Harald Martenstein Über eine sexistische Ikone

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 12/2018

Kürzlich habe ich über dieses Gedicht von Eugen Gomringer geschrieben, das von der Hauswand einer Berliner Hochschule verschwinden muss. Es könnte möglicherweise als sexistisch empfunden werden, unter anderem, weil darin Frauen mit Blumen verglichen werden. Ich habe damals gefragt: Was kommt wohl als Nächstes? Als Nächstes wurde aus der Manchester Art Gallery das Gemälde Hylas und die Nymphen von John William Waterhouse abgehängt, nach Protesten mussten sie es immerhin wieder aufhängen. Es wurde 1896 gemalt. Sensible Menschen dürfen jetzt bitte nicht weiterlesen. Ich muss das Bild leider beschreiben. Übermalen Sie den Rest dieses Textes einfach, aber bitte nicht mit Blumen. Das Bild zeigt junge, nackte Frauen, die in einem Teich stehen und ganz offensichtlich erotisch an einem – spätestens jetzt die Augen schließen! – Mann interessiert sind, den sie zu sich in den Teich ziehen möchten, um Gott weiß was zu tun. So was geht gar nicht. Gemalt ist es allerdings recht gut. Nun, was kommt diesmal als Nächstes?

Weil ich immer gern helfe, möchte ich allen Kämpferinnen und Kämpfern gegen den Sexismus einen Tipp geben. Wann knöpft ihr euch endlich Elvis Presley vor? Ich zitiere die Zeitschrift Vice: Elvis war "ein Frauenfeind, der seine Wirkung auf minderjährige Mädchen bedenkenlos ausnutzte". Seine spätere Ehefrau Priscilla war 14, als es losging. In ihren Memoiren hat sie gestanden, dass Elvis und sie von Anfang an "alles gemacht haben", außer Penetration, was aber eine Schutzbehauptung sein kann. Elvis hat später sogar noch eine zweite 14-jährige Freundin gehabt, Rebecca Smith. Als er schon älter war und dick und joghurtsüchtig, hat eine wieder andere Freundin – allein schon diese vielen Freundinnen! – sich geweigert, ihm einen weiteren Joghurt aus dem Kühlschrank zu holen. Ihre Worte lauteten: "Ich glaube, du hattest schon genug." Elvis hat eine 57er Magnum geholt und geschossen, nicht auf sie, sondern auf das Bett. Seine Worte: "Dies ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit." Die Musik von so jemandem kann man doch nicht spielen, ganz zu schweigen von den Texten.

Wie sehr Elvis Frauen auf ihren Körper reduziert hat, zeigt diese Passage aus einem seiner größten Hits, hier die Übersetzung: "Du bist die geilste Schnitte hier in unserer Kartei / Dein Anblick, deine Nähe, all das macht mich scharf / Wenn ich zum nächsten Jailhouse-Rock-Tanz bitten darf". Gomringer hoch drei.

Ein anderer Fall: Hildegard Knef. Knef hat sich 1951 nicht nur in einem Film nackt ausgezogen und mehrmals eine sogenannte Femme fatale dargestellt. Schwerer wiegt, dass ihr Film Die Sünderin den Beruf der Prostituierten ohne jegliche Kritik an der Unmoral dieses Gewerbes darstellt.

Das wurde damals – ein heute wieder total moderner Sound – als "Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen Frau" empfunden. Es gab Demos, Boykottaufrufe und Stinkbomben-Attentate. Der Familienminister forderte, auch er erstaunlich modern, die Einführung einer "Volkszensur". Das Machwerk mit dem Titel Die Sünderin konnte nur deshalb nicht verboten werden, weil das zuständige Gericht glaubte, "moralische Auffassungen einzelner Bevölkerungskreise" stünden nicht über der Freiheit der Kunst. Die Justiz war halt noch in den altersfleckigen Händen weißer Männer.

Heute kommt man mit so einem Pseudoargument nicht mehr durch. Es lebe der Anstand der Frau! Oder, als Gedicht: Nieder mit den Nymphen, in jeglichen Sümpfen!

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