Muscheln Harte Schale

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 18/2018

Seit Jahrtausenden behängen sich Menschen mit Muschelschalen und Schneckenhäusern. Genauer gesagt wurde das schon getan, bevor es den modernen Menschen gab. Auf der indonesischen Insel Java hat man eine Muschel entdeckt, die mit geometrischen Mustern verziert worden war. Und zwar vor enorm langer Zeit. Wissenschaftler schätzen, die Muschel könnte etwa 540.000 Jahre alt sein. Sie wurde dem asiatischen Homo erectus zugeordnet, einem Vorfahren des Neandertalers. Dieser Fund legt nahe, dass nicht nur der Homo sapiens Kunstwerke kannte. Auch der wesentlich ältere Vormensch konnte schon präzise Muster hervorbringen. So erzählt eine kleine Kalkschale davon, dass wir nicht die Erfinder von Kreativität und Schönheit sind. Die Schönheit war schon vorher da.

Einen der spektakulärsten Funde machten Forscher in der Blombos-Höhle in Südafrika. Dort entdeckten sie mehr als 40 Wasserschneckenhäuser, alle mit Farbresten und einem Loch an der gleichen Stelle. Offenbar hat jemand vor 75.000 Jahren die Schneckenhäuser zur Zierde als Kette getragen. Später wurden Muscheln zum Zahlungsmittel. Viele indigene Gesellschaften in Afrika, Amerika, Asien und im Südpazifik nutzten vor der Einführung von Münzen Muschelgeld als Währung. Im asiatischen Inselstaat Papua-Neuguinea ist die Muschelwährung heute sogar noch als Komplementärwährung neben der offiziellen Geldwährung in Gebrauch.

Die Bewunderung für Muscheln und Schnecken ist also eine Konstante der Kulturgeschichte. Wir sehen diese kunstvollen kleinen Schalen und haben das Gefühl, dass sie etwas Besonderes sind. Wir erfahren das, wenn Kinder stundenlang am Strand Muscheln sammeln oder wenn wir auf Botticellis berühmtem Gemälde die frisch geborene Venus aus einer Muschel steigen sehen.

Und wir erkennen es auch in den aktuellen Mode-Kollektionen: Bei Dolce & Gabbana erscheinen Muscheln als große Ohrringe, bei Loewe gibt es große Schneckenhäuser an langen Halsketten, und Donatella Versace lässt Muscheln auf Bikini-Oberteile und Mäntel drucken. Man muss das bei Sommer-Kollektionen nicht unbedingt für besonders einfallsreich halten. Man kann es aber dennoch schön finden. So wie es Menschen seit hunderttausend Jahren machen und wie man es auch nach uns machen wird. Schließlich ist anzunehmen, dass Mollusken den Menschen überleben werden. Und sollte nach uns noch einmal eine intelligente Spezies den Planeten bewohnen, wird man das unter anderem daran erkennen, dass sie Muscheln schön findet und sich damit schmückt.

Peter Langer / Nicht als Zahlungsmittel zugelassen: Ohrhänger von Dolce & Gabbana

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