengte 2002 die letzten noch geltenden Konventionen einer Fernsehserie: Das Personal war völlig unübersichtlich, es gab keine wirkliche Hauptfigur, keine erkennbaren Höhepunkte. Und wenn man jemandem erklären will, worum es in den fünf Staffeln eigentlich ging, dann muss man ihren Erfinder David Simon zitieren: "Die Serie dokumentiert ein Amerika im Krieg mit sich selbst." Die Geschichten, die erzählt wurden, waren im Prinzip ein epischer Roman in Fernsehformat – und natürlich war es im weitesten Sinne eine Serie über die Polizeiarbeit in Baltimore, aber es ging vor allem um das Auseinanderfallen der Gesellschaft. Jede Staffel legte den Fokus auf einen anderen Bereich: In der ersten ging es um den Kampf gegen die Drogen, in der zweiten um den Kampf der Hafenarbeiter um ihre Würde, in der dritten – dem Höhepunkt – um das Schulsystem, in der vierten um die Politik und in der fünften um den Journalismus. Aber alles hatte mit allem zu tun, und alles ließ die Fernsehzuschauer fassungslos zurück.

Ähnliches gelang dem Sender Fox mit der Serie 24. Die Idee dahinter galt lange Zeit als nicht machbar, aber schließlich war Anfang des Jahrhunderts plötzlich alles machbar: Eine Serie mit 24 Folgen, jede davon eine Stunde lang, und das, was erzählt wird, dauert exakt eine Stunde. Eine Echtzeitserie – noch dazu mit einem Spezialagenten als Held, der foltert, tötet, heroinabhängig ist, seine Frau verliert und gegen jede Regel verstößt. Kiefer Sutherland spielte diesen Jack Bauer und schuf eine ikonische Figur. Und tatsächlich ging es nicht so sehr darum, die USA vor Atomraketen und Terroristen zu beschützen – es ging vor allem um den langsamen Untergang von Jack Bauer.

Andere Serien, die nach den Sopranos, nach dem Urknall, starteten, waren (um sie der Vollständigkeit halber einmal erwähnt zu haben): Six Feet Under, Deadwood, True Blood, Boardwalk Empire – und dann kam der Netflix-Knall.

Folge 5: Moment mal!

Einmal kurz durchschnaufen. Könnte es vielleicht auch sein, dass dieses ganze "Zeitalter"-Geraune einfach nur dummes Zeug ist? Vielleicht sind all diese Serien bloß Glückstreffer, die gibt es schließlich immer wieder. Die Geschichte des Fernsehens ist voll davon, voll von wunderbaren Augenblicken. Und es ist schließlich der Zauber dieses Mediums, dass für viele Zuschauer diese Momente sehr subjektiv sind und sich nicht kanonisieren lassen (oder in Zeitaltern zusammenfassen). In unserer Liste beispielsweise fehlen Deadwood oder Hill Street Blues oder Oz. Dafür taucht Beverly Hills, 90210 auf. Und Alf. Und Helmut Dietls Meisterwerk Kir Royal – immerhin aus dem Jahr 1986. Außerdem Bonanza und Dallas. Aber das zeigt nur, dass diese Serien für viele Menschen eine Bedeutung haben – fernab von Qualitätskriterien, die Kritiker aufstellen. Und genau das macht Fernsehen so einzigartig. Denn das Fernsehen ist vor allem eine Sehnsuchtsmaschine, die individuell funktioniert. Jeder Zuschauer hat eigene goldene Momente in seiner Fernsehbiografie, Momente, die ihm etwas bedeuten, Momente, in denen er lachend oder weinend vor dem Fernseher saß und nicht glauben konnte, was er da gerade sah. Eine Maschine, die uns dabei hilft, unsere Wünsche zu formulieren, unsere Träume zu konstruieren. Und tatsächlich kennt das Fernsehen manchmal sogar unsere Wünsche und unsere Träume, bevor wir sie kennen.

Folge 6: Erinnerungen

Ein Mann sitzt auf dem Sofa und schaut eine Folge Emergency Room. Der Chef der Notaufnahme, Dr. Greene, kümmert sich gerade um ein kleines Mädchen – dann bedankt er sich bei ihm, weil es seine letzte Patientin war. Er räumt seinen Spind leer und tritt nach draußen. Dr. Carter läuft hinter ihm her, er hat ein paar Fragen, dann sagt Dr. Greene zu ihm: "Du gibst den Ton vor" – und verschwindet für immer. Und dem Mann auf dem Sofa kommen die Tränen.

Der Mann auf dem Sofa schaut die letzte Folge der dritten Staffel von 24. Es ist alles erledigt, die Gefahr wurde in letzter Sekunde abgewendet, Jack Bauer musste dafür allerdings seinem Partner die Hand abhacken. Dann setzt er sich in sein Auto. Die Kamera verweilt auf seinem Gesicht. Und er bricht zusammen. Er heult. Er kann nicht mehr. Schuld, Verzweiflung – all das ist in diesem Moment in seinem Gesicht. Ein Moment, den der Mann auf dem Sofa kaum ertragen kann.

Kommentare

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Mir fällt positiv auf, dass neue Serien zunehmend weibliche Protagonisten haben. So zum Beispiel "Star Trek Discovery" mit Sonequa Martin‑Green (Netflix, 4K, HDR). Was mir persönlich beim "Fernsehen" wichtig ist: Die Verfügbarkeit als Stream in guter Qualität und in der gewünschten Sprache. Amazon Prime hat bezüglich Original-Ton großen Nachholbedarf!