Fernsehen "Darf ich fernsehen?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 12/2018

Lotta ruft manchmal bei mir im Büro an. Wenn ich die Handynummer eines meiner Kinder auf dem Display sehe, eile ich aus jeder Besprechung, immer darauf gefasst, dass es etwas Wichtiges oder Schlimmes sein könnte. Ein Kind hat sich verlaufen, ein Kind ist in die falsche U-Bahn gestiegen. Aber meist ist es: "Papa, darf ich fernsehen?" Man liest ja immer, dass die jungen Leute heute kein Fernsehen guckten und dass den Sendern bald die Zuschauer ausgingen. Ich kann die Sendeanstalten beruhigen: Auf meine Kinder können sie zählen. Die finden Fernsehen überhaupt nicht altmodisch. Die Kinder sollen nicht viel fernsehen. Fernsehen schadet der Fantasie. Das hat mir schon mein Vater gesagt. Er hat gesagt, es sei gut, ein Buch zu lesen, denn dabei arbeite die eigene Vorstellungskraft. Beim Fernsehen habe die Fantasie aber nichts mehr zu tun, deswegen werde man umso dümmer, je länger man vor dem Gerät sitze. Ich saß als Kind trotzdem lange davor. Ich habe damals alles gesehen, von Captain Future bis zur Schwarzwaldklinik. Für meine Fantasie muss das so betäubend gewesen sein wie Klebstoffschnüffeln. Ich muss in dieser Zeit so viel dümmer geworden sein, dass es gar nicht auszumalen ist, was ohne Fernsehschauen alles aus mir hätte werden können. Vermutlich würde ich heute Gravitationswellen vermessen oder so.

Wenn meine Tochter fragt, ob sie den Fernseher anmachen darf, frage ich zuerst, ob sie denn schon ihre Hausaufgaben gemacht habe. Lotta sagt: Ja. Dann frage ich, ob sie denn schon ihr Musikinstrument geübt hat. Lotta sagt: Ja. Dann fehlen mir die Argumente. Ich finde, ein Kind, das seine Hausaufgaben hinter sich gebracht und seine Pflichten erledigt hat, sollte Anspruch auf Freizeit haben. Freizeit bedeutet allerdings, dass Lotta sie gestalten darf, wie sie möchte. Ich würde es gerne sehen, dass meine Tochter liest. Aber sie will eben fernsehen. Ich sage: Aber nur eine Stunde. Dann aber kommt Greta von ihrer Freundin nach Hause, ruft mich an und fordert wiederum ihre eigene Stunde Fernsehzeit ein, die sie im Anschluss an Lottas Fernsehstunde in Anspruch nehmen möchte. Lotta guckt nämlich gerne Türkisch für Anfänger, das ist eine Serie über eine multikulturelle Patchwork-Familie. Greta mag hingegen eher Jessie! gucken. Das ist eine Sendung über ein Mädchen namens Jessie, der Soundtrack hallt sehr laut: "Hey Jessie!". Schließlich hole ich dann Juli von der Kita ab, und Juli vergisst auch nicht, dass sie noch fernsehen will. Sie guckt gerne Peppa Pig. Eine Zeichentricksendung über ein sehr aufgewecktes Schweinchen. Ich halte keine der Sendungen für schädlich. Das Problem ist nur, dass die Kinder sehr freigiebig sind damit, ihre Geschwister teilhaben zu lassen. Sogar Lotta bleibt noch gerne länger und schaut mit Juli zusammen Schweinchen an. Und ich dazwischen wie ein Bademeister mit der Stoppuhr, der die Kinder anhält, ihre Bildschirmzeiten einzuhalten. Alle suchen Entspannung, und ich mache Stress. Öfters setze ich mich dann dazu und gucke mit. Man soll ja Anteil am Medienkonsum der Kinder nehmen, das Gesehene diskutieren. Ich stelle viele Fragen, wer etwa bei Türkisch für Anfänger mit wem gerade eine Beziehung hat. Manchmal steht Lotta dann auf und sagt, sie möchte jetzt lieber etwas lesen.

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