© Vquardi/Starck Network

Philippe Starck "Ich war immer ein bisschen autistisch"

Als Schüler erfand Philippe Starck eine Fabrik, um Lehrer zu zerstückeln. Mit seinen Entwürfen kämpft er gegen die Trägheit des traditionellen Denkens. Gerade hat er in Venedig ein Restaurant eingerichtet. Der Designer über seine Vergangenheit und eine Zukunft, in der der Stuhl verschwinden wird. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2018

An einem verregneten Donnerstagmorgen im Februar betritt Philippe Starck das altehrwürdige Restaurant Quadri in Venedig. In den letzten Monaten sind die Räumlichkeiten an der Piazza San Marco mit Unterstützung lokaler Restaurateure und Tuchmacher aufwendig renoviert worden, Starck ist für die neue Einrichtung verantwortlich. Seine Frau Jasmine, eine hochgewachsene, elegante Französin in Jeans und Chanel-Jacke, nimmt ihm den Hut ab, während er ein Kissen auf einer Sitzbank zurechtrückt. Das Interview findet in einem schlecht beheizten Zimmer im Obergeschoss statt. Jasmine sitzt dabei, sie ist die Geschäftsführerin des Starck Network und wird das Gespräch nach knapp einer Stunde höflich, aber bestimmt abbrechen. Außer dem Handy der Reporterin zeichnen noch zwei weitere iPhones das Interview auf – zum späteren Abgleich. "Der reinste Apple-Shop!", sagt Philippe Starck und deutet auf die drei Telefone, die nun aufnahmebereit vor ihm liegen.

ZEITmagazin: Herr Starck, wie geht es Ihnen?

Philippe Starck: Sehr gut! Wir hatten gestern Abend ein wunderbares Dinner hier im Restaurant Quadri in Venedig. Das Essen war fast roh. Der Koch hat mit großem Respekt vor den Zutaten gearbeitet. Die Küche meiner Heimat Frankreich wird immer schlechter, weil viele Köche dort ihr Talent unter Beweis stellen wollen und die Zutaten bis zur Unkenntlichkeit verarbeiten. Die chinesische Küche ist noch schlimmer, dort kaschieren Unmengen von Saucen die schlechte Qualität der Zutaten. Im Gegensatz dazu steht die japanische Küche, eine Küche des absoluten Respekts. Man nimmt dort die beste Frucht und das beste Gemüse, das man kriegen kann, und rührt es so wenig wie möglich an. Diesen Respekt vor den Lebensmitteln findet man auch hier in Italien.

ZEITmagazin: Arbeiten Sie als Designer nach einer ähnlichen Philosophie, mit einem Respekt für das Material?

Starck: Das ist nett, dass Sie das sagen. Und es stimmt! Wenn ich entwerfe, versuche ich immer, zum Ursprung einer Sache vorzudringen. Warum muss diese Sache entworfen werden? Was legitimiert ihre Existenz? Selbst wenn es ein spaßiges Objekt ist, muss man herausfinden, ob dieses nutzlose Ding nicht doch einen Nutzen hat. Vielleicht braucht man es aus anderen Gründen: für die Poesie, die Liebe, die Romantik. Das Ziel meiner Arbeit ist, den Grund für die Existenz eines Objektes zu finden. Ich räume das ganze Drumherum weg, um den Kern einer Sache freizulegen.

ZEITmagazin: Sie mögen keine Dekoration?

Starck: Ich bin kein Innenarchitekt, ich forsche eher nach der ursprünglichen Bedeutung von Dingen. Ich habe keine Zeit, zu lügen und etwas zu verstecken. Das Drumherum interessiert mich nicht. Das Drumherum vergeht, es kommt aus der Mode. Das Zentrum einer Sache ist zeitlos.

ZEITmagazin: Nennen Sie mir ein Beispiel. Was war der Ausgangspunkt für die Zitronenpresse "Juicy Salif"?

Starck: Die entstand aus Langeweile. Eines Wintertages beschloss ich, ein paar Tage auf einer italienischen Insel zu verbringen. Ich wusste nicht, dass es sehr triste italienische Inseln gibt, vor allem im Winter. Ich erinnere mich, dort bei scheußlichem Wetter angereist zu sein – welche Insel es war, weiß ich nicht mehr, ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Nur eine Pizzeria hatte geöffnet, und ich war der einzige Gast. Ich langweilte mich und war enttäuscht. Sogleich setzte aber der Prozess ein, der mich in meinem ganzen Leben gerettet hat: Ich floh im Geiste, und zwar indem ich mir selbst eine Aufgabe stellte. Wahrscheinlich stand dort irgendwo eine Zitronenpresse herum, die ich mir anschaute. Ich überlegte, wie man die Topologie dieser Zitronenpresse umkehren könnte. Heraus kam eine ganz eindeutige Form, befreit von allem unnützen Drumherum. Die "Juicy Salif" sieht dekorativ aus, ist aber tatsächlich rein funktional. Oben presst man die Zitrone, darunter kann man direkt den Saft auffangen. Die Beine sind oben angewinkelt, damit die Tropfen nicht an ihnen herunterlaufen können.

ZEITmagazin: Die Zitronenpresse gilt als extrem unpraktisch.

Starck: Sie ist extrem funktional!

ZEITmagazin: Ich habe aber gelesen, dass Sie sie nicht einmal selbst benutzen.

Starck: Das stimmt nicht. Zuallererst: Ich presse nie Zitronen. Aber die einzige Zitronenpresse, die ich besitze, ist diese. Es amüsiert mich, dass die Leute sagen, die "Juicy Salif" sei unpraktisch. Daran erkennt man die Zähflüssigkeit des Denkens vieler Menschen. Wann immer man einen strukturell neuen Vorschlag macht, haben die Leute schon entschieden, dass dieser Entwurf unbrauchbar sein muss, bevor sie ihn überhaupt getestet haben. Ich war immer avantgardistisch. Ich erinnere mich, einmal ein Gebäude in Paris entworfen zu haben – die École nationale supérieure des Arts Décoratifs. Ich musste meinen Entwurf dem Bürgermeister vorlegen. Vollkommen verblüfft betrachtete er meine Pläne. Dann fragt er mich: "Existiert so ein Gebäude schon?" Ich, sehr stolz, antworte: "Oh nein, Herr Bürgermeister, so etwas hat es noch nie gegeben!" Da sagt er: "Dann können wir es nicht machen!" Mein ganzes Leben habe ich damit verbracht, diese Trägheit des traditionellen Denkens zu bekämpfen.

ZEITmagazin: Konnten Sie etwas verändern?

Starck: Vieles, was ich in ganz jungen Jahren, mit 19 oder 20, entworfen habe, zählt heute zu meinen großen Bestsellern. Damals wurde ich allerdings dafür belächelt. Vor 30 Jahren hatte ich die Idee für eine Smartwatch. Und schon vor 40 Jahren habe ich davon geredet, Technologie mit dem Körper zu verbinden, etwa elektronische Chips unter die Haut zu pflanzen. In fünf Jahren wird das alltäglich sein. Damals hielten die Leute mich aber für verrückt. Sie nannten mich Frankenstein!

ZEITmagazin: Warum haben die Menschen Angst vor dem Neuen?

Starck: Überall herrscht Faulheit. Wer sich eine Existenz verdienen möchte, muss aber hart arbeiten – an sich selbst, an seinen Visionen, für die Gemeinschaft. Es ist sehr anstrengend und aufwendig, das Wesen der Dinge zu verstehen und nicht nur an ihrer Oberfläche zu kratzen. Ich bin immer erstaunt, wenn mir jemand erzählt, er spiele Golf. Ich frage mich dann, wie er das macht. Ich habe nicht eine Minute Zeit für ein Hobby! Jede Minute widme ich meiner Arbeit.

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