© Andy Spyra

Afghanistan Der Hass und die Hoffnung

Der Krieg stürzt Afghanistan immer tiefer ins Chaos. Vor allem die Dörfer des Landes, Dörfer wie Abdul Khel. Was haben uns seine Bewohner zu erzählen? Von
ZEITmagazin Nr. 14/2018

Ein Berg. Kahl. Felsbrocken. Steine und Sand. Die Fetzen von Plastiktüten. Nur wenige Grasbüschel. Sie sind vertrocknet. Ein steil aufragender Hang. Auf halber Höhe im Geröll eine Stacheldrahtrolle. Dahinter überall Plastikmüll. Zerrissene Tüten, die sich an Steinkanten verfangen haben. Sie zittern im Wind. Weiter oben rostige Konservenbüchsen. Zahllose leere Zigarettenpackungen. In der Nähe des Gipfels schließlich, 300 Meter über dem Tal, ist der Boden fast ganz mit Tierknochen bedeckt, weißes schmutziges Gebein, über das sich ein drei Meter hoher grauer Wall erhebt, auf dessen Spitze Leutnant Farman Ullah in Tarnuniform steht, ein kleiner Mann, die Hände in den Hosentaschen, die Schultern gekrümmt. Nachdenklich schaut er den Hang hinunter ins Dorf. "Sie planen etwas", sagt er.

Zwei afghanische Flaggen wehen hinter Leutnant Ullah. Sie sind im Tal weithin sichtbar, Schwarz und Rot und Grün, aufgezogen auf verbogenen, viel zu dünnen Metallstangen. Farman Ullah ist der Kommandant einer kleinen Einheit aus 14 Polizisten. Junge Männer, denen gerade der Bart sprießt. Selten verlassen sie den Schutz ihrer Festung. Die ist wenig größer als ein Fußballfeld. Vier starke Mauern begrenzen sie nach allen Seiten. Drei Türme schützen sie zusätzlich. Trotzdem sieht der Polizeiposten nicht nach einer Trutzburg aus. Er ähnelt eher einer Schildkröte.

Am Fuß des Bergpostens liegt das Dorf Abdul Khel. Die Häuser der kleinen Siedlung säumen einen Flusslauf, der nur im Herbst und zur Schneeschmelze im Frühling Wasser führt. Felder bedecken den Talboden. An den Hängen hüten Kinder Ziegen und Schafe. Höher in den Bergen schlagen die Männer Holz, für das diese Gegend einst berühmt war. Die meisten Häuser des Dorfes sind von hohen Lehmmauern umschlossen. Aus einzelnen der Familiensitze ragen mehrstöckige runde Türme aus Lehm mit Schießscharten. Die Zuflucht bei Familienfehden. 3000 Menschen sollen hier wohnen. Genau weiß es niemand. Das Dorf, das Farmans kleine Truppe auf dem Berg beschützen soll, ist für ihn auch die größte Gefahr. Früher herrschten hier die Taliban, bis sie 2015 vom "Islamischen Staat" vertrieben wurden. Seither gelang es der Regierung, die Hälfte des Ortes zu erobern. Aber der Teil von Abdul Khel, der jenseits des Flusses liegt, ist immer noch unter der Kontrolle des IS. Zweimal wurde der Posten in den letzten Jahren von Aufständischen gestürmt, zweimal wurden fast alle Polizisten getötet, 22 insgesamt. Ihre Köpfe hingen wochenlang vom Mast der Mobilfunkantenne auf dem Nachbarhügel.

"Es ist viel zu ruhig da unten", sagt Farman auf dem Schutzwall. Im Dorf ist kein Mensch zu sehen. Ein grauer Tag im November. Farman wurde am Morgen vom Geheimdienst informiert, dass es Hinweise auf einen baldigen Angriff gebe.

Afghanistan. Zerklüftet, verwirrend, eine Abfolge von Kriegen, die keinen Anfang und kein Ende zu haben scheinen. Alttestamentarische Bergwelt, so schön, dass einem der Atem stockt. Hoffnungsloses, aufgegebenes Land. Bruchzone zwischen dem Iran, Pakistan, Indien, Russland, den USA. Kein Staat, sondern ein Konglomerat von Stämmen und Substämmen. 49 Sprachen. Brutstätte radikaler Erlösungsideologien wie der von Al-Kaida. Arm. Korrupt. Eine der niedrigsten Lebenserwartungen der Welt, 60 Jahre. Land der Blutfehden. Projektionsfläche europäischer Fantasien. Ein Labor für die aus dem Westen exportierte Demokratie. Ein Land, das so viele Klimazonen vereint und so viele unterschiedliche Kulturen wie sonst nur ein großer Kontinent.

Doch diese Reportage erzählt von nur einem einzigen Dorf.

Abdul Khel liegt in der Provinz Nangarhar, die im Südosten Afghanistans an Pakistan angrenzt. Die Provinz besteht aus 22 Distrikten, von denen die Regierung nur vier kontrolliert. Das Dorf gehört zu einem der gefährlichsten Distrikte, Achin. Hier beherrscht die Regierung wenig mehr als die wichtigste Verbindungsstraße und die kleine Hauptstadt Kybasar. Hinter dem Dorf erhebt sich der bis zu 5000 Meter hohe Rücken des Spin Ghar, das sind die "Weißen Berge". In den Gebirgsflanken verbirgt sich Tora Bora, wo sich Osama bin Laden 2001 versteckte.

Siebzehn Jahre dauert nun der Krieg, den der Westen 2001 in Afghanistan begann. Es hatten damals wenige Hundert U. S. Special Forces genügt, um die Taliban zu stürzen. Seither haben Hunderttausende Soldaten nicht ausgereicht, um dem Land Frieden zu bringen. 150.000 Menschen sind bislang auf allen Seiten gestorben. Die Weltgemeinschaft hat Hilfsgelder in Rekordhöhe in Afghanistan ausgegeben. Allein die USA bauten für eine Billion Dollar neue Straßen und Schulen. Deutschland gab zehn Milliarden. Doch heute ist die Lage im Land so schlimm wie nie seit dem Sturz der Taliban. Die vom Westen gestützte Regierung in Kabul besteht aus vielen unterschiedlichen Lagern, die sich zerfleischen und in einem Sumpf aus Korruption versinken. Der "Staat" existiert nur in den wenigen größeren Städten, und auch dort zerfällt er zusehends.

Mittlerweile haben die Taliban etwa zwei Drittel des Landes zurückerobert. Auch unter ihnen sind Kämpfe ausgebrochen. Über die Grenze mit Pakistan drängt eine neue Bewegung, aggressiver als sämtliche Gruppen zuvor – es ist der "Islamische Staat", der sie alle bekämpft, die Taliban und die Regierung. Niemand vermag ein Ende des Krieges vorauszusagen. Sicher ist nur: Er wird in den Dörfern entschieden. Die Dörfer liefern dem Krieg in Afghanistan seine wichtigsten Rohstoffe. Den Hass und die Hoffnung.

Farmans Männer hier oben wissen nicht viel von dem Dorf unter ihnen. Sie verlassen die Festung nur selten. Sie blicken auf die Ansammlung ärmlicher Lehmbauten wie auf ein Raubtiergehege. Dabei lösen sie sich alle zwölf Stunden ab, zwei ganze Monate lang, um dann eine Woche freizubekommen. Aus den Provinzen sind sie hierher abkommandiert worden. Ihnen allen hat der Kommandant Spitznamen gegeben.

"Funny Face" lacht selbst dann noch, wenn der Kommandant ihn bestraft. "Der Verrückte" hat einen zwanghaft tänzelnden Gang. "Strong Face" heißt einer, weil sein Gesicht stets ausdruckslos bleibt. "Troublemaker" sitzt übellaunig im Ostturm. Er ist mit 26 Jahren einer der Älteren. Ein verarmter Bauer, der sich in seiner Not bei der Polizei beworben hat. In Europa würde man ihn für Mitte fünfzig halten. Ein ausgemergeltes Gesicht, lederne Haut. Viele Kinder sehen in Afghanistan bereits wie Greise aus. Mit einer Wolldecke um die Schultern sitzt "Troublemaker" auf der Sperrholzplatte, die den Turm nach oben abschließt. Finster blickt er auf Farman herunter. "Der respektiert mich nicht", klagt Farman über ihn. Ständig widersetze er sich Befehlen.

"Der Dicke" kauert im Westturm. Ein 23-Jähriger, der sein Wirtschaftsstudium aus Geldmangel abgebrochen hat. Sein richtiger Name ist Gul Zhar. "Ein Versager", sagt Farman. Am gefährlichsten ist für Farman nicht der Feind von außen, sondern der Hass der eigenen Leute. Fast täglich erschießt irgendwo in Afghanistan ein Polizist einen Vorgesetzten. Farmans Truppe hat die schiere Not auf diesem Berg zusammengebracht. Diese Männer kämpfen nicht für hehre Ideale, sondern für das Überleben ihrer Familien. Der Staat ist für sie eine Schimäre, die Regierung in Kabul ein Raubtier unter vielen. An der Front in Afghanistan kämpfen die Ärmsten der Armen. Farmans Männer.

Wenigstens in der Hierarchie der Polizeigattungen wissen sie sich ganz oben. In der Provinz Nangarhar sind der Afghan Border Police die Berge zugedacht, der Afghan National Police die Bewachung des jeweiligen Polizeihauptquartiers und der Afghan Local Police die Stützpunkte in den Dörfern. Polizisten sind sie nur dem Namen nach. Ihre Ausbildung ist eine militärische. Hat die Armee einen Distrikt erobert, zieht sie sich zurück und überlässt ihn der Polizei, die in ihren Stellungen alle Angriffe auf sich zieht. Die meisten Toten beklagt in diesem Krieg daher die Polizei. Im schlimmsten Monat des Jahres 2017 starben 1300 Polizisten.

Der Posten ist immer noch eine Ruine. Der Steinbau, in dem Farmans Männer in Stockbetten schlafen, ist schwarz ausgebrannt. Das Dach ist an mehreren Stellen durch Granattreffer zerfetzt. Es regnet hinein, die Betten sind klamm. Auf dem Betonboden steht an Regentagen fingerhoch das Wasser.

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