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Dieter Rams: Ein Mann räumt auf

Dieter Rams hat wie kaum ein anderer das moderne Industriedesign geprägt: Seine schlichten Haartrockner, Lautsprecher und Wecker sind legendär. Über einen, der nach dem Vernunftprinzip lebt. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2018

Wer wissen will, wie Dieter Rams die Welt sieht, muss auf seinen Schreibtisch gucken. Dort liegt eine Mappe, auf die er in seiner feinen Handschrift "TO-DOS" geschrieben hat. Auf die Mappe ist ein Fantasie-Tierchen mit langen Ohren gemalt: Es lächelt. "Man kann nicht Designer sein, ohne Optimist zu sein", sagt Dieter Rams. Die Mappe ist dick, es gibt offenbar noch viel zu erledigen für Deutschlands prägendsten Designer der Nachkriegszeit.

Dieter Rams wohnt in einem Bungalow an einem Hang über Kronberg im Taunus – inmitten seiner Werke. Mehr als 600 Produkte wurden beim Elektronikhersteller Braun entworfen, während Rams dort das Design verantwortete. Einige der schönsten umgeben den Designer in seinem Arbeitszimmer. An einer Wand ist das Stereosystem angebracht, das er für Braun entworfen hat. Die Lautsprecher L 450, das Steuergerät TS 45, das Tonbandgerät TG 60. In der Ecke steht der Weltempfänger T 1000, der demnächst auf einer Briefmarke zu sehen sein wird. Ein bis drei Buchstaben, eine Nummer. Kaum ein Rams-Produkt kommt mit einem wohlklingenden Namen daher. Alle seine Objekte müssen für sich stehen können.

Rams trägt ein schwarzes Hemd und eine Hornbrille. Seine weißen Haare sind fein frisiert. Er ist 85 Jahre alt, ein alter Mann, aber ein gut gestalteter alter Mann. Sein Credo, "gutes Design ist die Summe gut gelöster Details", kann man auch auf ihn selbst beziehen.

Im Herbst wird eine Dieter-Rams-Ausstellung in Philadelphia eröffnet, gerade dreht der amerikanische Filmemacher Gary Hustwit eine Dokumentation über ihn. Rams ist nicht nur deswegen so bedeutend, weil er markante Objekte geschaffen hat, sondern auch, weil er seinem Schaffen eine Designphilosophie voranstellte. Weil er Objekte schuf, die die Welt besser machen sollten.

In einem früheren Interview hat er einmal über seine Vision gesprochen: aufräumen. Das Gebot des Nachkriegsdesigns war es, den funktionalen Charakter der Dinge zu betonen. Unter den Nazis sollte Gestaltung Erziehung und Verführung sein. Mit Bauten, die keinen anderen Zweck hatten, als die vermeintliche Macht des deutschen Volkes zu zeigen. "Wir wollten Design wieder auf das Wesentliche reduzieren, Unwesentliches weglassen." Die Form sollte der Funktion folgen. Alle Ornamente, jede Überformung sollte verschwinden. "Ich war immer ein Verfechter davon, die Dinge nicht zu überfrachten", sagt Rams.

Rams kam 1955 als Architekt zum hessischen Familienunternehmen Braun, ab 1961 war er Chefdesigner. Einer seiner ersten Entwürfe war der Plattenspieler SK 4, der auch als "Schneewitchensarg" bekannt wurde. Der SK 4 hatte ein schlichtes kubisches Design, eine Acrylglasabdeckung schützte die Platten vor Staub, ließ aber gleichzeitig den Blick auf die Technik zu. Die Bedienelemente waren nutzerfreundlich an der Oberseite untergebracht. So einen Plattenspieler hatte man noch nicht gesehen. Bis dahin hatte Unterhaltungselektronik eher ausgesehen wie Möbelstücke: groß, schwer, umständlich.

Dieter Rams verlieh seinen Geräten Modernität, indem er sie auf das Funktionale reduzierte. Dabei kam es für ihn gar nicht so sehr darauf an, Rasierer, Küchengeräte oder Wecker möglichst schlicht zu gestalten. Vielmehr sollten sie so gestaltet sein, dass man als Benutzer intuitiv die richtige Bedienung wählt.

Ein Beispiel dafür ist der Taschenrechner ET 66 von Braun. Braun war eine der ersten Firmen, die Taschenrechner für den Hausgebrauch machten. Zuvor wurden solche Rechner vor allem für jene gestaltet, die sie beruflich nutzten. Der ET 66 sollte aber ein formschönes Teil für den Privatgebrauch sein.

Rams nutzt sein Gerät heute noch. Der Rechner ist aus schwarzem Kunststoff. Die Tasten sind rund und stehen nicht eng. "Das Besondere daran", sagt Rams, "ist, dass die Tasten konvex sind." Sie sind abgerundet wie kleine Pillen. Die Herausforderung sei nämlich gewesen, dass der ET 66 keine mechanischen Tasten hatte, sondern elektrische. Bei mechanischen Tasten müsse man fest drücken, die elektrischen aber sollten nur angetippt werden. Er wollte verhindern, dass der Benutzer, gewöhnt daran, beim heimischen Radio fest die Schalter zu drücken, das neue Gerät gleich demoliere. Also bekamen die Tasten je eine kleine Kuppe. Nun steuerte man mit dem Finger automatisch die Mitte der Taste an, aus dem Drücken wurde ein Tippen. Auch die Farbwahl des Rechners ist besonders. Grün steht für anschalten, Rot für abschalten. Die Funktionstasten sind braun, die "="-Taste ist gelb. Wer diesen Taschenrechner hat, braucht keine Gebrauchsanleitung. Zudem sind die Tasten poliert und zeigen so jeweils ein kleines Spitzlicht auf – was dem Rechner eine gewisse Eleganz verleiht.

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