Harald Martenstein Über Gesundheitswarnungen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 18/2018

In Los Angeles hat ein Gericht entschieden, dass auf kalifornischen Kaffeebechern in Zukunft eine Gesundheitswarnung zu stehen hat, wie auf Zigarettenpackungen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. So fängt es immer an. Ein paar Jahre später kommt es dann nach Europa.

In den Neunzigern rief mich ein Redakteur der Zeitschrift Geo an und fragte, ob ich Lust hätte, eine Reportage über die Ächtung der Raucher in den USA zu schreiben. In Kalifornien dürfe man neuerdings in Bars nicht mehr rauchen, auch nicht auf Friedhöfen. Das fand er bizarr, ich ebenfalls. Heute ist es nur eine Frage der Zeit, bis Straßen umbenannt werden, die den Namen von Rauchern tragen. Ich fuhr damals unter anderem zu einem wissenschaftlichen Kongress in San Diego. Ein Forscher erzählte, dass es für die Gesundheit einen großen Unterschied mache, ob man in der Stadt lebt oder auf dem Land. Im Grunde müsste man also an jeder Stadtgrenze ein Warnschild aufstellen: "Großstädte schaden der Gesundheit und machen schnell abhängig".

Jetzt knöpfen sie sich den Kaffee vor. Ein Stoff im Kaffee, der angeblich Krebs erregt, heißt Acrylamid. Er ist auch in Kartoffelchips, Pommes frites und Brot enthalten. Warnaufdrucke auf Dreikornbrötchen werden kommen, es ist nur eine Frage der Zeit. Vor allem die Franzbrötchen sind gefährdet, da ist auch viel Zucker drin. Verrückterweise ist es gar nicht so lange her, dass überall Artikel über die segensreiche Wirkung des Kaffees zu lesen waren. Angeblich schützt er, zumindest ein bisschen, vor Verkalkung der Gefäße, vor Diabetes, vor Asthma, vor psychischen Problemen, die hat wohl jeder, und vor ein paar Sorten Krebs. Kaffee hat positive und negative Seiten. Diese Eigenschaft teilt der Kaffee mit nahezu allem, was auf Erden zu finden ist.

Außerdem kommt es bei fast allem auf die Dosis an. Trinken Sie jeden Tag 30 Liter Apfelschorle, und ich wette, dass sich da früher oder später ein Problem einstellt, möglicherweise Apfelkrebs oder die fußballgroße Schorlentrinkerblase, ganz bestimmt aber eine hammerharte Apfelschorlenpsychose. Erstaunlich ist allerdings die Erkenntnis, dass fast alle Protagonisten des Gesundheitswahns, die keine Twens mehr sind, in einer unaufgeklärten Zeit aufgewachsen sind. Überall wurde geraucht, es gab keinerlei Helm- und Gurtpflichten, mittags aß man gezuckertes Fett in Wacholderschnaps. Diese Generation wird nun trotz ihrer vergifteten Kindheit im Durchschnitt älter als je eine Generation vor ihr. Nanu, wieso das denn? Es hängt vor allem mit dem medizinischen Fortschritt und den verfluchten Pharmakonzernen zusammen, die ein echter Gesundheitsapostel natürlich nicht mag.

Auch bei den sozialen Bewegungen kommt es auf die Dosis an, wie bei der Apfelschorle. Bei den ersten Forderungen denkt man meistens: Richtig, total vernünftig, das wurde auch mal Zeit. Die Forderungen werden erfüllt, was aber bei den betroffenen Bevölkerungsgruppen keineswegs zu Zufriedenheit führt, im Gegenteil. Neue, extremere Forderungen tauchen auf, und die ersten Verbote werden verhängt. Wieder denkt man: Na ja, im Grunde ist das Anliegen richtig. Ein bisschen Übereifer ist okay, die beruhigen sich wieder. Sie beruhigen sich aber nie. Je mehr sie erreichen, desto dringender wird das Anliegen. Und plötzlich, ehe du dich’s versiehst, werden Gedichte im Namen der Emanzipation übertüncht, und im Namen der Gesundheit werden die Leichen auf dem Friedhof vor Zigarettenrauch geschützt. Während des Verfassens einer Kolumne trinke ich übrigens durchschnittlich zweieinhalb Tassen Kaffee.

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