Mavi Phoenix "Ich wollte mit meiner Musik Beachtung finden"

© Lukas Gansterer
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 11/2018

Ich bin eine extreme Tagträumerin. Jeden freien Moment nutze ich dazu, meine Kopfhörer aufzusetzen, Musik zu hören und meinen Gedanken nachzuhängen. Das nimmt manchmal solche Ausmaße an, dass ich mich frage, ob ich überhaupt noch im Hier und Jetzt unterwegs bin.

Schon in der Schule habe ich angefangen, mich auf diese Weise von der Realität abzuschotten. Es ging manchmal so weit, dass ich extra etwas früher aus dem Unterricht gegangen bin, um nicht in Begleitung meiner Freunde zum Schulbus gehen zu müssen. Ich wollte einfach nur allein sein und Musik hören. Nichts war mir lieber, als im Bus zu sitzen, aus dem Fenster zu gucken und abzuschweifen.

Der Soundtrack zu den Tagträumen meiner Schulzeit bestand aus Snoop Dogg, Nerd, Daft Punk und David Bowie, aber auch Queens of the Stone Age, Jonas Brothers und Nelly Furtado. Je mehr Musik ich aufsaugte, desto erstrebenswerter fand ich es, selbst Teil dieser Welt zu werden.

In meinen Träumen waren die Musik und der Ruhm der Freifahrtschein in ein besseres Leben. Ich dachte mir, wenn ich so sein will, wie ich mich innerlich fühle, muss ich eine berühmte Musikerin werden.

Dabei war ich als junges Mädchen ein unsicherer Mensch. Ich habe versucht, das zu überspielen, indem ich der Klassenclown wurde. Nach außen gab ich vor, dass mir vieles egal war – ich gefiel mir in der Rolle des Bad Girls und tat so, als würde mich die Meinung anderer nicht kümmern. In meinem Innersten sah es anders aus.

Ich hatte das Gefühl, dass ich als Marlene Nader für niemanden interessant war. Aus diesem Gefühl heraus erschuf ich dann die Kunstfigur Mavi Phoenix. Das, was ich als Mavi Phoenix machte, fanden die Leute in meinem Umfeld zwar lange Zeit idiotisch. Aber ich ließ mich nicht beirren. Ich wollte mit meiner Musik Beachtung finden.

Mit dem Musikmachen ging es bei mir los, als ich elf war. Mein Vater hatte mir zu Weihnachten ein MacBook geschenkt. Da man damals auf dem Mac keines der Computerspiele spielen konnte, die ich mochte, musste ich etwas anderes suchen. Irgendwann entdeckte ich ein Programm, mit dem man Musik machen konnte. Mit meiner besten Freundin nahm ich erst einige Krimihörspiele auf, später dann Musik. Als ich ein paar Songs zusammenhatte, lud ich sie bei MySpace hoch.

Mittlerweile versuche ich, abends nicht mehr so lange vor dem Rechner zu sitzen. Ich habe festgestellt, dass mich das zu sehr mitnimmt – besonders die Computerspiele. Überhaupt mache ich unmittelbar vor dem Zubettgehen keine aufwühlenden Dinge mehr. Ich weiß noch, wie ich mal eine Folge Breaking Bad geguckt habe, die mich dann bis in meine Träume verfolgt hat. Das war echt gruselig.

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