Luigi Colani "Früher habe ich übertrieben"

Der Berliner Luigi Colani hat die Biergläser und Fahrräder der Deutschen in den siebziger und achtziger Jahren geprägt, doch in seiner Heimat ist er seit Langem umstritten: Zu größenwahnsinnig, zu ketzerisch gegenüber anderen. Nun lebt Colani in China. Und spricht bei einem Besuch in Karlsruhe über sein bewegtes Leben. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2018

Luigi Colani ist der Designer, dessen Namen die Deutschen wahrscheinlich am ehesten kennen. Sein Name ist für viele fast ein Synonym für Design, wobei man eher das Logo seiner Marke Colani im Kopf hat als einen Gegenstand, den er entworfen hat. Geboren wurde Luigi als Lutz, der Vater war Italiener, die Mutter Polin. Mit 19 tauschte er den harschen Lutz gegen den weichen Luigi ein. Vorname und Nachname harmonierten nun.

Luigi Colani, wie er seit ziemlich genau 70 Jahren heißt, ist gerade drei Wochen in Deutschland. Er lebt schon lange nicht mehr hier, sondern in Shanghai. Das hat auch damit zu tun, dass man ihn in Deutschland inzwischen so wenig schätzt.

Colani sitzt in einer Hotellobby in Karlsruhe, vor der Tür steht sein Jaguar, metallic-hellblau, so geschwungen wie viele Dinge, die er in seinem Leben entworfen hat. Er trägt einen weiten Strickpulli mit Rollkragen in Weiß, der Farbe, die er liebt. Sein Pulli ist so weit – oder der bald 90-jährige Mann so dünn –, dass er wie eine über ihn gelegte Decke wirkt. Colani lehnt sich zurück im Sessel, spreizt die Ellenbogen und faltet die Hände. Man solle laut sprechen, bittet er.

In den siebziger und achtziger Jahren kauften die Deutschen Waschbecken und Biergläser, die von Colani gestaltet waren. Fahrräder und PCs, Kaffeebecher, Zahnbürsten, alles war ein bisschen rund und geschwungen, so wie der Schriftzug der Marke. Aber kaum hatten die Deutschen neben ihm noch zwei, drei andere Designernamen gelernt, war es, als schämten sie sich, dass ihnen Colani einmal gefallen hatte, dieser gefällige Colani, den Hinz und Kunz kennen. Als Luigi Colani vor fast zehn Jahren 80 wurde, schrieb die Süddeutsche Zeitung: "In Asien, soll Colani einmal über Colani gesagt haben, werde Colani als 'Gottheit' verehrt." Die Überschrift zum Geburtstag hieß, es war auch ein bisschen ironisch gemeint: "Die Form Gottes".

Karlsruhe also, zehn Jahre seit seinem letzten persönlichen Interview. Früher war er ein Vielinterviewter, der Playboy und der stern mochten ihn besonders, er prahlte mit seinem Reichtum, seinem Genius, auch seinem Erfolg bei den Frauen. Er war beliebt bei Journalisten, weil er so schön schimpfen konnte. Der neue Bugatti? "Scheißkiste". Die neue A-Klasse von Mercedes? "Hochesel, Gestaltungsfummelchen". Starck und Alessi? "Wenn du an deren Zitronenpresse ausrutschst, bist du toter als tot." Die Mitarbeiter des Computerherstellers Vobis, seines langjährigen Auftraggebers? "Junge Typen, Armani, klobige Schuhe, ölige Haare. Die begreifen nicht, was Spitzendesign bringen könnte." Beispiele aus einem einzigen, kurzen Interview mit dem stern. Colani beschimpfte über die Jahre praktisch jeden Kollegen und jeden, für den er mal gearbeitet hat.

Mit der Möbelindustrie zerstritt er sich Ende der siebziger Jahre so sehr, dass diese damals versucht haben soll, einen Boykott sämtlicher Branchen gegen Colani zu organisieren. Dabei landete Colani 1968 mit dem Schlaufenstuhl einen Hit, der noch heute eine Briefmarke ziert. Der Boykott kam zwar nicht zustande. Tische und Stühle entwarf Colani seit damals allerdings nicht mehr.

Dennoch: Welchen Tipp gibt er jemandem, der 2018 eine Wohnung einrichten will? Oder wird er auf diese Frage mit seinem berühmten Zorn reagieren, sich unverstanden wähnen?

Überhaupt nicht. Mit beinahe großväterlicher Sanftmut bedauert er erst mal, dass die jungen Leute sich ja heute kaum noch Wohnraum leisten könnten, mehr als eine Zweizimmerwohnung sei ja nicht drin. Dann überlegt er eine Weile. "Wenn man einen starken Charakter hat, kauft man sich Möbel, die niemand haben will und die nur einem selber gefallen."

Als junger Mann, erzählt er, wurde er über Nacht überraschend reich, durch einen Großauftrag von Poggenpohl, er sollte eine Küche der Zukunft entwerfen, 250.000 Mark bekam er dafür, unvorstellbar viel Geld. Die Küche, Kugelküche hieß sie, wurde zwar berühmt, aber nie in Serie gebaut. Colani mietete sich von dem vielen Geld ein Schloss. Um es einzurichten, ersteigerte er französische Möbel aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die passten gut zum Schloss, und teuer waren sie auch nicht. Heute empfiehlt er, sich eine Louis-XIV.-Kommode zu kaufen, die seien gerade günstig, da kaum nachgefragt.

Was, fragt man ihn, habe er im Alter gelernt?

"Von meinen beiden Söhnen habe ich Zurückhaltung gelernt, mich nicht mehr zu sehr nach vorn zu lehnen. Das habe ich früher ja ab und an übertrieben." Das Gespräch ist keine zehn Minuten alt, da ist er schon dabei, eine kleine Beichte abzulegen: Er bereut, seine Söhne wegen der Arbeit vernachlässigt zu haben. "Ich meinte ja wirklich immer, ich könne alles besser. Bei den Kindern hab ich festgestellt, dass sie mir Paroli bieten können. Erst in höherem Alter, da kam ich drauf: Ich habe ja noch Kinder irgendwo! Da hätte ich sie plötzlich gerne erlebt. Aber da war es zu spät."

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