© Jelka von Langen

Malerei So sieht das Neue aus

Immer wenn man denkt, die Malerei sei am Ende, dann legt sie wieder von vorn los. Tamina Amadyar braucht nur zwei Farben und einen Pinsel, um die Kunst der Abstraktion auf eine andere Stufe zu heben. Wir zeigen ihre taufrische, leuchtende Malerei aus diesem langen, dunklen Winter. Von
ZEITmagazin Nr. 12/2018

Nirgendwo könnte Tamina Amadyars Kopf besser stehen als zwischen dem herben Pink links und dem jähen Hellblau rechts, vor denen ihr Porträtfoto auf Seite 36 entstanden ist. Denn das beschreibt genau jenen modernen Zweikampf, zu dessen Schauplatz Tamina Amadyar ihre Leinwände erkoren hat. Da streiten ein warmes Gelb und ein tiefes Blau um die Hoheit im Bild, da lehnt sich ein frisches Grün an ein reifes Orange, da wirbelt ein sattes Rot durch ein stilles Türkis – nie braucht die 1989 in Kabul geborene Künstlerin mehr als zwei Farben, um eine große Geschichte zu erzählen. Ihre Leinwände sehen aus, als würde man unter dem Mikroskop nach den kleinsten Atomen der abstrakten Malerei suchen – und dann genau jene Punkte finden, an denen sich zwei Töne überlappen, gegenseitig elektrisieren, anziehen oder abstoßen.

Amadyars Kunst interessiert sich für die Kanten und die Ränder, für das Reich des Dazwischen, in dem die eine Farbe verdämmert und die andere heraufzieht. Was man auf diesen Leinwänden in nie gesehenen Farben sieht, das ist die Gischt des Meeres, die über den nassen Sand des Strandes strömt. Doch was in der Natur in Sekundenschnelle versickert, das halten ihre Bilder in roher Eleganz für alle Zeiten fest.

Amadyar benutzt die Farbpigmente pur, nur mit Tierleim verrührt, darum scheint alles zu schweben. "Oasis", 2017 © Jelka von Langen

Als Tamina Amadyar 2017 in der Berliner Galerie von Guido Baudach, der sie an der Kunstakademie in Düsseldorf entdeckt hat, ihre Einzelausstellung 10.000 hours zeigte, da ging angesichts der kühnen Schlichtheit ihrer Werke eine begeisterte Verblüffung durch die Kunstwelt. Jetzt sind bis zum 15. Mai im Kunstverein Reutlingen Amadyars Werke erstmals in einer deutschen Institution zu sehen – und es hätte vielleicht keinen schöneren Ort dafür geben können, an dem dieser Big Blue Sky aufzieht, wie die Ausstellung heißt. Denn nun wird Amadyars Kunst in der mittleren Etage jenes großzügigen Ziegelfabrikgebäudes gezeigt, das darunter und darüber die exzeptionelle Sammlung Manfred Wandels und Gabriele Küblers an konkreter Kunst der letzten hundert Jahre zeigt.

Wie in den neuesten Werken Amadyars, auf denen die eine Farbe die andere von zwei Seiten in den Arm nimmt, drückt, presst, liebt, herausfordert, streichelt und angreift, so ist ihre Ausstellung im Kunstverein eingebettet in die konkrete Kunst von Josef Albers, von Dadamaino, von François Morellet, von Max Bill und vielen anderen. Das ist deshalb so passend, weil Tamina Amadyars Kunst eben nicht ohne all diese Vordenker und Vormaler vorstellbar ist – und weil andererseits genau deshalb die Geste ihrer Werke so verwegen erscheint. So schlicht. So provozierend.

Die Farben ziehen sich an und stoßen sich ab – und an den Rändern pulsiert es. "Bad Water", 2018 © Jelka von Langen

Eigentlich passiert ja quasi nichts auf diesen Bildern, die in den letzten Wochen in ihrem Atelier in Berlin-Lichtenberg entstanden sind. Riesige, metergroße Leinwände, die sie aufspannt und dann bemalt mit Pinselzügen und Farbgruppierungen von größtmöglicher Simplizität. Aber Abstraktion ist im besten Falle immer Weglassen. Und neue Stufen erreicht sie immer, wenn sich in dem, was dann noch bleibt, alle zeitgenössischen Seh- und Welterfahrungen eingeschrieben haben. Im Falle von Tamina Amadyar ist das eben eine genaue Kenntnis der Strategien und Wirkungen von Heroen wie Agnes Martin oder Ellsworth Kelly, von Cy Twombly, von den Farbmagiern Helen Frankenthaler und Morris Louis natürlich, von Christopher Wool oder Wolfgang Tillmans.

Zwei Farben – und ein lakonischer Bildtitel, "Warschau" in diesem Fall. So entsteht Malerei von spröder Eleganz. © Jelka von Langen

Aber in den Tiefen ihrer Malerei steckt auch eine krude Filzstift-Ästhetik, jenes vibrierende Nebeneinander von fest aufgetragenen und langsam dünner werdenden Partien aus Kindertagen, die sie zunächst in ihren Zeichnungen erzeugt – und deren Mechanik sie dann auf die Ölmalerei zu übertragen versteht. Ihre Gemälde bekommen diese besondere Durchlässigkeit, weil sie die Pigmente pur benutzt, nur mit Hasenleim verrührt, eine ganz alte Technik, eine ganz neue Wirkung. Die Farben werden körperlich, wie pulsierende Organe.

Die Künstlerin lässt zwei Farben gegeneinander antreten, eröffnet ein Wechselspiel aus Wildheit und Form. "Cactus City", 2018 © Jelka von Langen

Ihr Atelier in Berlin besteht eigentlich nur aus elfenbeinfarben grundierten Leinwänden, Pinseln und Gläsern voller leuchtender Pigmente. Überall Bilder, auf denen zwei Farben schauen, ob sie sich wie Yin und Yang zueinander verhalten wollen oder wie Hund und Katze. Idealerweise, würde Tamina Amadyar sagen, haben sie von beidem etwas. Wenn alles in leichter Spannung zueinander steht, dann ist es ein gutes Bild. Die neuen Gemälde, die wir in diesem Heft zeigen, sind in diesem langen Berliner Winter entstanden – und sie sind so zeitlos, wie sie zeitgenössisch sind. Was das Verrückte an diesen Bildern ist: Sie scheinen so viel zu wissen, obwohl sie so bewusst beiläufig daherkommen. Ihre Reduktion ist das Ergebnis zweier zentraler Prägungen Tamina Amadyars: einerseits der geschlossenen Räume in Kabul, wo sie aufgewachsen ist, Innenräume, Schattenreiche, in die kaum ein Lichtstrahl fällt.

Eine Farbe scheint die andere in den Arm zu nehmen. "Silver Lake", 2018 © Jelka von Langen

Und andererseits der Lichtexplosion, die sie während eines längeren Aufenthaltes in Kalifornien erlebte, der grellen Helligkeit und der Formen, die nur durch Licht und Schatten definiert werden. Von alldem erzählen ihre Gemälde. Und von einer besonderen Sinnlichkeit, die Tamina Amadyar in die Farbe zu legen weiß. Es ist eine sehr physische Malerei, man spürt den Arm und die Hand, die den Pinsel führten. Man spürt auch, welcher harte Eingriff auf die reine, freie, helle Fläche der Leinwand jeder Farbauftrag ist. Alles läuft bei Tamina Amadyar auf die beiden Momente zu, in denen zuerst die Farbe die Leinwand berührt – und dann die Farben sich gegenseitig. Der Malvorgang ist eine Mischung aus unbewusster Kontrolle und bewusstem Kontrollverlust. Also: Meditation und Kampfkunst. Sie lässt die zwei Farben gegeneinander antreten, eröffnet das Wechselspiel aus Spannung und Öffnung, aus Wildheit und Form. Das ist immer aufs Neue ein Spiel mit dem Feuer – denn ist die Balance der idealen, funkensprühenden Spannung einmal verloren, dann ist es die ganze Leinwand. Am meisten über die Kunst, so sagt sie, lerne sie von den Leinwänden, die ihr missglückten, weil sie zu viel gewollt habe.

In Afghanistan hat sie vor 28 Jahren das Licht der Welt erblickt, doch erst in Kalifornien wurden ihr die Augen geöffnet. In Düsseldorf an der Kunstakademie hat sie gelernt, ihrem eigenen Blick zu folgen, in Berlin, ihn immer weiter zu fokussieren: auf den Status quo der Abstraktion. Warum, so unsere Frage, warum sind es eigentlich immer nur zwei Farben, die auf jeder ihrer Leinwände auftreten? Darauf Tamina Amadyar: "Weil es mehr nicht braucht."

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