Christoph Gröner: Wie viel Macht hat dieser Mann?

Christoph Gröner dagegen lässt sich dabei beobachten, wie er Macht ausübt. Bei der Vorstandssitzung bestimmt er die Sitzordnung. Geschäftspartner, die nicht geliefert haben, lässt er von seinen Mitarbeitern einbestellen und souffliert während des Telefonats: "Ich will den sehen. Ich will den persönlich sehen. Wie er das hinkriegt, ist mir egal."

Bald soll das Treffen mit Baustadtrat Florian Schmidt beginnen, lange geplant, oft verschoben. Die beiden ringen um die Baugenehmigung für das ehemalige Berliner Postscheckamt, ein Hochhaus in bester Lage. Gröner will den 88-Meter-Turm mit Eigentumswohnungen bestücken, drum herum Neubauten hochziehen, auch mit günstigen Mietwohnungen. Er wirft Schmidt vor, die Baugenehmigung zu verschleppen. Schmidt sagt, er wolle, dass die Bürger mitreden könnten. "Was uns unterscheidet, ist, dass ich Politiker für alle Bürger bin", sagt Schmidt, "und dass jemand wie Gröner seinen Shareholdern verpflichtet ist."

Große Worte im achten Stock des Bezirksamtes in Berlin-Kreuzberg. Schmidts Büro, Aktenordner im Regal, eine Yuccapalme auf der Fensterbank, Filterkaffee aus der Teeküche. Dann taucht er auf, Christoph Gröner. Eigentlich ist Florian Schmidt hier der Hausherr. Er hat Gröner nebenan in den Konferenzsaal geladen, auf dem Tisch steht Wasser vom Discounter. Schmidt laboriert an einer Grippe, Gröner ist bester Verfassung, nimmt sofort den Raum ein. "Ich spiele mal den Barmann", sagt er scherzend, gießt Wasser ein. "Schön, dass es geklappt hat." Die beiden sitzen nebeneinander. Gröner will sofort eine persönliche Ebene schaffen, spricht über sich und den Karneval, zeigt auf seinem Mobiltelefon ein Foto von sich in der Uniform der Kölner Prinzengarde. Schmidts Familie verkleidete sich in den achtziger Jahren als sterbende Bäume. Dann wird es hitzig, und Gröner ergreift die Initiative. Er sagt: "Wo ich mit dem Herrn Schmidt Probleme kriege, ist: Wenn er eine Baugenehmigung kriegt, die er unterschreiben muss, und er unterschreibt sie nicht. Er unterschreibt sie einfach nicht. Da muss er den Arsch in der Hose haben und sagen: Der Herr Gröner hat den Anspruch auf ’ne Baugenehmigung, und ob’s mir passt oder nicht, die unterschreibe ich." Schmidt kontert: "Andere würden sagen, er hat einen Arsch in der Hose, weil er die Baugenehmigung eben nicht erteilt. Die Menschen fühlen sich erdrückt. Mir selber geht es auf eine Art und Weise ähnlich. Obwohl ich jetzt ganz gut verdiene. Ich wohne auch in einer kleinen Wohnung und suche gerade. Es ist frappierend, dass man einfach nichts findet." Gröner ist amüsiert. Er bietet Schmidt eine Wohnung in einem seiner Objekte an. Eine Berliner Senatorin wohne auch schon in einer seiner Wohnungen. Schmidt winkt ab und erwidert: "Es ist ein politischer Kampf um Aufmerksamkeit. Sie sind eigentlich mehr Politiker als Unternehmer."

Im Gegensatz zu Politikern werde er an Ergebnissen gemessen, entgegnet Gröner. "Wie viel Wohnraum haben wir geschaffen? Wie viel gesellschaftlichen Konsens hat unser Handeln hinterlassen?" Er klingt wie ein Politiker. Es sieht so aus, als hätte Gröner den Besprechungssaal des Bezirksamtes übernommen.

Die wirklich Mächtigen sind die Geldgeber, die Investoren, Menschen, die kaum jemand wahrnimmt

Ein paar Tage später sitzt er in seinem Penthouse, vor sich die Dachterrasse, hinter sich den Kölner Dom. Wer ist mächtiger, Herr Gröner, die Politik oder die Wirtschaft? "Wir Unternehmer sind schon mächtiger, deutlich mächtiger." Er würde aber, sagt er, gern eines Tages in die Politik gehen. Mit diesem Bild könnte der Text enden: ein Unternehmer, vermögend geworden, überzeugt von der eigenen Macht, der Politik nicht abgeneigt. Aber es fehlt noch etwas Entscheidendes, die Geschichte des schwarzen Flecks.

"Wenn man sich intensiv mit Wirtschaft beschäftigt, ist sehr schnell zu spüren, dass es sehr wenig Wissen über die entscheidenden Seiten des Systems gibt", sagt der Publizist Hans-Jürgen Jakobs. "Über die Kapitalisten, über diejenigen, die das Geld haben, investieren und die Märkte, Volkswirtschaften und Länder verändern. Das ist ein seltsamer schwarzer Fleck." Jakobs ist Wirtschaftsjournalist und Redakteur des Handelsblatts, 2016 veröffentlichte er eine Art Enzyklopädie des globalen Kapitalismus. Wenn es überhaupt Debatten über Reichtum gebe, sagt Jakobs, arbeite man sich an Managern ab oder an Unternehmern wie Christoph Gröner. Dabei seien die wahren Mächtigen ganz andere: die Geldgeber, die Investoren, Menschen, die kaum jemand wahrnehme.

Konfrontiert man Gröner damit, dann beginnt er zu rechnen und sagt: "Wenn ich den Verdienst des Unternehmens nehme und dann zehn Jahre zurückschaue, dann haben Leute, die uns Equity, also Risikokapital, gegeben haben, gut das Fünf- bis Zehnfache verdient." Wäre die Welt einer von Gröners Wohntürmen, dann hätte nicht einmal er selbst es bis ins Penthouse geschafft.

Christoph Gröner ist bei einem wichtigen Termin in Cannes. Seit Stunden prasselt der Frühlingsregen auf die Palmen am Jachthafen ein. Männer in dunklen Anzügen laufen über den nassen Teppich, der in die Messehallen von Cannes führt. Es sind die Tage der Mipim, Europas größter Immobilienmesse. London, Paris und St. Petersburg, Hamburg, Berlin und Leipzig, ja sogar Fußballclubs wie Arsenal London oder Tottenham Hotspur präsentieren sich den Investoren. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker sitzt auf einem roten Sofa und holt kurz Luft. Sie habe Termine mit möglichen Anlegern im Halbstundentakt, sagt sie. Köln sei eine wachsende Stadt und auf Investoren angewiesen. Knapp 2.000 Euro kostet hier die Eintrittskarte.

Hunderte Milliarden Euro laufen hier durch die Gänge, schätzt Gröner. Sein Unternehmen hat gleich zwei Stände, einen im Berlin-Pavillon, einen bei den Städten aus Nordrhein-Westfalen. Am Abend, als die Sonne scheint, lädt er in eine Bar am Strand zum Empfang. Dort streift er mit der Hand über seine Krawatte. "Gelb", sagt er, "steht für Gefahr. Ich bin hier im Angriffsmodus." Auf der Terrasse, wo Gröners Firma eine Boule-Bahn aufbauen ließ, steht ein Mann, Weinglas in der Hand, einen hellblauen Pullover um die Schultern geschlungen. Er ist einer von denen, die Gröner auf dieser Messe jagt: Sein Fonds investiert mehrere Milliarden Euro in den deutschen Immobilienmarkt, Geld, das sie bei Vermögenden und institutionellen Anlegern wie Pensionskassen einsammeln. Mehrere Hundert Millionen Euro hat dieser Mann im vergangenen Jahr in Gröners Projekte gesteckt. Man sei zufrieden, sagt er, macht aber auch deutlich, wer aus seiner Sicht das Sagen habe: nicht der Unternehmer, der baut, sondern der Investor, der zahlt und kontrolliert.

Der Journalist Hans-Jürgen Jakobs hat die Welt der Wirtschaft in zwei Hälften geteilt. Die eine Hälfte nennt er Realwirtschaft. Das ist der Teil, den die Menschen wahrnehmen. Das sind all die Unternehmen, die Brötchen backen, Häuser bauen. Die andere Hälfte besteht aus der Finanzwirtschaft. Ursprünglich war es ihre Aufgabe, den Unternehmen zu dienen, sie mit dem Geld zu versorgen, das sie brauchen, um zu backen oder zu bauen. In den letzten Jahrzehnten haben sich aber die Verhältnisse verkehrt. Der Diener scheint zum Herrn geworden zu sein.

Im Jahr 1970 waren Finanz- und Realwirtschaft noch gleichauf, damals stand es unentschieden. 1990 führte die Finanzwelt schon 2 : 1. Im Jahr 2000 bereits 3 : 1.

Heute liegt das Finanzvermögen der Welt bei 300 Billionen Dollar. Das ist fast viermal so viel wie alle realen Wirtschaftswerte zusammengenommen. Der Chefökonom der Bank of England sagt: "Wir leben im Zeitalter der Vermögensverwalter." Seitdem sind die Hauptstädte dieser Welt Singapur, Zürich oder irgendein Ort auf den Kaimaninseln, sogenannte Steuerparadiese.

Die Soziologin Brooke Harrington befragte die globale Finanzelite und stellt fest: "In der modernen kapitalistischen Gesellschaft hat es einen massiven Wechsel von Arbeit hin zu Investment gegeben." Dabei sei Ungleichheit nicht per se schlecht. Menschen hätten unterschiedliche Begabungen, hätten nicht dieselben Interessen. Wenn aber die Abstände zu groß würden und Vermögen über Lebenschancen mitentscheide, nicht mehr das Talent oder die Arbeit, dann werde die soziale Ungleichheit zu einem gravierenden Problem. Sie sagt: "Ich glaube, wenn die Menschen wirklich verstehen würden, wie unfair der ökonomische Wettbewerb im modernen Kapitalismus ist, gäbe es einen Aufstand."

Am Mainkai in Frankfurt, wo im Sommer die üppigen Platanen die Sicht auf den Fluss verstellen, steht eine sandfarbene Villa. Es ist eines der wenigen unzerstört erhaltenen Patrizierhäuser der Stadt, erzählt Christian Freiherr von Bechtolsheim stolz, als er im Entree empfängt. Früher lebte hier ein Privatbankier. Jetzt haben die Nachfolger das Anwesen übernommen. Christian von Bechtolsheim trägt eine altrosafarbene Krawatte zum grauen Anzug, ein Einstecktuch in der Brusttasche. Er ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Firma Focam, eines Family-Office. "Das ist ein Büro, das sich um sämtliche Belange einer Familie oder einer Einzelperson kümmert", sagt er. "Wir betreuen Vermögen."

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