Kevin Kühnert: "Es darf ruhig ein bisschen krachen"

21 Ihr Ernst, dass Sie auf die Frage nach Ihrem politischen Vorbild die Brandenburg-Heulboje Regine Hildebrandt genannt haben?

Die Begriffe des Vorbilds oder des politischen Helden passen nicht zu mir. Regine Hildebrandt ist für mich ein Beispiel für maximale politische Authentizität.

In Ordnung, das Warmwerden liegt hinter uns. Sein Prinzip, dass er der Überspanntheit der Fragen stets kühl, nüchtern und ausgewogen – wohl auch mit leichtem innerlichen Befremden – begegnet, ergibt eine schöne Spannung. So können wir weitermachen.

22 Wo ging der Osterurlaub hin?

Lissabon. Ich bin ein wenig durch den Nebel in Sintra gelaufen. In der Stadt kann ich das Café Noobai empfehlen.

23 Können Sie uns versprechen, dass das Projekt "Kevin Kühnert mischt die SPD und Deutschland auf" noch nicht beendet ist?

Es gibt kein Projekt "Kevin Kühnert mischt die SPD auf". Aber: Es gibt das Projekt "Die Jusos bemühen sich, die Partei zu retten". Und ja, das geht weiter.

24 Einige Wochen und tiefe Atemzüge nach dem SPD-Mitgliedervotum am 3. März: Welche vollkommen neuen Einsichten und Gedanken zur großen Koalition sind bei Ihnen dazugekommen?

Es geht jetzt schon in den ersten Wochen ein bisschen lauter zu als in den ersten Wochen der letzten großen Koalition. Ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist, kann ich noch nicht beurteilen.

25 Was ist eigentlich aus der Drohung Ihrer Partei geworden, bei einer Niederlage im Mitgliedervotum müssten Sie trotzdem eine wichtige Rolle in der Partei spielen?

Ein Juso-Vorsitzender tut gut daran, sich nicht im Wortsinn einbinden zu lassen. Ansonsten habe ich ja relativ klar gesagt, dass man mir keinen Posten anbieten muss, und genauso ist es dann ja auch gekommen.

Und noch mal diese Beobachtung: Die Klarheit von Kevin Kühnerts Antworten ist bestürzend. Es gibt an diesen Sätzen nichts zu interpretieren. Es müssen an diesen Sätzen im Nachhinein – so viel zum Autorisierungsprozess dieses Interviews – vom Pressesprecher auch nur Kleinigkeiten redigiert werden.

26 Wenige Wochen nach Start der neuen Bundesregierung: Wie entwickelt sich Ihr Verhältnis zu Ihrer großen Gegenspielerin, der noch nicht bestätigten SPD-Parteichefin Andrea Nahles?

Wir sehen uns regelmäßig im Vorstand. Und wir werden uns, das hatten wir schon früh vereinbart, vor dem Parteitag noch mal zusammensetzen. Das gehört sich einfach so, das ist ganz normaler Umgang. Wir haben kein schlechtes Verhältnis. Andrea Nahles ist eine Generalistin, sie überblickt das ganze Feld, das schätze ich an ihr – ich mag Leute, die Politik als großes Ganzes begreifen. Das heißt nicht, dass jede Entscheidung meine Zustimmung erhält, das sicher nicht.

27 Die zahlreichen Kevin-Kühnert-Kommentatoren und selbst ernannten Karriereberater sagen: Er müsste sich jetzt zurückziehen und in zwei Jahren als neue Person mit neuer Agenda zurückkehren. Ihre Antwort?

Ich bin ja kein Müsliriegel. Den erfindet man vielleicht neu, und dann macht man die Verpackung in einer anderen Farbe. Meine politischen Positionen, die hänge ich nicht in den Wind. Deswegen werde ich jetzt auch nicht künstlich meinen Mund halten.

Der Pressesprecher macht sich eine Notiz: "Ich bin kein Müsliriegel." Ja klar, das ist der erste Satz bei diesem Interview, der das Zeug zu einer Überschrift hat. Einige Biografiefragen an Kevin Kühnert.

28 Hat Sie das gefreut, dass laut jüngsten Umfragen der Vorname Kevin in Deutschland weitaus beliebter ist als Horst?

Der Forscher schrieb sogar, ich hätte ein wenig zur Rehabilitation des Vornamens Kevin beigetragen. Ich kann das nicht beurteilen, aber wenn es so wäre: Dieser Vorname kann es gebrauchen.

29 Können Sie kurz umreißen, was es bedeutet, im Symboljahr 1989, also wenige Monate vor Mauerfall, geboren zu sein?

In meiner Geburtsurkunde steht West-Berlin, also ein Ort, den es heute nicht mehr gibt. Das ist schon etwas, das bleibt und einen ein Leben lang verfolgt.

30 Ein Schlüsselmoment bei Ihrem Schülerpraktikum im SPD-Kreisbüro in Steglitz-Zehlendorf?

Mit meinem Geschäftsführer – der hieß Dietmar Milnik, wir waren zu zweit im Kreisbüro – haben wir damals den Keller ausgeräumt. Wir haben damals alte Parteibücher und historische Schätze zutage gebracht. Das hat mich sehr beeindruckt, weil dabei so viel von der Seele der Partei hervorkam. Ich habe die SPD immer als eine emotionale Partei, als einen emotionalen Ort gesehen.

31 Gilt Ihr schöner Satz "Politik ist mein Hobby", den Sie dem Magazin Siegessäule im März gesagt haben?

Na, alles andere wäre gelogen.

32 Gilt Ihr sehr cooler Ausspruch, dass Sie gut damit leben könnten, eine Fußnote in der Politik zu bleiben?

Klar. Die Fußnote wird man jetzt nicht mehr wegkriegen. Aber wenn es dabei bleibt: okay.

33 Was verdient man eigentlich als Juso-Vorsitzender?

Man verdient damit gar nichts. Ich arbeite neben dieser Tätigkeit, meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit der Arbeit für ein Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.

34 Welcher Beruf könnte es neben dem des Politikers auch werden?

Machen wir Wunschkonzert? Sportjournalismus ist das Höchste, was ein Mensch mit meinen Interessen erreichen kann. Mich interessiert so ziemlich jeder Sport. Etwas kommentieren, egal ob im Fernsehen oder beim Radio, das würde ich sofort machen.

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