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Christoph Gröner Wie viel Macht hat dieser Mann?

Christoph Gröner ist Bauunternehmer und einer von Deutschlands Superreichen. Er schätzt, dass sein Privatvermögen bei 80 Millionen Euro liegt – und macht sich Gedanken über die Ungleichheit in diesem Land. Von und
ZEITmagazin Nr. 19/2018

Durch das Foyer eines leer stehenden Hochhauses in Berlin rennt ein Mann und atmet schwer. Er trägt Joggingschuhe und Sportsachen, läuft vorbei an Aufzugschächten, die mit Plastikplanen abgeklebt sind. 1,95 Meter ist er groß, seine Gesichtszüge sind markant, und wer nicht genau hinschaut, der könnte ihn für einen durchtrainierten Doppelgänger des jüngeren Gerhard Schröder halten, aus einer Zeit, als Schröder noch Kanzler war.

Dieser Mann ist der Unternehmer Christoph Gröner. Es ist sein Foyer, das er im vergangenen November im Laufschritt durchquert, es ist auch sein Turm. Seine Baufirma hat den Steglitzer Kreisel, eines der höchsten Häuser der Stadt, vom Land Berlin gekauft. Für 200 Millionen Euro wird er hier Wohnungen bauen. An diesem Morgen aber will Gröner etwas anderes. Er will ganz nach oben rennen, 120 Meter, 30 Etagen, 600 Stufen. Einer seiner Mitarbeiter soll die Zeit messen und steigt in einen Fahrstuhl, während Gröner 29 Stockwerke hochhastet. Es ist ein Wettlauf gegen die eigene Bestzeit. Gröner liebt es, gegen sich selbst anzutreten. Das hat er sein Leben lang getan. Gröner pumpt, aber er ist schnell. Der Mitarbeiter steigt oben aus dem Aufzug und stoppt die Zeit: 5 Minuten und 14 Sekunden.

"Besser als beim letzten Mal", sagt Gröner und schnauft. Aber er ist noch nicht zufrieden. Er will beweisen, dass er es in weniger als fünf Minuten schafft. Warum dieser Ehrgeiz, und warum überhaupt ein Rennen in einem Rohbau? Das lässt sich nur beantworten, wenn man ihn länger beobachtet.

Ganze drei Tage, sagt er, sei er in seinem Berufsleben krank zu Hause geblieben. Nachts schlafe er selten mehr als fünf Stunden. Oft sei er in zehn Städten unterwegs, Woche für Woche. Gröner, verheiratet und Vater von vier Kindern, ist gerade 50 Jahre alt geworden. "Ich kann mich noch erinnern", sagt er, "wie ich zu Zeiten meines Abiturs Boris Becker beim Wimbledon-Sieg beobachtet habe und dass ich mir damals gedacht habe: Warte nur. Ich ziehe noch gleich." Inzwischen, so sieht es Gröner, habe er Becker übertrumpft.

Christoph Gröner ist Gründer, Namensgeber und Vorstandsvorsitzender der CG-Gruppe, einer der größten Immobilienfirmen des Landes. Überall in den neun Deutschland-Niederlassungen tauchen seine Initialen auf, an den Türen, auf den Hochglanzbroschüren. Sogar das Kakaopulver auf dem Cappuccino, den seine Sekretärin im Büro serviert, formt sich zu den Buchstaben CG. Niemand baut so viele Mietwohnungen wie Gröners Unternehmen. In Köln, Leipzig, Düsseldorf und Frankfurt errichtet er ganze Stadtviertel. Gerade haben Wirtschaftsprüfer den Wert der Firma auf über eine Milliarde Euro taxiert. Sein Privatvermögen, schätzt Gröner, liegt bei 80 Millionen Euro, hinzu kommen Anteile am Unternehmen, die bis zu 300 Millionen Euro wert sind. Ihm gehören auch eine Villa in Berlin, mehrere Anwesen an der Côte d’Azur, ein Penthouse in der Nähe des Kölner Doms, außerdem eine Porsche-Sammlung.

Niemand baut in Deutschland so viele Mietwohnungen wie Christoph Gröners Unternehmen. Hier ist er mit seiner persönlichen Assistentin in Köln unterwegs. © Jan Windszus

Gröner ist einer von Deutschlands Superreichen: Menschen, die in diesem Land viel zu sagen haben, aber meistens schweigen. Christoph Gröner hat nach langem Nachdenken mit diesem Grundsatz gebrochen und sich sieben Monate lang begleiten lassen. Er ließ es zu, bei Vorstandssitzungen und Charity-Galas beobachtet zu werden und in seiner Loge im Leipziger Fußballstadion. Verschafft Reichtum auch Macht? Und wie geht man damit um, dass es selbst ganz oben noch immer Menschen gibt, die mehr haben und über einem stehen?

Am Privatterminal des Düsseldorfer Flughafens wartet der Pilot, und Christoph Gröner fährt im Shuttle vor. Händeschütteln, dann gehen die beiden übers Flugfeld zur Maschine, einer spitznasigen Cessna, innen holzverkleidet. Ankommen, einsteigen, starten: In Christoph Gröners Leben passiert das alles innerhalb weniger Minuten. Die kleine Maschine hebt ab und durchstößt die Wolkendecke. "Ist es nicht herrlich, sich aus dem Grau über alles zu erheben?", fragt Gröner. Geld, sagt er dann, sei von einer gewissen Größenordnung an nur noch ein Werkzeug. Sein eigenes Vermögen könne er längst nicht mehr durch Konsum aufbrauchen. "Wenn Sie 250 Millionen Euro haben, dann schmeißen Sie das Geld zum Fenster raus, und es kommt zur Tür wieder rein. Sie kaufen Autos, die werden mehr wert. Sie kaufen Häuser, die werden mehr wert. Sie gehen in Gold, das wird mehr wert."

Wer über soziale Ungleichheit redet, der meint meist Einkommen. Ist es richtig, dass die Krankenschwester so viel weniger verdient als die Geschäftsführerin der Klinik? Wie hoch muss der Lohn für Arbeit mindestens sein? Dürfen Spitzenmanager jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge verdienen? Gewerkschaften legen Kitas und den öffentlichen Nahverkehr lahm – für ein paar Prozent mehr Lohn. Die Arbeitgeber stöhnen dann auf, als würden sie damit in den Ruin gestürzt.

In Wahrheit führen all diese Debatten am Kern des Problems vorbei. Denn die Markteinkommen, vereinfacht: die Bruttolöhne, sind in Deutschland zwar sehr ungleich verteilt, danach aber greift der Staat mithilfe der Steuern ein. Er nimmt denen, die viel verdienen, und gibt vor allem der unteren Mitte und der Unterschicht. Trotz aller Macken funktioniert die staatliche Umverteilung ganz gut.

Um die wahre wirtschaftliche Kluft schert sich der Staat aber nicht, obwohl diese Kluft so tief ist wie der Marianengraben. Deutschland ist nach 70 Jahren Frieden und Wohlstand ein reiches Land. Aber dieser Reichtum ist so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen Industriestaat. Manche Ökonomen bezeichnen Deutschland als "feudalistischen Kapitalismus". So unanfechtbar sind die Vermögensverhältnisse, so groß die Abstände zwischen den Wohlhabenden und dem Rest. Dieses Vermögen wird weitergereicht an die nächste Generation, die dann auch wieder beste Startchancen hat. Die Ungleichheit wird vererbt.

Ökonomen schätzen, dass das obere Prozent der Bevölkerung ein Drittel des gesamten deutschen Vermögens besitzt, die untere Hälfte weniger als drei Prozent. Genau weiß es niemand. Denn seit in Deutschland 1997 die Vermögenssteuer ausgesetzt wurde, tappen Experten im Dunkeln, wenn sie benennen sollen, wie viel die Superreichen tatsächlich besitzen. Ist es eine Billion mehr oder weniger? In einem Land, zu dessen Identität der Leitz-Ordner und die doppelte Buchführung gehören, vermag niemand zu sagen, wie viel die Vermögenden besitzen.

Im Gegensatz zur Armut sei Reichtum in Deutschland schlecht vermessen, sagt Markus Grabka, Vermögensfachmann am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Aber schon das grobe Bild, das die Daten liefern, ist beeindruckend. Grabka nimmt ein DIN-A4-Blatt in die Hand und sagt: "Stellen wir uns vor, ein Zentimeter auf dem Blatt entspräche 50.000 Euro Vermögen. Dann können wir problemlos 95 Prozent der Bevölkerung auf diesem Blatt abtragen." Wo aber, fragt er, stünden dann die Reichen? Das manager magazin setzt in seiner aktuellen Liste der reichsten Deutschen die Unternehmerfamilie Reimann auf Platz eins, mit 33 Milliarden Euro Vermögen. Behielte man Grabkas Maßstab bei – 50.000 Euro Vermögen entsprechen einem Zentimeter –, dann müsste man mehr als 23.000 Blätter nebeneinanderlegen, um bei den Reichsten zu landen. Etwa 6,6 Kilometer.

Wenn schon die Dimensionen schwindelig machen, neigt man dazu, ein Thema zur Seite zu legen, zu kompliziert. Dabei können die Folgen der Ungleichheit die Gesellschaft viel stärker spalten als die Lohnfrage. Vermögen ist ein Airbag für all die Momente, in denen das Leben crasht. Job verloren, lange krank gewesen, Trennung vom Ehepartner? Geld kann diese Krisen abfedern. Aber selbst bei den kleinen Auffahrunfällen des Alltags zeigen sich die Unterschiede: Jeder dritte Arbeitnehmer hat so wenig Rücklagen, dass er unvorhergesehene Ausgaben von 1.000 Euro nicht mehr stemmen kann. Da wird jedes kaputte Auto, jeder Urlaubswunsch und jeder Schulausflug der Kinder zu einem Problem.

Am deutlichsten zeigt es sich beim Wohnen. Mitte April demonstrierten mehr als 10.000 Menschen in Berlin gegen steigende Mieten. Die rauschen hoch, auch weil die Vermögenden der Welt die Immobilien in deutschen Großstädten als Geldanlagen lieben. Und das ist Gröners Geschäft.

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