Stefanie Sargnagel "Das ist so ein bisschen Versagensexhibitionismus"

Die Autorin Stefanie Sargnagel fand, sie trinke zu viel und es fehle ihr an Selbstdisziplin. Dann suchte sie Hilfe. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 13/2018

ZEITmagazin: Frau Sargnagel, wenn Sie ins Paradies gebeamt würden, wer möchten Sie lieber sein: Adam oder Eva?

Stefanie Sargnagel: Was ich grob über die Geschichte von Adam und Eva weiß, ist, dass Eva in den Apfel gebissen hat. Insofern würde ich Eva wählen, das klingt aufregend, nach mehr Grenzüberschreitungen.

ZEITmagazin: Außerdem hat Eva ja Adam dazu verführt, in den Apfel zu beißen. Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken, hatten Sie da "paradiesische Momente"?

Sargnagel: Ich war oft auf dem Bauernhof meiner Tante. Da waren Cousins und Cousinen, und wir konnten den ganzen Tag machen, was wir wollten, ohne dass jemand uns beaufsichtigte. Das fand ich super. Landkinder sind tougher als Stadtkinder. Aber ich war ja bereits sehr früh im Kindergarten und hab da gelernt, mich in Gruppen durchzusetzen.

ZEITmagazin: Sie wuchsen bei Ihrer Mutter auf. Welche Rolle spielt Ihr Vater in Ihrem Leben?

Sargnagel: Für mich war er immer der normale brave Arbeiter, aber eigentlich ist er ein ziemlich schräger Vogel. Er hatte Freunde, die in Kommunen gelebt haben. Den Hang zum Individualistischen habe ich sicher von ihm. Ich bin wie er ein ziemlicher Chaot.

ZEITmagazin: Sie schreiben oft in einem vulgären Ton, schildern sich selbst aber als ängstlich.

Sargnagel: Das ist Kompensieren. Ich schreibe ja auch über Depression, Selbsthass und Körperlichkeit, also über Dinge, die jeden beschäftigen, aber die man nicht unbedingt jedem erzählt. Das ist so ein bisschen Versagensexhibitionismus. Dafür werde ich oft attackiert, vor allem für meine Figur. Deshalb thematisiere ich vieles, bevor ich damit von anderen angegriffen werden kann. Diese Selbstironie ist auch ein guter Schutz.

ZEITmagazin: Voriges Jahr gab es in Österreich um Sie Aufruhr in den sozialen Medien. Sie hatten geschrieben, dass Sie auf einer staatlich geförderten Reise nach Marokko getrunken und gekifft hatten. Vor Kurzem begannen Sie eine Psychotherapie. Hängt das zusammen?

Sargnagel: Ausschlaggebend war eher, dass ich viel zu viel trinke und ein Problem mit Selbstdisziplin habe. Ich hatte das Gefühl, ich sitze auf einem Schiff ohne Steuer. Es ist zwar alles irrsinnig spannend und intensiv, aber ich habe zu wenig Kontrolle über die Dinge, die passieren. Es ist zwar jetzt fader, aber mir geht es besser damit.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben auch bedrohliche Ereignisse?

Sargnagel: 2010 war ich mit zwei Freunden in Marokko. Ein junger Typ hat uns mitgenommen. Der war von Anfang an freaky. Abends bin ich mit ihm losgefahren, um Zigaretten zu besorgen. Im Auto hat er dann angefangen, mir Komplimente zu machen. Ich dachte, er wird halt ein bisschen aufdringlich. Aber dann hat er angehalten, ein langes Messer unter dem Sitz hervorgezogen und gesagt, dass er mich absticht, wenn ich nicht mit ihm schlafe. Ich habe im ersten Impuls versucht, ihm das Messer wegzunehmen. Da hat er mir in die Hand gehackt und eine Sehne durchtrennt. Da habe ich mir gedacht, wow, jetzt werde ich sterben. Ich hab auf ihn eingeredet und dann so getan, als würde ich ohnmächtig werden. Wahrscheinlich war er von der Situation überfordert und meinte: Lauf! Ich bin panisch weggelaufen, meine Hand hat stark geblutet. Irgendwann kam ich an eine Straße, ein Autofahrer brachte mich zu meinen Freunden. Mein Vertrauen in die Menschheit hat unter dem Vorfall allerdings nicht gelitten. Ich finde es schlimmer, wenn jemand, dem man vertraut, einen betrügt, da wird das Urvertrauen stärker erschüttert.

ZEITmagazin: Sie haben auch mal gesagt, was den meisten Menschen nicht wurscht sei, sei Ihnen so was von wurscht. Was ist Ihnen selbst nicht wurscht?

Sargnagel: Leute sagen oft, was ich mache, sei mutig. Das empfinde ich gar nicht so. Es ist für mich leicht, Sachen öffentlich rauszuschreiben. In sozialen Situationen hingegen bin ich irrsinnig nervös. Alleine unter fremden Menschen sein, auf Partys oder Vernissagen, dieser Small Talk mit Fremden macht mich nervlich fertig. Ich bin halt eher schüchtern.

ZEITmagazin: In der Schule hatten Sie lange gute Noten, trotzdem haben Sie sie nicht abgeschlossen. Warum?

Sargnagel: Ich war gut, solange man wenig machen musste. Mit 14, 15 bin ich nicht mehr so oft hingegangen. Ich hätte dann ein Schuljahr wiederholen müssen, weil ich nur noch schlechte Noten hatte. Also habe ich mich an der Akademie der bildenden Künste in Wien beworben. Da hab ich ein bisschen herumstudiert, und dann hat das auch schon angefangen mit dem Schreiben. Ich habe es mir immer leicht gemacht. Aber es hat funktioniert.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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