Dieter Wedel Das System

Kein anderer Regisseur hatte in der deutschen Fernsehlandschaft so viel Macht wie Dieter Wedel. Schauspielerinnen werfen ihm heute sexuelle Nötigung vor, was er zurückweist. Welche Bedingungen herrschten damals in der Branche? Von , , , , , und
ZEITmagazin Nr. 13/2018

Berlin im Februar, Dirk Eisfeld, 55, heute Drehbuchautor, früher Serienchef bei Sat.1, sitzt im Café und spricht über den Mann, den er einst verehrte – bis er mit ihm zusammenarbeitete: über den Autor und Regisseur Dieter Wedel.

Eisfeld, graue Haare, dunkler Wollpullover, lernte Wedel 1996 bei der Produktion des Mehrteilers Der König von St. Pauli kennen. Auch Eisfelds Arbeitgeber Sat.1 wollte mit einem von Wedels Großprojekten glänzen, Wedel brachte Quote und Prestige. Eisfelds Auftrag als junger Redakteur damals: einmal in der Woche die Produktion besuchen, das abgedrehte Material sichten, "am Set ein freundliches Gesicht machen", bloß keinen Grund liefern, dass Wedel explodiert. Eisfeld war vermutlich der Richtige für diesen Job, er wirkt ruhig und gelassen, wenn er über Wedel spricht. "Für mich war er der Großmeister der Fernseherzählung."

Wie viele Opfer Wedels spektakulärer Aufstieg zum "Großmeister" gekostet haben mag, fragen sich viele, seitdem die ZEIT kürzlich von Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe berichtete (ZEITmagazin Nr. 2/18 und ZEIT Nr. 5/18). Und: wieso kaum jemand sich Dieter Wedel in den Weg stellte.

Es kamen sieben Frauen zu Wort, die von teilweise schweren Delikten berichteten, bis hin zur Vergewaltigung. Wedel hat die Vorwürfe bestritten. Er betonte, dass er jede Form von Gewalt verabscheue, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer. Insgesamt haben sich bis heute mehr als 20 Frauen bei der ZEIT gemeldet, die Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung gegen ihn erhoben haben.

"Wedel hatte beim König von St. Pauli eine nahezu biblische Machtfülle", sagt Eisfeld. Und fügt hinzu: "Es gibt keinen besseren Nährboden, um die Selbstkontrolle zu verlieren."

Von körperlichen Übergriffen auf Frauen habe er nichts mitbekommen, sagt Eisfeld, wohl aber von Wedels Lust, Menschen zu demütigen. Nur wer ihn am Set erlebt habe, der verstehe, warum ihm alle gehorchten, die Schauspieler – aber auch die Verantwortlichen. "Wedel hat eine Stimmung der Angst verbreitet: Jeder befürchtete, der Nächste zu sein." Eisfeld sagt, er habe miterlebt, wie Wedel Einzelne vor versammelter Mannschaft gleichsam verbal hingerichtet hat, wie er beinah täglich Szenen im Drehbuch änderte, was jegliche Planung unmöglich machte.

"Meiner Meinung nach", sagt Eisfeld, "darf die Causa Wedel nicht nur auf den Bereich der sexuellen Belästigung reduziert werden. Man muss den Blick auf die ganze Bandbreite seines – tolerierten – Despotismus werfen. Denn darüber wussten alle Bescheid."

Wer wusste worüber Bescheid? Und warum wurde Machtmissbrauch toleriert? Ist die Filmbranche prädestiniert dafür, weil sich die Macht in den Händen Einzelner konzentriert? Weil wenigen guten Rollen ein Heer von Schauspielern gegenübersteht, die sie haben wollen? Darum soll es in diesem Text gehen: um das System hinter Wedel, das ihn ganz nach oben brachte und das über vier Jahrzehnte hinweg funktionierte. Zu diesem System gehörten Produzenten und Sendervertreter, die von seinem Erfolg offenbar wie geblendet waren. Dazu gehörten auch Schauspieler und Teammitglieder, die trotz allem mit Wedel arbeiten wollten und sich nach Ausbrüchen oder ständigen Demütigungen Einzelner am Set nur selten trauten, gegen den Regisseur aufzubegehren.

Um Dieter Wedels Weg durch die Fernsehlandschaft von 1967 bis in die nuller Jahre nachzuzeichnen, sprach das ZEITmagazin mit Redakteuren und Verantwortlichen der Sender, mit denen er an den Stationen seiner Karriere gearbeitet hat – das waren mehrere ARD-Anstalten, das ZDF und Sat.1. Sie überprüfen derzeit selbst ihre Produktionen mit Dieter Wedel. Auch Weggefährten und Freunde Wedels kommen zu Wort, die die Vorwürfe der Frauen zwar für glaubwürdig halten, sie aber nur schwer mit dem Menschen Wedel in Verbindungen bringen können, wie sie ihn kennen. Und die sich fragen, warum sie von geschilderten sexuellen Übergriffen nichts mitbekommen haben. Aber auch Journalisten sind Teil des Systems. Denn Wedel wurde nicht nur von den Fernsehsendern als Genie verehrt, sondern auch von einigen Medien, zu denen er enge Kontakte pflegte und die manchmal mehr wussten, als sie tatsächlich berichteten.

Das ZEITmagazin hat außerdem Dieter Wedel selbst über seinen Anwalt kontaktiert, er äußerte sich jedoch zu keiner der ihm gestellten Fragen.

Bislang wurden gegen keinen anderen in der deutschen Filmbranche derartige Vorwürfe erhoben wie gegen Dieter Wedel. Vielleicht sind weitere Namen auch einfach noch nicht bekannt geworden. Was hinter geschlossenen Zimmertüren geschehen sein soll, konnte niemand sehen. Aber die Demütigungen an Wedels Sets, von denen so viele berichten, geschahen vor den Augen der Anwesenden – viele der Verantwortlichen, das zeigen die Recherchen, nahmen sie hin, weil man sie dem Regiestil Wedels zuschrieb. Wenn die Schilderungen der Frauen stimmen, die sich an die ZEIT gewandt haben, waren die "verbalen Gewaltanwendungen", wie der Redakteur Eisfeld sie nennt, dann schlicht der sichtbare Teil eines viel größeren Machtmissbrauchs? Aber hätte man das damals überhaupt erkennen können? Und was kann die Branche tun, damit sich ein "Fall Wedel" nicht wiederholt?

Dieter Wedel, nach eigenen Angaben 75, begann seinen Aufstieg in der Fernsehspielabteilung des NDR. Sein Karrierestart 1967 fiel in eine Ära des Aufbruchs: In diesem Jahr startete Willy Brandt per symbolischen Knopfdruck auf der IFA in Berlin das Farbfernsehen. Zwischen 1969 und 1991 drehte Wedel für den NDR 69 Filme. Kein anderer Sender hat so viele Aufträge an den Regisseur vergeben.

Der Schauspieler, Till Erwig, hier auf einem Foto aus den achtziger Jahren, stellte Wedel 1981 wegen eines Vorfalls zur Rede. © Heinz Browers/UnitedArchives

Till Erwig, früher Schauspieler, hat Wedel Anfang der siebziger Jahre in Hamburg kennengelernt. Die beiden arbeiteten und feierten zusammen, wurden Freunde. Erwig ist ein munterer Mann von 77 Jahren, er trägt ein schwarzes Käppi und eine Brille mit leicht getönten Gläsern. In den vergangenen Wochen hat er seine eigene Aufklärungsarbeit betrieben: Zum Treffen hat er einen Ordner mitgebracht, voll mit Fotos, Zeitungsartikeln und einer fünfseitigen Chronologie von Wedels Filmen und Frauen.

Obwohl Wedel nicht bei Studio Hamburg angestellt war, einer NDR-Tochterfirma, habe er auf dem Gelände ein eigenes Büro gehabt, es habe im selben Flügel gelegen wie das des damaligen NDR-Fernsehspielchefs. Eine "privilegierte Position", wie Erwig sagt. Aber der Sender bekam dafür etwas zurück: Schon 1973 wurde Wedel seine erste Goldene Kamera verliehen, für seinen Dreiteiler Einmal im Leben.

1977 spielte Erwig in Wedels Zweiteiler Mittags auf dem Roten Platz mit. Einmal habe er seinen Freund Dieter darauf angesprochen, warum dieser einen Schauspieler einen Monolog mehr als 20 Mal wiederholen ließ, obwohl der dringend zum Flughafen musste. Man müsse Schauspieler brechen, habe Wedel sinngemäß darauf geantwortet, dann könne man sie wieder aufbauen und kriege das, was man von ihnen wolle. Ein Konzept, das Wedel bis zu seiner letzten Karrierestation beibehalten sollte.

Zum Bruch mit Dieter Wedel sei es 1981 beim Dreh zu Bretter, die die Welt bedeuten gekommen, sagt Erwig. Er habe damals gehört, dass Wedel versucht habe, die Schauspielerin Esther Gemsch zu vergewaltigen. Die ZEIT hat über diese Vorwürfe am 25. Januar dieses Jahres berichtet. Gemsch sagt, Wedel habe sie am Halswirbel so schwer verletzt, dass sie nicht weiterdrehen konnte.

Erwig erinnert sich, wie ihm die Frau eines Schauspielkollegen erzählt habe, dass Wedel Esther Gemsch büschelweise Haare ausgerissen habe und dass sie eine Halskrause tragen müsse. "Ich war so schockiert, dass ich es gar nicht glauben konnte", sagt Erwig.

Einige Stunden später sei er mit Wedel allein gewesen. Erst hätten sie über die Drehbücher gestritten – Erwig sagt, die Entwürfe zu Bretter, die die Welt bedeuten stammten von ihm. "Dann sprach ich ihn auf Esther an und dass ich das eine unheimliche Sauerei fände. Ich fragte ihn, ob er eigentlich noch ganz bei Trost sei", so erinnert sich Erwig. Beide seien laut geworden. Dann habe Wedel ihm gedroht, sein Satz hat sich bei Erwig bis heute eingebrannt: "Wenn du das verbreitest, verklage ich dich!"

Kommentare

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Machtbewusste Menschen mit wenig Skrupel gibt es überall.
Wer wissen will, wie so etwas abläuft, kann es z. B. im Buch Machtspiele von Matthias Nöllke nachlesen.

Unglücklicherweise ist der Effekt von Demütigung genau der, der im Wort steckt, sie nimmt (wenigstens kurzzeitig) den Mut. Es ist nicht leicht, solche Abläufe zu durchschauen und früh genug Stopp zu sagen, wenn man in der Situation steckt. Weder als Opfer, noch als Teammitglied.

Schauspieler haben es da noch schwerer als andere, da der Rahmen des akzeptablen Vorgesetztenverhaltens breiter ist. Im normalen Berufsleben werden Dinge von allen Personen klar als übergriffig erkannt, die bei einem Schauspieler zur Arbeit gehören können.
Schauspielerinnen auf den Boden werfen, mehrere Pullis übereinander anziehen lassen, 20 mal eine Szene wiederholen, wenn der Schauspieler dringend zum Flieger muss...

Das einzige, das Machtmenschen stoppen kann, ist soziale Kontrolle von Gleich- und Höherrangigen.

Diese hätte auch bei H. Wedel geholfen. Er ist ja nur soweit gegangen, wie er gehen konnte, ohne dass seine Weggefährten und Vorgesetzten etwas mitbekamen.
Für mich ist die Aussage von H. Kriwitz glaubhaft, er hätte solches Verhalten nicht toleriert, deshalb hat H. Wedel es in seinem Beisein auch nicht gezeigt. Wenn wie bei "Gier" Personal anwesend ist, dass ihn beobachten soll, gibt es auch keine Zwischenfälle.

Aber Drehorte im Ausland mindern die soziale Kontrolle.
In diesem Beruf ist es für Außenstehende im Nachhinein schwer zu entscheiden, was noch legitime Machtausübung ist, die für hohe Qualität notwendig ist, und was Schikane und Machtmissbrauch ist. Diese Uneindeutigkeit erschwert die soziale Kontrolle.
Dazu kommt noch die mangelnde soziale Absicherung der Schauspieler. Und ... Schauspieler sind bei der Arbeit seelisch schutzloser als Büroangestellte.