Wolfgang Bosbach Über die Rache der Kinder

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 11/2018

Für die neueste Antwort auf die Frage, in welcher deutschlandrelevanten Runde der Politiker Wolfgang Bosbach wieder gesessen hat, müssen wir einen kleinen Umweg machen, ins dunkle Herz der deutschen Kernfamilie. Über sie wird unentwegt berichtet, dass Eltern ihren Kindern nicht den kleinsten Schritt allein in die Welt mehr gönnen, ohne sie mit Fahrdiensten, Rohkost und Signalwesten zu drangsalieren. Geschwiegen wird allerdings über die Rache der Kinder für alle von Mutti und Vati zugefügten Blamagen. Und die Kinder haben es leicht, je älter die Eltern werden, je bedrohlicher Wörter wie Zahnhalteapparat in deren Ohren klingen und je stärker der Wunsch reift, den Kontakt zur "jungen Generation" nicht zu verlieren. Plötzlich trifft man auf den Arbeitskollegen, an dem seit Wochen bunte und hygienisch inzwischen mehr als bedenkliche Armbänder hängen, die "mein Sohn aus Guatemala mitgebracht hat". Oder die Nachbarin, die in ihren SMS jedes Wort unter Emojis bestattet, weil ihre Lena-Sophie (16) auch "nur noch so mit ihrer Umwelt kommuniziert". Und es gibt eben Leute wie Wolfgang Bosbach, der nun in der Jury zur Wahl der Miss Germany auftauchte, ohne dass Anne Will oder Sandra Maischberger da überhaupt herumgesesselt hätten, sondern weil seine erwachsenen Töchter für die Idee "Feuer und Flamme" gewesen seien. Wir vermuten da töchterlicherseits dunkle Hintergedanken. Denn nun saß der Vater da und begutachtete lächelnde Frauen in schwarz-rot-goldenen Schärpen, auf denen die Namen von Bundesländern draufstanden. Früher hingen in Hinterhöfen und anderen Gefahrengebieten des Alltags zuverlässig Schilder mit der Aufschrift "Eltern haften für ihre Kinder". Trotz der Vielzahl an Schildern ist kaum ein Fall bekannt, in dem sich Eltern auch nur für einen einzigen ramponierten Grashalm verantwortet hätten. Und auch heute ist die Haftungsmoral ähnlich niedrig. Denn wer haftet umgekehrt für den Satz, den Bosbach dann über die Gewinnerin Anahita Rehbein sagen musste: "Sie war von Beginn an eine Favoritin, weil sie eine natürliche Ausstrahlung hat und weil sie authentisch ist." Ja, wer?! Natürlich nicht Bosbachs Töchter, die ihren Vater in diese rhetorische Notlage hineingewünscht haben, sondern Bosbach selbst. Was trieb Bosbachs Töchter wohl dazu, ihren Papa derart vorzuführen? Hat er sie früher pausenlos mit ihren Schwestern verglichen, in Fleiß, Charakter und Intelligenz? Wir werden dieses Familiengeheimnis hier nicht lüften. Was wir aber sagen können: Authentische Natürlichkeit ist bei Misswahlen ein Plus.

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