© Cole Wilson

Ta-Nehisi Coates Dichter dran

Ta-Nehisi Coates stammt aus einem Schwarzenviertel Baltimores, sah sich als gescheiterte Existenz. Dann schrieb er darüber, wie es sich anfühlt, als Schwarzer in Amerika aufzuwachsen. Das hat ihn verändert und auch das Land, in dem er lebt. Von
ZEITmagazin Nr. 12/2018

Ta-Nehisi Coates greift in eine Tasche unter seinem Schreibtisch, zieht ein Manuskript heraus und knallt es auf den Tisch. Der Stapel Papiere ist seine Antwort auf die Frage, ob er nach seinen vielfach ausgezeichneten Essays und Reportagen, nach seinen weltweit erfolgreichen Sachbüchern je darüber nachgedacht habe, einmal einen Roman zu schreiben. "Ja", sagt er. "Ich habe ihn sogar dabei." Kurze Pause. "Kommt nächstes Jahr."

Ist das ein großer Schritt für ihn? "Ich habe seit 2009 daran geschrieben, deswegen fühlt es sich nicht mehr danach an." Er wirft einen Blick auf das Deckblatt. "Ich musste den Roman oft zurückstellen. Es sind ein paar Dinge dazwischengekommen."

Ein paar Dinge. Als Ta-Nehisi Coates, 42, die Arbeit an seinem Roman begann, konnte er vom Schreiben nicht leben, heute gilt er als einer der einflussreichsten amerikanischen Autoren. Sein Buch Between the World and Me (Zwischen mir und der Welt), verfasst als Brief an seinen Sohn Samori, erreichte die Spitze der New York Times- Bestsellerliste und wurde 2015 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Die Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat über ihn gesagt, er fülle die Lücke, die durch den Tod des großen schwarzen Schriftstellers James Baldwin entstanden sei. Coates, seinen Vornamen spricht man Tanahasi aus, ist Stargast in den wichtigsten Talkshows Amerikas und wird dort als "führender schwarzer Intellektueller des Landes" vorgestellt. Die Bezeichnung gefällt ihm nicht. "Es klingt, als säße ich den ganzen Tag am Schreibtisch und kratzte mir den Bart. Dabei gehe ich raus in die Welt, rede mit Leuten und höre ihnen zu, als Autor und Reporter."

Das Treffen mit Ta-Nehisi Coates findet Ende Februar in seinem Büro an der New York University statt, wo er seit Kurzem am Carter Journalism Institute Writing for Reporters unterrichtet. Er erscheint pünktlich wie vereinbart um ein Uhr mittags am Empfang. Es ist der erste sonnige Tag in New York seit Langem, er hat Musik auf den Kopfhörern. Grauer Anzug, weißes Hemd, hellbraune Lederschuhe – zur Begrüßung nimmt er die Kopfhörer ab, dann die Sonnenbrille mit blau getönten Gläsern, "Hey, how ya doin’". Kräftiger Händedruck, er ist groß, etwa 1,90 Meter.

In seinem Büro erkennt man auf den ersten Blick, dass er zumindest hier nicht oft am Schreibtisch sitzt, um sich den Bart zu kratzen. Ein leeres Regal links, ein leeres Regal rechts, dazwischen ein ebenso leerer Schreibtisch, auf dem ein Telefon steht und zwei Pakete liegen, sonst nichts. Die Pakete macht er sofort auf, es sind Bücher, die ihm zugeschickt wurden.

Diese Woche erscheint Coates’ Buch We Were Eight Years in Power. Eine amerikanische Tragödie in Deutschland. Es enthält Essays, Reportagen und Porträts aus Barack Obamas Regierungszeit, jeweils durch eine persönliche Einführung des Autors ergänzt. Es ist seine Bilanz der politischen Ära eines Mannes, zu dem er eine besondere und durchaus komplizierte Beziehung hat.

2007, im Jahr bevor Barack Obama zum Präsidenten gewählt wird, ist Coates 31 Jahre alt – und pleite. Er hat innerhalb von sieben Jahren seinen dritten Job verloren, lebt mit seiner Frau Kenyatta Matthews und dem gemeinsamen Sohn Samori in Harlem. "Ich hatte keine Ahnung, was aus mir werden soll", sagt Coates. Er ist aus der Highschool geworfen worden, hat das College ohne Abschluss verlassen, sieht sich als "gescheiterte Existenz". Seit einigen Jahren versucht er es als Journalist und überlegt, Taxi zu fahren oder als Barkeeper zu arbeiten. Aber seine Frau Kenyatta, die die junge Familie damals ernährt, sagt nur: "Du solltest mehr Zeit mit dem Schreiben verbringen", so steht es in seinem Buch.

In der Zeit, als Ta-Nehisi Coates sich oft im Arbeitsamt aufhält, verkündet der Senator Barack Obama aus Chicago seine Präsidentschaftskandidatur. Einen Mann wie Obama hat Coates noch nie gesehen, er ist schwarz, aber anders schwarz, das macht den jungen Autor neugierig. Er startet ein Blog, beginnt, regelmäßig über Obama zu schreiben, verfolgt seinen Weg ins Weiße Haus. Das Blog (anfangs ist Coates’ Vater der einzige Leser) wird immer beliebter, und das einflussreiche Magazin The Atlantic wird darauf aufmerksam, Coates bekommt erste Aufträge, auch das Blog wird bald von The Atlantic finanziert. In seinem Buch schreibt Coates, Obama sei "direkt verantwortlich für den Aufstieg einer Reihe schwarzer Autoren und Journalisten". Obamas Präsenz habe diesen Autoren "ein Feld" eröffnet, denn was als Neugier auf einen Mann begann, habe sich zu "einer Neugier auf die Community ausgeweitet, auf die schlummernden Fragen zur amerikanischen Identität". Einer der Autoren ist er selbst.

Am Ende seiner acht Jahre an der Macht porträtiert Coates Obama für The Atlantic. Monatelang hat er ihn begleitet, immer wieder Interviews mit ihm geführt. Bei einem seiner Besuche im Weißen Haus sagt Coates zu Obama, er sei überzeugt davon, dass Trumps Kandidatur eine direkte Reaktion auf ihn sei, auf den ersten schwarzen US-Präsidenten. Obama antwortet, er verstehe, was er meine, ist aber offenbar nicht überzeugt. Beide hätten sie sich damals nicht vorstellen können, dass Trump gewinnt, sagt Coates.

"Das letzte Mal gesehen habe ich ihn in der Air Force One", erinnert er sich in seinem leeren Büro. "Das letzte Mal gesprochen haben wir am Telefon, nach dem Sieg von Trump. Obama war noch immer der Optimist, als den ich ihn kennengelernt hatte." Coates schüttelt den Kopf. "Das war immer die Dynamik zwischen uns beiden: Er glaubt unerschütterlich an die amerikanischen Institutionen." Coates nicht? Er nickt.

"Bei uns zu Hause gab es einen Jesus, das war Malcolm X. So bin ich aufgewachsen, das prägt." © Cole Wilson

Für Ta-Nehisi Coates steht fest, dass Donald Trump der "erste weiße Präsident" ist. Seine politische Karriere sei erst dann richtig in Schwung gekommen, als er wieder und wieder behauptete, Obama sei gar nicht in den USA geboren und hätte deshalb nicht Präsident werden dürfen. "Wenn Trump wirklich nur deshalb die Wahl gewonnen hat, weil ihn die abgehängte Arbeiterklasse gewählt hat – warum hat er dann in der Arbeiterklasse von Schwarzen und Latinos so viel weniger Stimmen bekommen als in der von Weißen?"

Hätte Coates, wenn Trump jetzt hier zur Tür hereinkommen würde, eine Frage an ihn? "Nein, ich würde ihn begrüßen, mehr nicht." Keine Frage? "Trump ist kein großes Rätsel. Es gibt bei ihm wirklich keinen Mangel an Offenheit. Was soll ich ihn fragen, was er nicht selbst schon klargemacht hätte? Er ist ein Rassist. Es ist nicht schwer, das herauszufinden." Und dann fügt er hinzu: "Ich glaube, er hat gute Chancen, wiedergewählt zu werden." Hat er jemals darüber nachgedacht, aus Amerika wegzuziehen? Etwa nach Paris, wo er eine Zeit lang gelebt hat? "Ich werde mein Land nicht verlassen. Ich bin Amerikaner. Ich liebe mein Land, das Heimat für 300 Millionen wunderbare Menschen ist. Du kannst dein Land lieben und seine Politik trotzdem hassen."

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