Harald Martenstein Über Mode

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 11/2018

Die Redakteure dieser Publikation wollen nie wissen, was ich eigentlich zum Thema Mode zu sagen habe. Es gibt da offenbar eine Art Angst. Ich weiß aber eine Menge über Mode.

Bei der Bekleidung kommt es darauf an, Individualität zu demonstrieren, im besten Fall einen eigenen Stil. Ohne Risiko gibt es das nie, wer sich anzieht, macht sich nackt. Ob wir uns anpasserisch am aktuellen Mainstream der Mode orientieren, den eigenen Vorlieben über Jahrzehnte starrsinnig treu bleiben oder das schrille Outfit des Paradiesvogels wählen, sagt mehr über unsere Persönlichkeit aus, als uns womöglich lieb ist. Im Idealfall besitzt ein Kleidungsstück natürlich auch einen Gebrauchswert. Das Zeug sollte nicht total unpraktisch sein.

Ein Bekannter war mir vor Jahren durch seine elegante, dabei keineswegs übertrieben affektierte Kleidung aufgefallen, fast immer in Schwarz oder Grau, manchmal aufgelockert durch ein buntes Einstecktuch. Eines Tages vertraute er mir an, dass er sich bei einem Versand für Bestatterkleidung eindeckt, eine gute Adresse sei die Firma Vanitas. Natürlich sei er bei einer Beerdigung auf diese Idee gekommen. Die Bestatter, beiderlei Geschlechts, hätten cool ausgesehen. Ich habe die Website besucht. Die Herren-Fleecejacke "Prestige" hat wirklich was und kostet nur 69 Euro, der Damenblazer "Aeria" wirkt, wenn man sein Einsatzgebiet bedenkt, geradezu tollkühn körperbetont. Die Sachen sind günstig, zeitlos und müssen belastbar, langlebig sowie wasser- und schmutzabweisend sein, "egal, was passiert", so betont die Firma. Mehr kann man nicht verlangen. Außerdem haben sie, aus naheliegenden Gründen, einen Anti-Smell-Effekt, man riecht also auch nach einer extrem ereignisreichen Party frisch wie der Frühlingsmorgen. Sie haben außerdem Bowlerhüte und Zylinder. Die schicken Schuhe "Talbot", 117 Euro, Kalbsleder, ermöglichen beim Gehen eine dynamische Abrollbewegung.

"Merken die Leute das nicht?", fragte ich. "Höchstens Bestatter", sagte der Bekannte. Dieses Risiko sei gering. Zu Beerdigungen ziehe er aber immer etwas anderes an, er wolle, wenn an der Grube etwas Unvorhergesehenes passiere, nicht als vermeintlicher Kollege zur Mithilfe aufgefordert werden.

Inzwischen ist mir klar, dass Fachgeschäfte für Berufskleidung ein Geheimtipp für sparsame und praktisch denkende Individualisten sind. Bei Jobeline gibt es Kochmode. Die Herrenkochjacken "Lorenzo", 33 Euro, und "Jogi", 30 Euro, Farbe: Bordeaux, sind für die Küche meines Erachtens viel zu exzentrisch, besitzen eine stilvolle Kontrastpaspel und sind bei 60 Grad waschbar. Kochschuhe sehen auf völlig normale Weise elegant aus, besitzen aber ein Fußklima, das auch extremer Beanspruchung standhält, und sind so rutschfest, dass man mitten in einer Champagnerpfütze entspannt den Jive tanzen kann. Für 70 Euro! Wer eher in Weiß einherschreiten möchte, sollte sich natürlich an der Arztmode orientieren. Hier ist Vorsicht angebracht, weil diese Kleidung dem Normalbürger eher aus der persönlichen Anschauung bekannt ist. Mit schwanenweißen Damenleggings oder weißen Röhrenjeans kann man aber nicht viel falsch machen. Weiße Jeans, aus denen Blutflecken wieder herausgehen, wo sonst gibt es das?

Wer Berufskleidung trägt, bekennt sich zum pragmatischen Denken und gleichzeitig zum Wagnis, seinen eigenen Weg zu gehen. Was diese Botschaft bei Geschäftspartnern oder potenziellen Kunden, bei gesellschaftlichen Ereignissen, vor allem aber bei der Partnersuche auslösen kann, muss man wohl nicht eigens erwähnen.

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Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Fallen in die Gleiche Sparte nicht auch die Engelbert-Strauss Klamotten, die quasi als preiswertere (allerdings auch nicht ganz billige) Jack-Wolfskin Alternative daherkommen ?

Mein Sohn trägt ein E-S -Hose und während die ganzen Jeans sich ständig durchscheuern und verschleißen ist das Ding quasi unverwüstlich. Außerdem kann man die ganzen Taschen prima mit Sand und vollgerotzten Tempos füllen...