Haustiere "Ich will einen Hund"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 11/2018

Wenn ich Greta frage, was sie sich zum Geburtstag wünscht, sagt sie: "Ich will einen Hund." Jeder andere Wunsch rangiert viel weiter unten. Greta wünscht sich einen Hund sogar mehr als ein Smartphone. Das Einzige, was den Hund schlagen könnte, wäre ein Pferd. Immer wenn Greta sagt, dass sie sich einen Hund wünscht, lehne ich ab. Ich sage, dass ich keine Lust habe, Gassi zu gehen. Greta meint, sie würde den Hund ausführen. Ich sage, ich hätte keine Zeit für so ein Tier. Greta meint, sie habe ja Zeit. Ich sage, das stimme nicht, sie habe Schwimmunterricht, Tanzunterricht, Klavierunterricht. Greta sagt, sie wäre bereit, das alles für den Hund aufzugeben. Ich sage, ein Hund gehöre nicht in eine Stadtwohnung. Greta findet, dann sollten wir aufs Land ziehen. Dort sei es ohnehin schöner als in der Stadt, weil dort nicht so viel Müll auf den Straßen liege. Und keine Hundehaufen, sage ich. Greta sagt, eine Freundin von ihr habe einen Kroatischen Hirtenhund, der sei riesig! Da könne sie doch wenigstens einen klitzekleinen Chihuahua haben. Der mache auch nur ganz kleine Haufen. Egal, in welche Richtung ich argumentiere: Am Ende kommt immer ein Hund dabei heraus.

Ich erinnere Greta dann an die Geschichte von Lina. Lina war unser Kaninchen. Im Hof unseres Hauses gibt es ein Kaninchengehege. Der Plan war, dass jede Familie des Hauses ein Kaninchen betreuen sollte. Meine Frau und ich haben die Kinder gefragt, ob sie für ein Kaninchen sorgen wollten. Die Antwort war: "Jaaaaaaa!!" Also besorgten wir Lina, ein niedliches Löwenkopfkaninchen. Die Kinder waren sehr angetan von Lina. Aber irgendwann nicht mehr so. Dann vergaßen sie ständig, das Tier morgens zu füttern. Also wurde es die Aufgabe von meiner Frau und mir. So stieg ich mit geballter Faust in der Morgenmanteltasche bei Regen und Schnee in das morastige Kaninchengehege, um Heu und Karotten zu verteilen, weil meine Töchter leider schon auf dem Schulweg waren. Nach einigen Jahren bekam Lina eine schlimme Kieferentzündung. Sie wurde operiert, es half nichts, schließlich war das Kaninchen so krank, dass es eingeschläfert werden musste. Die Kinder waren im Ferienlager, als Lina und ich zum letzten Tierarzttermin aufbrachen. Ich habe geweint, als ich mich von ihr verabschieden musste. So etwas ist nichts für mich. "Lina war aber ein Kaninchen und kein Hund", wirft Greta ein. Da hat sie recht. Kaninchen sind langweilig und ziemlich desinteressiert an ihrem Halter. Die Pflege eines Kaninchens als Maßstab für die Bereitschaft zu nehmen, für einen Hund zu sorgen, ist ein mieser Elterntrick. Das ist so, als würde man einem Kind, das Saxofon lernen will, eine Blockflöte kaufen. Greta würde wunderbar mit einem Hund umgehen, da bin ich mir sicher. Aber ich selbst bin nicht bereit.

So ein Hund würde bei uns alt werden, die Kinder würden irgendwann ausziehen und ein neues Leben beginnen, ohne Eltern, ohne Hund. Wir aber blieben allein zurück mit dem alten Knaben – und dann müsste ich ihn einschläfern lassen. Nein danke, ich will kein alter Mann mit totem Hund sein. Greta und ich nähern uns nun an. Sie hat als Kompromiss die Anschaffung eines Papageien angeboten. Ich habe ein Aquarium eingerichtet. Darin kreucht auch ein kleiner orangefarbener Krebs am Boden herum. "Guck mal, fast so niedlich wie ein Hund!", sage ich. "Ach Papa", sagt Greta, "dein Ernst?"

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