Wladimir Putin Über Geschenke und Gegengeschenke

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 13/2018

In einem Putin-Werbefilm anlässlich der Wahlen in Russland erzählte Wladimir Putin seinem Volk und dem Rest der Welt, dass Angela Merkel ihm gelegentlich Bier der Brauerei Radeberger schicke. Ach so, dachte man und fragte sich, wie so eine Bierverschickung genau vor sich geht. Sagt Putin am Ende eines Telefonats: "Angela, denk bitte an das Bier"? Oder denkt Angela – in dem Film nannte Putin sie beim Vornamen – von ganz allein daran, weil sie an die Kraft des deutschen Biers glaubt und hofft, dass sich Putin, wenn er ein paar davon drinhat, endlich ein bisschen locker macht, bei diesem Krim-Problem zum Beispiel? Oder sind solche – Verzeihung – menschelnden Spekulationen genau das, was Putin durch die Lancierung der Nachricht von der deutsch-russischen Bier-Connection erreichen will? Nach dem Motto: Liebe Zuschauer, ich bin ein krasser Typ und, jaja, auch ein Autokrat, wenn man so will, aber guckt doch lieber mal, wie toll ich mich mit Angela verstehe und was für niedlich-bescheuerte Sachen wir da machen! Und übrigens: Glaubt bloß nicht, dass ich, Wladimir Wladimirowitsch Putin, von ein paar lächerlichen Flaschen deutschen Biers umgehauen werden könnte! Die Deutschen haben ihr gemütliches Bier, wir Russen trinken Wodka zum Frühstück! Unsere schriftliche Anfrage zum Thema Bierlieferung (wie oft, wie viel und vor allem: warum?) beantworteten die Sprecher der Kanzlerin nicht im Detail. Sie verwiesen nur auf die Äußerungen Angela Merkels während einer Pressekonferenz: Sie habe, sagte sie, für das Bier im Gegenzug schon einmal "sehr guten Räucherfisch" erhalten. Na ja, könnte man da als Präsent-Analytiker einwenden, tote Fische zu verschicken ist eigentlich auch "very much" eine Geste der Mafia, was jeder weiß, der viele Mafia- Filme geguckt hat. Also, warum schickt er ihr nicht ein Buch? Oder warme Handschuhe? Andererseits kann man, wenn eine Beziehung schwierig ist, nahezu jedes Geschenk als Problem deuten. Der Premium-Standmixer von Ihrer Schwiegermutter? Klar, sie glaubt, Sie vernachlässigen ihren Sohn. Schöne Wäsche von Ihrem Partner? Ihm ist der Sex nicht gut genug. Lilien von der Kollegin? Sie weiß doch ganz genau, dass Sie Lilien nicht leiden können. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, jemand würde Ihnen Bier überreichen! Unpersönlicheres kann man überhaupt nicht schenken. Menschen, die in Bier ein schönes Präsent sehen, sind entweder verrückt, wirklich große Bierliebhaber, oder sie haben schlicht keine Beziehung zum Beschenkten (oder alles zusammen).

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