© Gregory Gilbert-Lodge

Mord an Carolin G. Eine Stadt sucht einen Mörder

Im November 2016 kehrt eine junge Frau nicht vom Joggen zurück, vier Tage später finden Polizisten ihre Leiche. Dann nimmt die Soko Erle ihre Arbeit in einer baden-württembergischen Kleinstadt auf – und findet acht Monate später den Täter. Eine Rekonstruktion der Ermittlungen. Von
ZEITmagazin Nr. 12/2018

An jenem Tag hängen Regenwolken über Endingen, es wird gar nicht richtig hell. Die junge Frau, die später das halbe Land als Carolin kennen wird, sitzt an diesem Sonntag mit ihrer Familie beim Brunch zusammen, Eltern, Geschwister, Tanten, ihr Mann Boris, dessen Familie. Es ist der 6. November 2016. Um zwei bricht Carolin nach Hause auf, sie will noch eine Runde in der Kälte joggen. Das letzte Foto, das es von ihr gibt, ein Selfie, zeigt sie kurz vor dem Verlassen ihres Hauses, ein breites Band um Stirn und Ohren. Gegen drei läuft sie los, ein paar Spaziergänger aus dem Ort grüßen. Boris, ihr Mann, fährt in der Zeit zu einem Fußballspiel. Als er gegen halb sechs zurückkommt, ist Carolin nicht zu Hause. Es wird sechs. Irgendetwas stimmt nicht. Carolins Eltern kommen, seine Eltern auch. Es regnet immer noch. Sie ziehen sich die Kapuzen über, nehmen Taschenlampen mit. Dann gehen sie durch die Weinreben Richtung Nordosten, wo Carolin normalerweise läuft. Sie suchen, rufen. Nichts. Vielleicht hat sie sich verletzt, kann nicht mehr aufstehen, denkt die Familie. So erzählen es später Bekannte.

Boris, der Ehemann, ist bei der freiwilligen Feuerwehr, sein Vater auch. Um 21.50 Uhr alarmiert die Feuerwehrleitstelle die Truppe: ein Vermisstenfall. Sie informieren die Kameraden und besprechen: Was ist zu tun? Dann rufen sie Hans-Joachim Meyer an.

Meyer, 60 Jahre alt, leitet das Polizeirevier im 15 Kilometer entfernten Emmendingen, der zuständigen Kreisstadt. Als er hört, um wen es geht, setzt sein Atem kurz aus. Er kennt Carolin gut, sie sind im selben Sportverein. Du musst da sofort hin, sagt er sich, und du musst so schnell wie möglich die ganze Maschinerie hochfahren.

Als Meyer in Endingen ankommt, erwarten ihn zwei Dutzend Feuerwehrkameraden aus der Region. Auch Carolins Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester sind inzwischen eingetroffen und überschütten ihn mit Fragen: Was ist passiert? Was geschieht jetzt?

Die Feuerwehrmänner haben einen Plan gemacht, nach dem gesucht werden soll: Zwei Kameraden bleiben in der Funkzentrale, um Anweisungen zu geben, die anderen fahren mit dem Laster Carolins Laufstrecke entlang. Sie strecken ihre Handlampen aus dem Fenster, fahren die Flutlichtmasten aus den Lastern aus. Die Hälfte schaut links, die andere rechts. Gelegentlich steigen sie aus, schauen unter den Rebstöcken. Rufen Carolins Namen.

An einem Sonntagnachmittag ging Carolin joggen – und traf ihren Mörder. © Gregory Gilbert-Lodge

Um Mitternacht fahren sie zurück zur Leitstelle. "Der Gedanke an ein Verbrechen hat sich im Raum ausgebreitet wie ein Gespenst", sagt Revierleiter Meyer. Eine Stunde später kreist ein Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera über dem Ort. Immer noch nichts. Aber der Helikopter macht einen Mordslärm, und bald wollen die ersten Endinger wissen, was da los ist mitten in der Nacht.

Draußen wird es langsam hell, als 50 Mann mit Suchhunden aus dem nahe gelegenen Lahr anrücken. Revierleiter Meyer bringt die Kollegen auf den neuesten Stand. Erst jetzt merkt er, dass die Müdigkeit langsam stärker wird als das Adrenalin. Es ist 5.45 Uhr.

An diesem Montagmorgen will Walter Roth eigentlich ausschlafen, zum Arzt gehen und seine Krankmeldung verlängern. Er hat eine schwere Halsentzündung, die einfach nicht besser wird. Aber als das Telefon neben seinem Bett klingelt, nimmt der Polizeisprecher doch ab. Es ist sein Sohn, Dienstgruppenführer in Emmendingen: "Eine Frau ist vermisst gemeldet." Roth zieht sich an und fährt los. Der Polizeiposten Endingen liegt nur zehn Minuten entfernt.

Als die Endinger Polizeibeamten am Montagmorgen zu ihrer Sieben-Uhr-Schicht eintreffen, reicht ihnen ein Blick ins Revier, um zu wissen: Hier geht es um ein Kapitalverbrechen.

Walter Roths Meldung verbreitet sich am Morgen über die Internet-Seiten der Zeitungen. "Joggerin vermisst: 27 Jahre alt, 170 cm groß, schlank, lange braune Haare. Bekleidung: schwarze, lange und eng anliegende Laufhose, schwarzes Stirnband, lila oder türkisfarbene Jacke, blaue Laufschuhe. Hinweise bitte an das Polizeirevier Emmendingen oder den Polizeiposten Endingen."

Carolin G. Vor einem Jahr hat sie geheiratet, sie und Boris wollten Kinder. Viele im Ort kennen sie, eine quirlige, gesellige junge Frau, die viel lacht. Endingen ist ein 9.000-Einwohner-Städtchen, Fachwerk, Kopfsteinpflaster. Carolin ist verwurzelt in der Region, spielt Fußball im Verein, genau wie ihr Mann Boris und Revierleiter Meyer. Polizeisprecher Roth wiederum ist ein alter Bekannter ihres Vaters. Eigentlich kennen alle Ermittler entweder sie oder ihren Mann oder einen Angehörigen.

Inzwischen ist das Endinger Büro der Polizei vollgestellt mit Flipcharts, ein Beamer wirft digitale Landkarten an die Wand. Der Kaiserstuhl mit seinen Rebhängen, eine der besten Weingegenden Deutschlands, ist darauf in Planquadrate eingeteilt. Revierleiter Meyer teilt Suchtrupps ein. Die ersten Männer ziehen los, Meyer läuft selbst mit. Sie durchkämmen das Gelände, fast Hand in Hand, lückenlos. Nichts.

Könnte Carolins Verschwinden etwas mit dem Freiburger Mordfall zu tun haben, bei dem kurz zuvor eine 19-jährige Medizinstudentin auf dem Rückweg von einer Party vergewaltigt und sterbend am Ufer der Dreisam zurückgelassen wurde? Ihr Mörder läuft immer noch frei herum. Könnte er auch Carolin getötet haben? Freiburg ist gerade mal eine halbe Stunde entfernt von Endingen. Revierleiter Meyer ist flau im Magen.

Der Bürgermeister von Endingen sitzt an diesem Tag mit seiner Frau in einem Café im Zentrum von Weimar – der Abschluss eines Wagner-Oper-Wochenendes. Er hat gerade einen Salat bestellt, als sein Handy vibriert und den Vermisstenfall meldet. "Was? Das muss das andere Endingen sein", denkt der Bürgermeister, das bei Reutlingen. "Das kann nicht unser Endingen sein, niemals!", sagt er.

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