Alltag Notizen aus dem Alltag

Von
ZEITmagazin Nr. 12/2018

1. Im Hallenbad ging ich an den leeren Spinden vorbei, ohne darauf zu achten, ob jemand die Münze im Rückgabefach vergessen hatte. Ich nahm diese Gelassenheit als Zeichen der Reife.

2. Die Silhouette des Langläufers drüben sah aus wie ein Piktogramm.

3. Als die Sonne hinter den Gipfeln verschwand, wurde sofort das ganze Gewicht der Berge spürbar.

4. In allen Kurven zwischen den Etagen des Parkhauses waren Lackspuren an den Wänden zu erkennen. Dass ein Auto tatsächlich von der breiten, großzügig bemessenen Fahrbahn abkommen und eine Wand streifen konnte, wirkte wie ein vollkommen unmöglicher Fall. Aber das Parkhaus wurde Tag für Tag von Hunderten Wagen genutzt, und die bunten Flecken riefen die notwendigen Missgeschicke Einzelner in Erinnerung wie eine unerbittliche Statistik.

5. Das alte Foto auf der Pinnwand im Flur, die Köpfe am oberen Bildrand dutzendfach durchstochen. Bedeutungsloses Voodoo.

6. Die Mannschaft hatte einen Treffer erzielt, durch ein Eigentor des Gegners, und diese Besonderheit schlug sich in einer merkwürdigen Art des Jubels nieder. Normalerweise wird der Torschütze von den Mitspielern umringt; sie laufen auf ihn zu, umarmen ihn, reißen ihn zu Boden, wenn es sich um einen entscheidenden Treffer kurz vor Schluss handelt. Diese Jubeltraube jedoch hatte kein Zentrum. Man glaubte einen Moment lang sogar die Ratlosigkeit der Spieler zu erkennen, auf wen sie zulaufen sollten, und in Ermangelung eines Torschützen feierten sie schließlich den Stürmer, dessen Flanke der gegnerische Verteidiger ins Tor abgefälscht hatte.

7. Auf dem von Schülern wimmelnden Dorfbahnhof zur Mittagszeit: Die kleinen Speichellachen vor den Sitzbänken waren wie eine biologische Notwendigkeit, so unwillkürlich wie die Schweißflecken auf dem T-Shirt eines heimkehrenden Joggers.

8. Die beiden jungen Frauen in ihren Stöckelschuhen bewegten sich langsam über die breite Kreuzung – Gebrechliche der Schönheit, die einander zu stützen schienen –, und die Autos mussten bremsen, damit sie die andere Straßenseite erreichen konnten.

9. Die Regenschirme der Senioren, die Bierflasche des Bauarbeiters, der Aktenkoffer des Geschäftsmanns: Alle Dinge auf der Straße kamen mir plötzlich wie typische Accessoires vor, so bildhaft mit ihren Trägern verbunden wie die Bestandteile einer Playmobil-Figur.

10. Ich hatte das Ansinnen des Bettlers im Bahnhofsgebäude mit einem kurzen Kopfschütteln verwehrt, und nun sah ich dem verwahrlosten Mann zu, wie er entlang der Gleise weiterzog, von Passant zu Passant – seine Umrisse wie eine ausgemergelte Plastiktüte im Wind, die in langsamem Zickzack am Horizont verschwindet.

11. Er war allenfalls laminatsicher.

12.Der Schaffner stolperte souveräner als die Fahrgäste, als der Zug ruckartig bremste.

13. Das weinende Kleinkind lief auf seine Mutter zu, und die Tränen schienen ein Ziel zu haben wie ein geworfener Ball.

14. Dass die Maskenbildnerinnen und Tontechniker im Fernsehstudio immer so nachlässig gekleidet sind: als wollten sie einen bewussten Kontrapunkt setzen zu den ausgeschmückten Gestalten vor der Kamera.

15. Ich glaubte ihrem Ehering ansehen zu können, dass sie noch nicht lange verheiratet war.

16. Durch die Fenster des Tätowierstudios konnte man erkennen, dass Hochbetrieb herrschte. Kunden kamen und gingen, der Wartebereich im Vorraum war überfüllt: eine fast hektische Betriebsamkeit, die gar nicht zu der auf Dauer ausgerichteten Arbeit passte, die drinnen entstand.

17. Vor dem Wettbüro stand einer mit Ringrichter-Figur.

18. Am Flughafen wurde eine Passagierin aufgerufen, und ich sah zum ersten Mal tatsächlich, wie eine Frau in der Nähe aufstand und in die Richtung des Schalters ging.

19. Die pausierende Gebärdendolmetscherin auf dem Kongress gab ihrer Kollegin ein Zeichen, dass sie wieder übernehmen könne, und für einen Moment wurden ihre Gesten – für die Schwerhörigen im Raum ein notwendiger Ersatz – wieder zum Selbstzweck.

20. In der ersten Reihe konnte man die Geräusche hören, die von der Gebärdendolmetscherin produziert wurden: das Reiben der sich rasch bewegenden Arme an der Jacke, das regelmäßige, laute Atmen – Resttöne der tonlosen Kommunikation.

21. Vergessene Bewegungen: der Mann vor dem Geldspielautomaten, der mit der Hand das mittlere Feld zuhält, bevor die letzte Walze zum Stillstand kommt.

22. Alles an ihr war glamourös, sogar die Geheimzahl ihrer EC-Karte.

23. Er streifte seine Handschuhe über wie ein Profikiller kurz vor der Tat.

24. Die Kassiererin, die mittags im leeren Supermarkt in ihrer Kassenbox saß, sah aus, als würde sie in einem liegen gebliebenen Auto auf den Pannendienst warten.

25. In dem asiatischen Restaurant am anderen Ende der Welt nahm ich den Sinnspruch im Glückskeks plötzlich ernster, als ich es zu Hause getan hätte (Moon House, Los Angeles).

26. Der Moment, wenn sich einer der Geehrten in der ersten Reihe erhebt und aufs Podium hinaufsteigt, um den Preis entgegenzunehmen: Jeder von ihnen knöpft auf der schmalen Seitentreppe einen Knopf seines Sakkos zu. Eine Geste des Übergangs – nicht nur vom Sitzen zum Stehen, sondern auch vom Privatmann zur öffentlichen Figur.

27. Ein Protagonist des Dokumentarfilms wurde in seiner Wohnung interviewt, und an den Tropfen am Fenster konnte man erkennen, dass es gerade regnete – ein zu starkes Zeichen für den reinen Hintergrund der Szene.

28. Sie stürmte plötzlich aus dem Saal, als müsse sie sich übergeben, doch sie wollte nur in Ruhe ein Telefonat annehmen.

29. Die Friseure standen um die Kundin herum wie ein Konsortium beratender Ärzte.

30. An einer Kreuzung mit defekten Ampeln wurde ein Verkehrspolizist abgelöst. Er verließ seine Autoritätsposition, und beim Weggehen wirkte er sofort jünger.

31. An der Starbucks-Theke wartete ich auf mein Getränk, hinter einer Gruppe jüngerer Touristen, und es ertönte eine Folge von Wörtern – Namen, Vorlieben, Unverträglichkeiten –, die auf engstem Raum ein Kondensat der Gegenwart bildeten: "Franzi, Soja Flavored Latte", "Lena, Decaf Caramel Macchiato", "Jonas, Flat White mit Hafermilch".

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