Juliane Köhler "Ich habe mich gezwungen, allein auf Reisen zu gehen, um meine Ängste zu überwinden"

© Fritz Beck
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 12/2018

Der große Traum, der mein Leben bestimmt, fing auf der Waldorfschule an, auf die ich als Teenager ging. Meine Mitschüler dort waren alle politisch sehr engagiert, ich selbst wurde dann in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv. Ein Schlüsselmoment war für mich die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1983, da war ich 18 Jahre alt. Mehr als 500.000 Menschen demonstrierten gegen die Stationierung von Atomraketen in Deutschland. Ich bin mit der festen Überzeugung nach Hause gefahren, dass wir etwas bewirkt haben. Es ist ein Gefühl, das ich heute schmerzlich vermisse. Seither ist mein großer Traum Frieden. Ich weiß, wie naiv das klingt. Aber dieser Traum hat auf vielen Ebenen eine große Bedeutung für mich.

Ständig sieht man im Fernsehen Schreckensbilder von den Kriegsschauplätzen dieser Welt, aber alles rauscht irgendwie vorüber, es gibt nicht mehr dieses eine Ereignis, das die Aufmerksamkeit bündelt. Die Stimme zu erheben oder zu demonstrieren scheint nichts mehr zu bewirken. Ich bin zutiefst enttäuscht von unseren Politikern. Sie haben die Verantwortung für unsere Kinder und Kindeskinder, nehmen sie aber nicht wahr. Frieden ist viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Frieden bedeutet soziale Gerechtigkeit, Schutz der Umwelt und der Menschen und ihrer Würde. Verantwortliche Politik würde bedeuten, wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa zum Klimawandel, in Politik umzusetzen. Aber das geschieht nicht.

Der andere Aspekt meines Traums vom Frieden ist ein sehr persönlicher. Ich bin als Scheidungskind aufgewachsen und habe es immer sehr bedauert, dass es meinen Eltern so schwerfiel, ihre Probleme im Gespräch zu lösen und friedlich miteinander umzugehen. Ich träume daher auch vom Frieden im Kleinen, in meiner Familie, meinem Freundeskreis und auch in meiner Theaterfamilie.

Und da sehe ich für mich, anders als in der Weltpolitik, die Möglichkeit, etwas zu verändern. Vor einigen Jahren habe ich angefangen zu meditieren. Die täglichen 15 Minuten Meditation haben mich sehr verändert, sie verschaffen mir Ruhe und einen positiven Blick auf die Menschen. Früher war ich ein sehr aufbrausender Mensch, mit starkem Kontrolldrang. Das ist anders geworden.

In jungen Jahren war ich unscheinbar, unsicher und voller Ängste vor dem Unbekannten. Ich habe mich damals gezwungen, allein auf Reisen zu gehen, um meine Ängste zu überwinden. Dass mir das dann irgendwann gelungen ist, habe ich wohl auch der Waldorfschule zu verdanken. Dort hatte man mir das Gefühl vermittelt, dass ich okay war, mit allen Ängsten und Schwächen. Das war sehr wichtig für mich, ohne diese stärkende Erfahrung hätte ich zu Beginn meiner Karriere, als ich von zahlreichen Schauspielschulen und Theatern Absagen bekommen hatte, wohl aufgegeben. Aber so konnte ich die Kraft aufbringen, meinen Traum weiterzuverfolgen. Und heute bin ich im Frieden mit mir.

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