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Robert Harris "Der Erfolg des Buchs kam völlig unerwartet"

Nach einem Welterfolg quälte sich Robert Harris mit seinem zweiten Buch. Der Rat eines berühmten Krimiautors half ihm. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 16/2018

ZEITmagazin: Herr Harris, wann wussten Sie, dass Sie Schriftsteller werden wollen?

Robert Harris: Ich war acht Jahre alt, und der Lehrer gab mir einen Aufsatz zurück. Da spürte ich: Das ist es, was ich für den Rest meines Lebens machen will – Geschichten schreiben. Mein Vater war Drucker, und wenn ich ihn manchmal in der Fabrik besuchte, saß ich neben der Presse und malte mir in meiner Fantasie erfundene Städte, Länder aus, ganze imaginäre Welten. Ich habe sogar ein Stück über eine fiktive Religion geschrieben. Schreiben ist meine Berufung, ich hätte nichts anderes tun können.

ZEITmagazin: Ihre Bücher Vaterland, Enigma und München spielen in der Zeit des Nationalsozialismus. Was fasziniert Sie so daran?

Harris: Ich bin 1957 geboren, zu dieser Zeit war das "Dritte Reich" in England das vorherrschende Thema in TV-Dokumentationen und Kinofilmen. In den Filmen wurde der damalige Premierminister Chamberlain für seine Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler kritisiert, während Stalin als guter Mann dargestellt wurde. Sehr früh habe ich begonnen, dies zu hinterfragen, und es als eine Herausforderung gesehen, in meinen Büchern eine andere Perspektive aufzuzeigen.

ZEITmagazin: Macht ist Ihr zentrales Thema. Warum?

Harris: Die meisten Schriftsteller haben ein solches Thema, um das sich alles immer wieder dreht, und Macht ist nun mal meins. Was macht die Macht mit jenen, die sie ausüben, und was passiert mit denen, die keine erlangen? Ich betrachte die Welt aus den Augen eines Journalisten, der beobachtet, wie Macht Menschen verdirbt, zerfrisst und meistens zerstört.

ZEITmagazin: In vielen Ländern waren Sie mit Vaterland auf Rang eins der Bestsellerlisten. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Harris: Der Erfolg des Buchs kam völlig unerwartet. Ich hatte das erste Drittel geschrieben und schickte es meinem Agenten in den USA. Zwei Wochen später erzählte er mir, dass sieben Verleger es haben wollten. Drei Monate später war das Buch fertig. Nachdem dieses Buch veröffentlicht worden war, hatte ich allerdings zwei Jahre lang Schwierigkeiten bei dem Versuch, ein zweites zu schreiben. Es ist einer dieser Widersprüche, die es im Leben gibt.

ZEITmagazin: Gingen Ihnen die Ideen aus?

Harris: Ich lebte damals mit meiner Familie mitten in London, unser Kind war zwei Jahre alt. Ich wollte raus aus der Stadt und kaufte mir auf dem Land ein altes viktorianisches Pfarrhaus – und dort saß ich dann. Ich hatte meinen Job als Journalist aufgegeben und sollte einen neuen Roman schreiben, aber es ging nicht. Es schien mir, als würde es andauernd nur regnen. Ich streunte ständig im Haus herum auf der Suche nach einem Platz, an dem ich in der Lage war zu schreiben, aber ich wusste nicht, wie. Es war wirklich sehr stressig.

ZEITmagazin: Warum haben Sie Ihre Karriere als Journalist beendet?

Harris: Ich war 35 Jahre alt, als Vaterland erschien, und gab mein Leben als Journalist auf, weil ich die Chance, ein weiteres Buch zu schreiben, einfach ergreifen musste. Ich dachte, es ist doch verrückt, wenn ich das nicht tue – aber statt zu schreiben, starrte ich nur Löcher in die Wand. Ich wusste nicht mehr, wie ich das erste Buch geschrieben hatte und ob ich wieder eins schaffen würde. Ich war wie gelähmt.

ZEITmagazin: Wie haben Sie die Schreibblockade überwunden?

Harris: Indem ich begann, alles aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ich war wie besessen davon, von den Qualen anderer Schriftsteller zu lesen und darüber, wie sie dieses Problem gelöst hatten. Ich kann mich an die Briefe des amerikanischen Autors Raymond Chandler erinnern. Er schrieb, er könne es nicht verstehen, dass Schriftsteller sich über Probleme beim Schreiben beklagen, denn es sei ein solches Privileg, schreiben zu dürfen, man müsse es einfach lieben. Es hört sich wie ein Klischee an, aber diese Worte haben mich berührt, und eine Last fiel von mir ab. Es war, als würde mir ein guter Freund auf die Schulter klopfen und sagen: Hey, hör zu, weißt du, wie viel Glück du hast? Mach es einfach.

ZEITmagazin: Ist Ihnen das Gefühl, blockiert zu sein, noch mal begegnet?

Harris: Ja, immer wieder, aber ich wusste nun, dass es Zeit braucht, und habe gelernt, nicht in Panik zu geraten. Die wichtigste Lektion für einen Schriftsteller ist: Wirf nie was weg. Es ist alles ein Teil von etwas, auch wenn du das gerade nicht siehst. Ein Kapitel, eine Seite, die du jetzt nicht gut findest, kann an anderer Stelle genau passen. Ich musste das Handwerk erst lernen. Nach Pompeji, meinem vierten Roman, war der Damm gebrochen, und jetzt fällt mir das Schreiben leichter. In den vergangenen fünf Jahren habe ich vier Romane geschrieben. Die Dinge haben sich auf großartige Weise beschleunigt.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Der Psychologe gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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