Haiyti "Nachts laufe ich durch die Straßen und telefoniere mit Freunden"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 13/2018

Träume sind für mich wie ein zweites Leben. Eigentlich ist mir meine Traumwelt lieber als die Realität, weil sie viel intensiver ist. Oft begegnen mir nachts die Probleme, die ich nicht bewältigt habe – neulich zum Beispiel meine Suche nach einer neuen Wohnung. Dass reale Probleme in Träume eindringen, finde ich allerdings nicht gut. Ich will dort lieber schöne Sachen erleben.

Manchmal träume ich von komischer Architektur, zum Beispiel von Hotels in der Zukunft, die aussehen wie eine Krake – die Hotelzimmer drehen sich in den Krakenarmen. Hin und wieder träume ich auch von bösen Dämonen, denen ich mich zum Kampf stelle. Ich bin wütend, aber auch ängstlich, wenn wir uns gegenüberstehen. Und immer wenn der Kampf endlich losgehen soll, wache ich auf.

Ich träume zwar viel, schlafe allerdings schlecht. Mein größter Traum wäre es, einmal morgens um acht Uhr gut ausgeschlafen eine Tasse Kaffee zu trinken. Am liebsten in Venedig. Ich würde auch gern mal einen Sonnenaufgang ausgeschlafen erleben. Leider sehe ich Sonnenaufgänge nur, wenn ich durchgemacht habe. Oft wälze ich mich aber einfach im Bett hin und her, bis es hell wird. Dann stehe ich auf, erledige ein paar Sachen, lege mich schnell wieder hin und schlafe ein. Ich bin dann erst am Nachmittag ansprechbar.

Ich war 24, als meine Schlafprobleme angefangen haben. Mir wird jetzt erst im Nachhinein bewusst, was ich dadurch alles verpasst habe. Zum Beispiel bei einer Reise nach Frankreich einen Besuch im Schloss Versailles. Ich konnte nicht mit zum Schloss fahren, weil ich in der Nacht vor dem Ausflug überhaupt nicht geschlafen hatte. Termine um zehn Uhr morgens schaffe ich nie. In Tokio sind mir eine große Sache und viel Geld davongeflogen, auch wegen meiner Schlafprobleme. Da wartete jeden Morgen um acht ein Riesenteam auf mich, für eine Modeproduktion. Aber ich habe keine Stunde geschlafen und war an keinem der Tage fit. Ich bin eben kein Profi, und ein Model bin ich erst recht nicht.

Schlafmangel nimmt einem die Lebensqualität. Zusätzlich habe ich noch ADHS, also Probleme mit meiner Aufmerksamkeit, deshalb habe ich auch noch nie ein Buch gelesen. Dafür schreibe ich Kurzgeschichten. Nachts um elf laufe ich gern durch die Straßen. Immer allein, denn ich bin ein Einzelgänger. Das war ich schon als Kind. Damals bin ich noch mit meinem BMX-Rad herumgefahren, heute telefoniere ich beim nächtlichen Spazierengehen ausgiebig mit meinen Freunden, von denen viele weit weg wohnen. Einige Stunden lang bin ich immer unterwegs, so komme ich gut runter. Wenn ich dann endlich müde werde, irgendwann nach ein Uhr morgens, gehe ich nach Hause und schalte noch ein Hörspiel ein, bevor ich mich hinlege, am liebsten Sherlock-Holmes-Geschichten. Dann kommt hoffentlich irgendwann der Schlaf, und mit ihm kommen die Träume.

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