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Mario Adorf "Meine Mutter gab mir Sicherheit"

Mario Adorf wurde von Nonnen gepiesackt, von anderen Jungs verdroschen. Bis er lernte, sich zu wehren. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 18/2018

ZEITmagazin: Herr Adorf, Sie sagen über sich, Sie seien ein Glückskind. Warum?

Mario Adorf: Ich kannte nun mal bisher keine Krisen wie viele andere. Ich hatte auch keine Midlife-Crisis. Mein Leben lief bislang ohne große Misserfolge ab. Vielleicht fehlt es mir im Leben an einem solchen Ereignis, aber vielleicht kommt es ja noch.

ZEITmagazin: Sie sind ohne Vater aufgewachsen, waren unter der Woche in einem Waisenhaus, weil Ihre Mutter als Näherin bei ihren Kunden arbeitete. Das hört sich nicht unbedingt nach Glückskind an.

Adorf: Das war ich vielleicht damals nicht. Aber es ging mir dort besser als den anderen Kindern, die keine Eltern hatten: Wenn ein Kind Läuse hatte, war ich der Einzige, der nicht geschoren wurde. Ich war besser gekleidet und hatte schließlich eine Mutter. Es gab allerdings eine Putzfrau, die mich regelmäßig mit einem Stock verdrosch. Ich war erst fünf.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das Waisenhaus in Erinnerung?

Adorf: Ich habe viele Erinnerungen an diese Zeit: Ich hasste das Knien auf den Bänken in der kleinen Kirche. Ich sang allerdings sehr gerne und konnte die Liturgie auf Lateinisch schnell auswendig. Als Messdiener bestand ich darauf, dass die lateinischen Texte laut und deutlich gebetet wurden, die Nonnen nuschelten und übersprangen gerne vieles. Bei mir mussten sie beim langen Confiteor Deo omnipotenti richtig mitziehen. Zur Strafe wurde ich von ihnen zum Kartoffelschälen verdonnert.

ZEITmagazin: Sie hatten keine Chance, oder?

Adorf: Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich muss mich wehren können. Das war 1946, ich war 15, da wurde ich einige Male von einer Bande junger Burschen überfallen. Sie nahmen mir gehamsterte Lebensmittel weg und verprügelten mich. Da war mir klar, ich muss in einen Boxclub. Was ich nicht wusste: Dort waren dieselben Burschen – jetzt verdroschen sie mich mit Boxhandschuhen. Beim Weggehen sagten sie: Der kommt nicht mehr wieder. Aber ich kam wieder.

ZEITmagazin: Aufgeben kommt für Sie wohl nicht infrage.

Adorf: Nein, ich habe mir einen nach dem anderen vorgenommen. Später habe ich bei zwei Universitätsmeisterschaften geboxt und parallel beim Studententheater gespielt. An einem Vormittag hatte ich mal den Endkampf und am gleichen Tag abends eine Premiere. Mir war klar, dass ich nicht optisch auffällig verprügelt werden durfte – natürlich habe ich verloren. Das war das Ende meiner Boxerlaufbahn.

ZEITmagazin: Machen Sie immer alles mit sich aus?

Adorf: Ich war ein Einzelgänger und sagte mir stets: Es wird schon irgendwie klappen. Meine Mutter gab mir Sicherheit, sie war letztlich meine Rettung. Meine Mutter war eine starke Frau, sie hatte als Alleinerziehende zu kämpfen, wurde beschimpft und verachtet. Aber sie ist da durchgegangen und hat sich nie was anmerken lassen. Sie hat immer gesagt: Du bist besser als die anderen, mach dir keine Sorgen, du bist jemand.

ZEITmagazin: Haben Sie überhaupt jemals Hilfe beansprucht?

Adorf: Nur einmal, als ich von Mainz nach Zürich ging. Bis dahin hatte ich mir mein Studiengeld in den Ferien auf dem Bau und in Steingruben verdient. Um mich in Zürich zu immatrikulieren, musste ich einen monatlichen Scheck vorweisen. Aber woher nehmen?

ZEITmagazin: Und was haben Sie dann gemacht?

Adorf: Die Schwester meiner Mutter, die in Neapel lebte, schlug mir vor: Geh doch zu deinem Vater, der hat noch nie was bezahlt. Er war Chirurg in Süditalien, verheiratet und hatte drei Töchter. Als er erfuhr, dass meine Mutter mit mir schwanger war, meinte er: Du wirst das Kind heimlich irgendwo zur Welt bringen, wir geben es einer verschwiegenen Familie in Obhut und können es sonntags besuchen. Meine Mutter war entsetzt und ist daraufhin in den nächsten Zug gestiegen.

ZEITmagazin: Wie war es bei Ihrem Vater?

Adorf: Ich war 21, sprach kein Italienisch und mein Vater kein Deutsch. Die Schwester meiner Mutter hatte mir einen Brief auf Italienisch mitgegeben, wer ich bin, was ich mache und was ich brauche. Mein Vater las sich das durch und gab mir dann eine Telefonnummer von einem Anwalt, der das Finanzielle regeln würde.

ZEITmagazin: Und das war es dann?

Adorf: Ja, das war es dann. Ich sollte ihn nie wiedersehen. Rückblickend habe ich schon mal bedauert, dass ich keinen Vater hatte, der mir hätte sagen können, wo es langgeht. Ich musste alles selber herausfinden. Meine Klassenkameraden sagten mir einmal: Dass du Schauspieler wirst, war uns schon damals immer klar. Ich habe es lange nicht gewusst.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Pham zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

also ich habe ihn zuerst in " Via Mala " gesehen und war tief beeindruckt,
wo es ihn später mal wieder zu sehen gab, hab ich mich darum bemüht und war wieder beeindruckt, also es war nicht nur eine jugendliche Schwärmerei, sondern schon so, wie es bei großen Schauspielern ist, dass man sie nicht vergisst..
was mir persönlich an ihm gefällt, dass er wohl als Mann auch ein treuer Mensch ist- ich finde, dazu gehört Charakter.... in diesem Milieu bestimmt, sicher durch die Liebe seiner Mutter.