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Irmgard Schwaetzer "Ich wollte Sterbende begleiten"

Als junge Frau verlor Irmgard Schwaetzer ihre große Liebe durch einen Unfall. Ein Konzert half ihr aus der Erstarrung. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 12/2018

ZEITmagazin: Frau Schwaetzer, Sie sind es gewohnt, für andere Verantwortung zu tragen. Waren Sie selbst schon einmal auf andere Menschen angewiesen?

Schwaetzer: Es gab in meinem Leben viele solcher Momente. Aber es gab auch eine Situation, in der alle menschliche Hilfe nicht mehr half. Das ist jetzt 50 Jahre her.

ZEITmagazin: Bitte erzählen Sie.

Schwaetzer: Bei einem Autounfall starb der Mensch, mit dem ich mein Leben verbringen wollte – und ich war völlig versteinert. Meine Eltern kümmerten sich liebevoll um mich, aber ich konnte nicht wirklich trauern. Erst nach ein paar Wochen, als ich in der Bonner Kreuzkirche ein Orgelkonzert hörte, strömten mir plötzlich Tränen über das Gesicht. Nach dem Konzert lief ich schluchzend durch die Innenstadt zu meiner Wohnung – das war der Beginn der Trauer, erst jetzt konnte ich Hilfe annehmen.

ZEITmagazin: Hat Musik auch später für Sie eine Rolle gespielt?

Schwaetzer: Immer, ja. Als ich letzten November zum Eröffnungsgottesdienst der EKD-Synode in Bonn in die besagte Kreuzkirche ging und die Orgel erklang, da überfiel mich die Erinnerung.

ZEITmagazin: Sie waren aber selbst nicht in den Unfall verwickelt?

Schwaetzer: Nein, meine Eltern haben es mir gesagt. Sie machten sich natürlich größte Sorgen. Zwei Wochen später fing mein Staatsexamen an, ich habe es einfach abgespult, aber mein Inneres war starr.

ZEITmagazin: Nicht viele junge Menschen hätten unter diesen Umständen ein Examen geschafft.

Schwaetzer: Für mich spielte es keine Rolle mehr, ob die Prüfung gut gehen würde oder nicht. Ich funktionierte. Das Ergebnis war mir egal. Mein Professor bot mir danach eine Promotion und eine Assistentenstelle an, aber auch das hatte zunächst keinerlei Bedeutung.

ZEITmagazin: Wie haben Ihre Eltern Ihnen beigestanden?

Schwaetzer: Sie waren einfach da. Ich wohnte nicht mehr zu Hause, also kamen sie abwechselnd zu mir nach Bonn. Erst Jahrzehnte später, als ich selber in einem Hospiz half, ist mir klar geworden, wie gut sie und auch meine Freunde sich verhalten hatten: Wer Trauernde unterstützen will, darf sie nicht bedrängen. Im Hospiz habe ich oft erlebt, wie Familienangehörige Sterbende mit ihren eigenen Sorgen belasteten. Das Wichtigste, was man in der Seelsorge machen kann, ist zuhören und Hoffnungsworte sprechen. Aber die ganz tiefen emotionalen Schichten, die erreichte damals bei mir nur die Musik.

ZEITmagazin: Welche Musik war es, die Sie innerlich auftaute?

Schwaetzer: Händels Orgelkonzerte, also Barockmusik. Ich habe selber früh gesungen und war immer in irgendwelchen Chören. Mit Freunden übte ich als Kind Kammerkonzerte für unsere Eltern ein, ich spielte Blockflöte, später Harfe. Bis heute ist Musik für mich auch in Glücksmomenten wichtig. Ach, die Vivaldi-Trompetenkonzerte! Eine reine Freude.

ZEITmagazin: Muss die Musik für Sie klassisch sein, gar sakral?

Schwaetzer: Nein. Ich höre zwar, wenn ich nicht einschlafen kann, Mozarts Requiem, und in meiner Jugend haben wir Renaissancemusik mit alten Instrumenten gespielt. Aber es darf auch Chris Rea sein. Und in einer anderen schwierigen Lebenslage habe ich die einfachen Harmonien und die Spiritualität von Taizé für mich entdeckt. Diese ökumenische Gemeinschaft in Frankreich pflegt eine spezielle Form des geistlichen Liedes, mit schlichten Texten der Hoffnung. Also: Ohne Musik geht bei mir nichts. Und immer dann, wenn ich nach außen wirklich funktionieren muss, bietet Musik eine Entlastung.

ZEITmagazin: Warum arbeiteten Sie eigentlich ehrenamtlich im Hospiz?

Schwaetzer: Ich wollte Sterbende begleiten, weil mich die Sterbehilfe-Debatte sehr bewegt hat. Nachdem ich aus dem Bundestag ausgeschieden war, habe ich in einer Ausbildung gelernt, Trauer und ihre Formen zu erkennen – und wie wichtig es für Sterbende ist, dass sie ihre Wünsche aussprechen. Wir hatten einmal im Hospiz einen Bäckermeister, der vermisste seine Backstube so sehr. Also haben wir in der Hospizküche unter seiner Anleitung gebacken. Das war für uns genauso schön wie für ihn. Ich habe übrigens im Hospiz nie erlebt, dass ein Sterbender mich nicht gefragt hätte, was ich glaube, was nach dem Ende kommt.

ZEITmagazin: Gibt es noch eine Verbindung zu dem jungen Mann, der so früh gestorben ist?

Schwaetzer: Nein, das Grab ist längst eingeebnet. Aber in meinen Unterlagen gibt es noch ein Foto. Und tief im Hintergrund ist er da. Der Gedanke an ihn schmerzt nicht mehr, aber ich habe noch immer eine lebendige Erinnerung an die Besonderheit dieses Menschen.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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