Die großen Fragen der Liebe Wie kann sie ihn dazu bringen, nicht das große Wort zu führen?

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ZEITmagazin Nr. 12/2018

Die Frage: Gabi kennt Michael seit einem Jahr. Sie haben sich beim Skifahren getroffen und unternehmen viel zu zweit. Michael versteht nicht, weshalb Gabi ihn so selten in größerer Runde trifft. Wenn er sich das wünscht, findet sie es gerade nicht passend – weil eine Freundin Liebeskummer hat und kein neues Gesicht ertrage oder weil es eine reine Frauenrunde sei. Michael wird ungeduldig, schließlich hat er Gabi schon früh in seiner Clique vorgestellt. Gabi bespricht sich mit Sofia, die auch Michael kennt. "Ich kann ihm doch nicht sagen, dass ich es nicht aushalte, wie er in jeder neuen Gruppe das große Wort führt und peinliche Witze reißt", sagt sie ratlos, "wenn ich mit ihm allein bin, ist er sanft wie ein Lamm." – "Wenn du wirklich seine Freundin bist, musst du das klären", fordert Sofia.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Sofia macht es sich etwas einfach, denn es ist deutlich, wie sehr Gabi sich fürchtet, Michael zu kränken. Aber Gabi wird nicht darum herumkommen, sich mit der Verwandlung des sanften Michael in den Alleinunterhalter und Scherzkeks auseinanderzusetzen. Sie sollte zuversichtlich sein, weil Michael anfangs wohl auch in der Zweisamkeit den Alleswisser und Welterklärer gespielt hat, es inzwischen aber sein lässt. Sie ahnt, dass der Wortnebel ein großes und kränkbares Ego schützen soll. Er wird umso intensiver produziert, je weniger sicher sich Michael des Wohlwollens seiner Zuhörerinnen ist. So sollte sie ihn bitten, auch andere zu Wort kommen zu lassen, und ein Zeichen verabreden, dass er seine Redezeit überschritten hat. Oder entschlossen den Raum verlassen, wenn sie anfängt, sich für ihn zu schämen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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