Harald Martenstein Über das Aussterben bedrohter Arten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 16/2018

Der beste Einstieg in eine Kolumne, den ich je gelesen habe, stammt von Will Cuppy und geht so: "Die beiden letzten Riesenalke wurden am 4. Juni 1844 auf der Insel Eldey vor der Küste von Island getötet. Die letzte Wandertaube, ein altes Weibchen namens Martha, starb am 1. September 1914 friedlich im Zoo von Cincinnati. Ich selbst bin am 23. August 1934 ausgestorben." Das macht zweifellos neugierig.

Will Cuppy lebte in einer Hütte als Einsiedler, bis seine einsame Insel zum Naturschutzgebiet erklärt und durch eine vierspurige Schnellstraße für die immer zahlreicheren Naturfreunde erschlossen wurde. Er floh in das seiner Ansicht nach ruhigere New York. Dort wurde er Kolumnist des New Yorker. 1949 nahm er eine Überdosis Schlaftabletten.

Wie stirbt man aus? Das Ende der letzten Riesenalke ist eine denkwürdige Geschichte. Weil befürchtet wurde, sie könnten bald ausgerottet sein, beschloss ein Ornithologe, zur Sicherheit wenigstens ein paar dieser flugunfähigen, übertrieben zutraulichen Vögel ausstopfen zu lassen, für die Museen. Es waren leider die beiden letzten. Was das Ende der Menschheit betrifft, tendiere ich zu dem optimistischen Zukunftsmodell des Historikers Yuval Noah Harari. Er glaubt, dass wir in ein paar Jahrzehnten als Weltherrscher von der künstlichen Intelligenz überflügelt werden, die uns geistig etwa so überlegen ist wie einst der Mensch dem Riesenalk. Harari vermutet, dass sie uns nicht ausstopfen, sondern als Spielzeug verwenden, immerhin.

Wir sehen nur, was wir sehen wollen. Kürzlich las ich eine Kolumne, in der ein Kollege einen Vorfall im Berliner Nahverkehr beschrieb. Eine Frau mit drei Kindern versuchte, einen Bus zu bekommen, der noch an der Haltestelle stand, die Türen des Busses waren bereits geschlossen. Kurz bevor die Familie die Tür erreichte, gab der Fahrer Gas, statt ein paar Sekunden zu warten und die Tür noch mal zu öffnen. Weil die Familie offenbar einen Migrationshintergrund hatte, schrieb der Kollege von "alltäglichem Rassismus", für den dies ein weiterer Beleg sei. Mir selber ist so was an Haltestellen allerdings auch schon ein paarmal passiert, ich wäre nicht auf die Rassismus-Idee gekommen. Ich hätte gedacht: "So sind sie halt, die sadistischen Berliner Busfahrer", was natürlich auch zu pauschal ist. So was würde ich höchstens denken und natürlich niemals schreiben. Jemand von der Gewerkschaft hätte aus dem Vorfall sicher eine Geschichte über die psychische Überlastung der Busfahrer gemacht, eine Feministin etwas über Männergewalt, der Sprecher des Kinderschutzbundes etwas über die Kinderfeindlichkeit, und einer von der AfD hätte vielleicht darüber gewettert, dass Südländer immer unpünktlich kommen. Wir sortieren alles, was wir sehen, sofort in unser Weltbild ein. Was wirklich in dem Busfahrer vorgegangen ist, weiß niemand. Vielleicht hatte er übles Sodbrennen und hasste deshalb die ganze Welt.

Das Weltbild des Riesenalks sagte ihm, dass alle Lebewesen freundlich sind, er watschelte neugierig auf jeden zu, mit dem bekannten Ergebnis. Die künstliche Intelligenz wird an Bushaltestellen immer genau fünf Sekunden warten und dann weiterfahren, an Bushaltstellen wird das Ende der Menschheit immerhin zu etwas mehr Gerechtigkeit führen. Der einzige Hoffnungsschimmer für bedrohte Arten, der sich bei Will Cuppy findet, klingt so: "Manche Fische sterben aus, aber die Heringe machen einfach immer weiter. Sie laichen ständig und überall und sind nicht bereit, das in irgendeiner Weise zu ändern."

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