Volljährigkeit "Geht das nicht in deinen Erwachsenenschädel rein?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 17/2018

Neulich wollte ich für meine älteste Tochter die Schülerkarte verlängern. Es ist ein Akt, wie er in einem Verkehrsbetrieb hunderte Male am Tag vollzogen wird. Trotzdem habe ich es nicht geschafft. Die Kundenberaterin des betreffenden Verkehrsbetriebes hat mich so behandelt, als trachtete ich nach Beförderungserschleichung. Ich fühle mich auf Ämtern immer wie ein hilfloser Idiot. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die eigene Menschenwürde auseinanderbröselt, sobald jemand, der etwas Macht hat, einen wissen lässt, dass er so gar nichts von einem hält. Selbst wenn sich diese Macht darauf beschränkt, einem den Zugang zu einer Schülerkarte zu erschweren.

Erst hatte ich irgendwelche Felder nicht korrekt ausgefüllt, dann brach die Software zusammen, und es dauerte, bis wieder alles einigermaßen lief. Dann endlich wollte ich den Vertrag unterschreiben, aber die Kundenberaterin sagte plötzlich: "Huch, Ihre Tochter ist ja schon 18 Jahre alt. Dann dürfen Sie das nicht mehr unterschreiben, das muss Ihre Tochter unterschreiben." Ich protestierte, Luna war nicht dabei, brauchte aber ihre Karte, warum sollte ich das nicht unterzeichnen dürfen – für sie?

Aber natürlich geht das nicht. Seit Luna 18 ist, sind die Dinge kompliziert geworden. Alles Mögliche, was ich für meine Tochter tun möchte, kann ich nicht mehr tun, weil ich nicht mehr zuständig bin vor dem Gesetz. Sicher, ich bin der Vater, aber eigentlich habe ich nichts mehr zu sagen und auch nichts mehr zu tun. Meine Tochter ist ja erwachsen. "Ich fühl mich aber gar nicht erwachsen", sagt Luna. Und sie sieht sich auch gar nicht so.

Ich finde: Manches im Verhältnis zwischen Luna und mir ist erwachsen geworden, anderes nicht. Wenn wir diskutieren, wird sie manchmal generell: "Bekommst du das nicht in deinen Erwachsenenschädel rein?" Die Art und Weise, wie wir diskutieren, ist sehr anders geworden. Ich muss jetzt Argumente vortragen, meinen Standpunkt erklären, ich muss zuhören und versuchen zu verstehen. Wenn ich mit den anderen Töchtern diskutiere, bin ich mir meist sicher, dass mein Standpunkt der richtige ist. (Wenn ich zum Beispiel sage: "Ich finde, es ist keine gute Idee, den ganzen Tag im Bett zu bleiben und auf ein Smartphone zu starren.") Bei Luna aber muss ich mich selbst fragen, ob die Art, wie ich die Welt sehe, denn die richtige ist. Weil Luna manche Dinge aus einer anderen Perspektive sieht. Was aber macht meinen Schädel erwachsen?

Für Lotta, Greta und Juli sind Erwachsene jene, die die Welt in der Hand haben, die Chefs. Ich glaube aber, wirkliches Erwachsensein hat damit zu tun, zu verinnerlichen, dass man selten der Chef ist. Dass die Dinge selten so laufen, wie man sich das vorstellt, dass man ständig Kompromisse machen muss, dass eine 18-Jährige recht haben kann, obwohl sie 25 Jahre weniger Lebenserfahrung hat, und dass trotzdem alles okay sein kann, irgendwie.

Erwachsensein ist Gelassenheit gegenüber dem Unvermögen. Dem eigenen und dem anderer. Und dann gibt es auch immer wieder Augenblicke, in denen ich Zweifel habe, ob ich überhaupt schon erwachsen bin. Zum Beispiel, wenn mich die Kundenberaterin des Verkehrsbetriebs zur Minna macht und mich mit dem Schülerkarten-Antrag wieder nach Hause schickt wie einen Zwölfjährigen, der eine Strafarbeit aufgebrummt bekommen hat.

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