Kevin Kühnert "Es darf ruhig ein bisschen krachen"

99 Fragen an Kevin Kühnert. Interview:
ZEITmagazin Nr. 16/2018

In einem Konferenzraum im Berliner Willy-Brandt-Haus: eine späte Nachmittagszeit. In der SPD-Parteizentrale haben sie für dieses SPD-Mitglied kein eigenes Büro. Kevin Kühnert, 28 Jahre alt, Student der Politik- und Verwaltungswissenschaften und der Soziologie, bekanntester Juso-Chef aller Zeiten: Nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen im November setzte er sich mit einer klaren Positionierung gegen eine Neuauflage der großen Koalition vom Kurs der Führung der Bundes-SPD ab. Bis zur Verkündigung des SPD-Mitgliederentscheids am 4. März (zwei Drittel der Parteimitglieder sprachen sich für eine große Koalition aus) war er Anführer und Symbolfigur der No-Groko-Bewegung – der einzige Politiker, der einer vierten Kanzlerschaft Angela Merkels ernsthaft gefährlich werden konnte. Und dann geschah, innerhalb weniger Wochen, noch etwas, das mit jungen Politikern in diesem Land selten geschieht: Kühnert wurde zum Anführer einer neuen linken Opposition, zum Wortführer all derjenigen, die der AfD im Bundestag nicht das erste Rederecht nach der Regierung überlassen wollten – praktisch im Alleingang sorgte er außerdem dafür, dass der linke SPD-Wähler, unabhängig davon, ob er für oder gegen eine große Koalition eintrat, sich in seiner Partei noch irgendwie zu Hause fühlen konnte. Es ist seine Sachlichkeit, die bei Kevin Kühnert so modern wirkt. Natürlich ist es um den Juso-Vorsitzenden, seitdem die neue Regierung im Amt ist, ein wenig stiller geworden (letztens hatte er in der Berliner Schwulenzeitschrift Siegessäule sein Coming-out, heute Vormittag musste ein Interview mit dem Magazin Time verschoben werden). Die Kevin-Kühnert-Garderobe: dunkles Hemd, Skater-Turnschuhe. Er nimmt am Konferenztisch Platz, setzt sein aus dem Fernsehen bekanntes, schockierend offenes und freundliches Gesicht auf.

1 Brot oder Rosen?

Brot.

2 Materialismus oder Idealismus?

Idealismus.

3 Links oder besser gleich linksradikal?

Links.

4 In 30 Jahren, wäre es da für Sie interessanter, SPD-Vorsitzender oder Bundeskanzler zu sein?

Auf jeden Fall nicht Bundeskanzler.

Das Wort "Idealismus" hat er gehaucht und mit einem Lächeln versehen. Der rechte Turnschuh liegt auf dem linken Jeans-Oberschenkel, er zieht den Schuh jetzt mit beiden Händen noch ein Stück weit höher: Okay, so sitzen sehr junge Politiker oder Juso-Vorsitzende da.

5 Woher nehmen Sie diese grandiose Sachlichkeit?

Ich glaube, die ist in mir. Die Sachlichkeit ist ein Teil meiner Persönlichkeit. Es gibt auch einen anderen Teil in mir. Aber in der politischen Arbeit betone ich diesen Teil.

6 Woher nehmen Sie Ihre grandiose Bescheidenheit?

Ich halte sie für politisch angemessen.

7 Ist das Ihr Ding, dass Sie, anders als viele andere Politiker, nicht angeben, also keine Gags und Sprüche machen wollen?

Ich denke, dass es notwendig ist – will man durchdringen –, die Botschaft auf das Wesentliche, in meinem Fall also auf das Politische, zu reduzieren.

8 Fühlt sich das geil an, unter 30 zu sein?

Ich weiß ja nicht, wie es sich anfühlt, über 30 zu sein.

9 Können Sie etwas zu Ihrer Garderobe sagen?

Die ist im privaten so wie im politischen Auftritt.

10 Richtig, dass Ihre Frisur eine Referenz an die britische Popmusik des Produzententrios Stock Aitken Waterman aus den späten achtziger Jahren ist?

Die ehrliche Antwort lautet: Ich habe keine Ahnung, von was Sie reden.

Der Pressesprecher, der mit am Tisch sitzt, beginnt sofort, das Produzententrio Stock Aitken Waterman (das in einem Interview des Jahres 2018 zu erwähnen offen gestanden ein ziemlicher Irrsinn ist) im Handy zu googeln. Und Kühnert sagt: "Ja, guck mal bitte. Das interessiert mich."

11 Wie kriegen Sie das hin, dass man Ihnen glaubt, dass Sie selber glauben, was Sie sagen?

Es entspricht den Tatsachen.

12 Wenn das stimmt, dass Sie angenehmerweise keine Politikersprache benutzen: Welche Sprache ist es dann?

Ich bemühe mich tatsächlich, keine Politikersprache zu benutzen. Ich bin nicht frei davon. Wenn ich in internen Kontexten unterwegs bin, benutze ich sie auch – Sie hören selber: "interne Kontexte". Mein Bemühen ist es, mich in mein Gegenüber oder in mein Publikum hineinzuversetzen und zu erahnen, mit welchem Informations-, Kenntnis- und Sachstand die Leute kommen und welche eine angemessene Sprache ist, damit sie nicht aussteigen.

13 Muss man als Politiker manchmal ein bisschen dümmer tun, als man ist?

Nein.

14 Sind Sie sicher, dass Sie ausreichend Zugang zu Ihrer emotionalen, nicht reflektierenden Seite haben?

Ja.

15 Ist Humor einfach nicht Ihre Stärke?

Oh. Ich glaube, Humor ist meine Stärke. Unbedingt.

Hoppla. Mit dieser letzten Frage haben wir den Konsens, dass Interviewer und Interviewter während dieses Gesprächs schon irgendwie lieb zueinander sein werden, verlassen. Kann ganz erfrischend sein, so eine kleine Asozialität. Er guckt konzentriert.

16 Würden Sie sagen, dass Sie derzeit überbewertet sind?

Ich bin bestimmt in den letzten Monaten auch Leinwand für Dinge gewesen, die über mich hinausgegangen sind.

17 Es gab viel Bewunderung, aber auch viel Ratlosigkeit über Sie in der medialen Charakterisierung. Was haben die Journalisten an Kevin Kühnert immer missverstanden?

Ein Missverständnis war vielleicht meine Bezeichnung als Rebell. Ich denke, dass der Rebell eine selbst gewählte Rolle ist, und auf die habe ich es nie angelegt.

18 Fragte man früher Sozialdemokraten, warum sie der SPD beigetreten sind, kam oft der Satz: "Ich bin in meiner Familie der Erste, der Abitur gemacht hat." Welcher wäre Ihr Satz?

Es gab bei mir kein Erweckungserlebnis. Es sind viele kleinteilige Umstände gewesen, nicht das große Ganze oder die rührende biografische Anekdote.

19 Sind Sie auch deshalb so populär, weil Sie der einzige führende Sozialdemokrat sind, der in den letzten sechs Monaten praktisch keinen Fehler gemacht hat?

Ich habe bestimmt Fehler gemacht. Wir waren beim Parteitag im Dezember zu zahm, wir hätten fordernder sein müssen, zum Beispiel, als es um die Zusammensetzung des Vorstands ging.

20 Ein Popstar werden: War das Ihre Idee, als Sie mit der Politik anfingen?

Nein.

Juso-Chef Kevin Kühnert hält eine weitere große Koalition für rückschrittlich – und geht deshalb auf NoGroko-Tour. Ein Videointerview

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