Weiße Stadt Der Schatz von Tel Aviv

© Jonas Opperskalski
Das Bauhaus-Viertel im Zentrum von Tel Aviv ist eine Weltkulturstätte, die verfällt. Nun versuchen Handwerker, Architekten und Bewohner, die baufälligen Häuser zu retten und ein neues Bewusstsein für das deutsch-israelische Erbe zu schaffen. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2018

Im Kampf um die Rettung der weißen Stadt hat der israelische Handwerker Adi Reich ein neues Werkzeug für sich entdeckt: den Heißluftföhn. Mit einem Spachtel in der einen und dem Heißluftföhn in der anderen Hand entfernt der 27-Jährige an diesem Nachmittag den brüchigen Lack eines Küchenregals aus dem Jahr 1938: "Ich bin jetzt schneller: Wenn ich den Föhn dicht an das Holz halte, wirft der Lack Blasen, und ich kann ihn ganz leicht mit dem Spachtel abkratzen", erklärt Reich. Das Gebäude, das jetzt noch nach Baustelle aussieht, soll kommendes Jahr, pünktlich zum 100-jährigen Gründungsjubiläum des Bauhauses, als dreistöckiges White City Center eröffnen: das erste städtische Informationszentrum, in dem Einwohnern und Touristen die Geschichte der Bauhaus-Architektur in Tel Aviv vermittelt werden soll. Dass so ein Ort nötig ist, liegt auch daran, dass sich jahrzehntelang kaum jemand um dieses Architekturerbe geschert hat, es war in desolatem Zustand und drohte zu verfallen.

Tel Aviv, "Hügel des Frühlings", ist eine junge Stadt. 1909 wurde sie als Vorort von Jaffa gegründet, einer arabischen Hafenstadt. In den dreißiger Jahren flohen Juden aus Europa vor den Nazis nach Tel Aviv. Von 1931 bis 1938 stieg die Einwohnerzahl von 46.000 auf 150.000. Heute ist Tel Aviv eine von Start-up-Unternehmen und Urlaubern geprägte Mittelmeer-Metropole mit 438.000 Einwohnern.

4.000 Häuser wurden in den dreißiger Jahren nach den Ideen des Modernismus, zum Beispiel des Dessauer Bauhauses, im Stadtzentrum Tel Avivs errichtet. Einwanderer wie Arieh Sharon, Zeev Rechter, Dov Karmi, Richard Kauffmann oder Genia Averbuch brachten die Lehren europäischer Avantgarde-Architekten wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Hannes Meyer, Erich Mendelsohn und Le Corbusier ans Mittelmeer. Kunst und Handwerk sollten eine Einheit bilden. Schluss mit Ornamenten – die Zeit der Sachlichkeit war gekommen. Die Form habe der Funktion zu folgen. Die Häuser sollten Licht und Luft hineinlassen und der Gesundheit dienen. Alles, was das Leben der Bewohner nicht verbessert, sollte weggelassen werden. Symmetrie zum Beispiel galt als überbewertet, denn Symmetrie sah vielleicht gut aus, nutzte einem aber sonst nicht viel. Die Häuser sollten wie Maschinen wirken – mit klaren Formen und aufs Wesentliche reduziert. Das Uniforme passte ins Weltbild der Architektur-Erneuerer in Dessau und in Tel Aviv: Es ging ihnen um die Utopie eines neuen Zusammenlebens, bei dem alle gleichberechtigt sind und keiner mit seinem Besitz prahlt.

2003 hat die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, die Unesco, den Stadtkern von Tel Aviv mit dem Prädikat Weltkulturerbe gewürdigt. Seitdem trägt das Zentrum, eine Viertelstunde zu Fuß vom Meer entfernt, offiziell den Namen weiße Stadt. Die Auszeichnung war aber auch als Mahnung gedacht, sich endlich um den Schatz zu kümmern.

Denkmalpflege spielte in Tel Aviv allerdings nie eine große Rolle. In Israel ging es seit der Staatsgründung 1948 immer ums Überleben. Zum Lebensgefühl in Tel Aviv gehört die Unsicherheit, ob die Stadt in 15, 20 Jahren noch existiert. Die Einwohner konzentrieren sich auf das Hier und Jetzt. Die Restaurants sind voll, doch vor den Eingängen stehen Sicherheitskräfte, die Selbstmordanschläge verhindern sollen.

Dennoch hat sich seit der Unesco-Auszeichnung viel getan. Vor allem dank einiger Menschen, die den Charme der Bauten für sich entdeckt haben und sich heute für ihren Erhalt einsetzen. Wer sich mit ihnen trifft, mit Handwerkern, Architekten und Bewohnern, versteht, warum die Häuser über Jahrzehnte vernachlässigt wurden und wie ihre Zukunft aussehen könnte.

Ein Problem der weißen Stadt ist, dass man sie ohne Expertenhilfe nicht als solche erkennt. Tel Aviv ist nicht weiß. Eher ockerfarben. Die weiße Stadt ist auch kein einzelnes Viertel, in dem ausschließlich Bauhaus-Bauten stehen. Zwei Drittel der 4.000 Bauhaus-Gebäude sind noch immer renovierungsbedürftig. Die Luft ist heiß und salzig und oft auch voller Sand – das hat die Fassaden angegriffen. Es gibt Fenster, die aussehen, als würden sie Rost weinen. Kaputte Elektrokabel ranken sich an manchen Hauswänden wie Efeu. Um sich vor der Hitze zu schützen, haben viele ihre Balkone aus den dreißiger Jahren mit Lamellenjalousien aus Plastik zugebaut, man könnte auch sagen: verschandelt. Dazwischen finden sich strahlend renovierte Villen und Boutique-Hotels, schließlich erlebt die Stadt einen Immobilienboom. Das Piepen rangierender Bagger ist ständig zu hören. Doch wer von Tel Aviv schwärmt, spricht wahrscheinlich trotzdem nicht von seiner Schönheit. Eher davon, wie lustig, hektisch, laut, herzlich und chaotisch es hier zugeht. Wer kein Hebräisch versteht, denkt, dass sich die Menschen permanent laut streiten, etwa an den Granatapfelsaftständen im Shuk Ha’Carmel, dem zentralen offenen Markt in der Stadt. Doch am Ende umarmen sie sich doch. Abends, auch freitags, am Sabbat, kehren die Senioren, die Studenten und die Touristen vom Strand zurück ins Zentrum und sitzen vor den Eiscafés und den Bars, während im 45 Autominuten entfernten Jerusalem nach Sonnenuntergang keiner auf den Straßen unterwegs ist.

An einzelne Gebäude im Zentrum Tel Avivs kann man sich als Tourist nach der Reise merkwürdigerweise kaum erinnern. Die Häuser wirken eher wie Gebrauchsgegenstände. Was wie eine Abwertung klingen mag, ist in Wahrheit ganz im Sinne der Bauhaus-Architekten von damals, sagt Micha Gross. Der Schweizer sitzt im Bauhaus-Zentrum, das er vor 20 Jahren auf der Rehov Dizengoff, einer eleganten Einkaufsstraße Tel Avivs, eröffnet hat, es ist Buchladen und Galerie zugleich. "Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die ich mal mit Shmuel Mestechkin geführt habe, einem Architekten und ehemaligen Bauhaus-Studenten. Seiner Meinung nach sollte man nicht wehmütig am Alten festhalten, sondern alle Gebäude im Bauhaus-Stil in Tel Aviv abreißen lassen und durch neue Bauten ersetzen. Denn das würde der modernistischen Bauhaus-Idee entsprechen, wonach das Neue den Menschen mehr nützt als das Alte, einfach weil es besser funktioniert und ihre Bedürfnisse genauer erfüllt. So gesehen ist es eigentlich paradox, das Bauhaus-Erbe der Stadt als denkmalwürdig zu betrachten und zu sanieren." Doch in der so jungen Stadt Tel Aviv gibt es fast nichts Älteres als das moderne Bauhaus. "Die Bauhaus-Wohnungen verströmen hier die gemütliche Sicherheit eines Jugendstil-Altbaus in Deutschland", sagt Gross. Erzählt man ihm, dass man bei den ersten Spaziergängen durch die Stadt noch nicht so recht verstanden hat, was genau zur weißen Stadt zählt und was am Bauhaus-Stil Tel Avivs besonders schön ist, macht er eine kurze Pause und lächelt. "Ich kenne diese Besucherreaktion gut. Die Menschen kommen hierher und erwarten eine strahlend weiße, architektonisch überwältigende Stadt und sind erst mal enttäuscht. Am Schluss der Führungen aber, die wir hier anbieten, höre ich oft: Herr Gross, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie schön die Stadt ist! Man muss ein bisschen was über die Geschichte der Gebäude und die Gedanken dahinter wissen, um Tel Avivs Architektur wertschätzen zu können."

Für Gross führt ein Spaziergang durch Tel Aviv gewissermaßen zurück in die damalige Zukunft. Viele Häuser im Stadtkern stehen auf Säulen, Pilotis genannt, wie sie für den Architekten Le Corbusier typisch waren. So geht den ganzen Tag ein angenehmer Wind durch die dicht bebaute Innenstadt, selbst durch die engeren Straßen. Auf den ersten Blick bemerkt man es womöglich nicht, doch das Zentrum Tel Avivs ist zudem als Gartenstadt angelegt: Fast jedes Wohnhaus hat einen kleinen Garten. Warum die Gärten nicht so recht auffallen, liegt daran, dass sie meistens nicht als Blumenbeete genutzt werden, sondern als Parkplätze.

"Ich nenne die Stadt brutiful", sagt die Architektin Sabrina Cegla, "eine Mischung aus brutal und beautiful." Cegla ist Kuratorin am White City Center, das der Handwerker Adi Reich gerade mit einer Gruppe junger Berliner Handwerker renoviert. Die Berliner arbeiten im Rahmen eines Austauschprojekts für zehn Tage in dem Bauhaus-Gebäude an der Rehov Idelson, einer schönen, ruhigen Straße im Stadtkern. Das deutsche Bundesbauministerium finanziert das Informationszentrum mit. Cegla ist Israelin, ihre Mutter ist Deutsche. Von 2002 bis 2008 hat Cegla als Architektin in Berlin gearbeitet. "Meine Zeit in Berlin hat mir die Augen geöffnet für Tel Aviv. Als ich hierher zurückkam, fragte ich mich zum ersten Mal, wie wir hier eigentlich mit unserer eigenen Kultur umgehen, mit dem baulichen Erbe." Cegla steht auf einem Balkon, im Haus ist es wegen des Hämmerns und Schleifens zu laut für ein Gespräch. "Selbst im alten Kern der Stadt macht jeder, was er will. Die Klimaanlagen an den Fassaden, die Plastiklamellen an den Balkonen: Das sieht nach Chaos aus, nach balagan, wie wir es nennen, doch für mich birgt es eine besondere Schönheit: Das Unperfekte ist ja letztlich eine Manifestation des Lebens. Man sieht den Häusern von außen an, welche Bedürfnisse ihre Bewohner gerade so haben. Das gefällt mir", sagt Cegla. Statt Bauhaus sagt sie lieber "internationaler Stil", wenn sie über die weiße Stadt spricht, "der Begriff trifft es am besten, weil die Einflüsse aus ganz Europa kamen und nur sieben Architekten wirklich an der Bauhaus-Schule studiert hatten. Bei den anderen wäre es richtiger zu sagen, dass sie vom Bauhaus inspiriert waren." Cegla zeigt auf einen geschwungenen Balkon auf der anderen Straßenseite, der auf den expressionistischen Architekten Erich Mendelsohn zurückgeht, der auch den Einsteinturm in Potsdam entworfen hat. "Solche fließenden Linien, die sich gewissermaßen bewegen, sind wichtig für den internationalen Stil."

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