Essener Tafel "Wer randaliert, kriegt lebenslänglich"

© Laura Kaczmarek
Zehn Wochen nach dem Skandal um abgewiesene Ausländer: Was hat Jörg Sartor, der Chef der Essener Tafel, daraus gelernt? Von
ZEITmagazin Nr. 19/2018

Vor Kurzem hat Jörg Sartor ein interessantes Wort entdeckt, das nicht im Duden steht. Es ist ein Verb, das universell einsetzbar ist, eine typische Jörg-Sartor-Erfindung. Sie lautet "scheißern". Meist verbindet Sartor das Scheißern mit dem Adjektiv "gut", dann wird daraus "gut scheißern". Er hat diesen Ausdruck in den letzten Wochen oft benutzt, weil er sich von Menschen umzingelt fühlt, die gut scheißern können. In der Ruhrgebietsstadt Essen sitzt Jörg Sartor in seinem Büro in einem ehemaligen Wasserturm, in dem sich während der wilden Jahre der Weimarer Republik bürgerkriegsähnliche Szenen abspielten und heute die Geschäftsstelle der Tafel untergebracht ist. Sartor sagt: "Die haben alle gut scheißern." Gemeint sind Menschen, die aus der Ferne bedenkenlos dummes Zeug absondern, statt sich mit den Details zu beschäftigen. Glaubt man Jörg Sartor, dem 61-jährigen Chef der Tafel, dann sind besonders viele von denen, die gut scheißern können, Spitzenpolitiker der SPD, Katarina Barley zum Beispiel, die Bundesjustizministerin.

Auch sie zog im Februar, als sie noch Familienministerin war, über Sartor her. Damals wurde bekannt, dass die Essener Tafel vorübergehend keine Ausländer mehr als Neukunden aufnahm. Sartor und vielen anderen der 120 ehrenamtlichen Helfer war aufgefallen, dass deutsche Stammkunden wegblieben. 75 Prozent der etwa 6000 Bedürftigen, die Woche für Woche mit Lebensmitteln versorgt werden, waren Ausländer. Sartor wollte "das Gleichgewicht wiederherstellen". Er hatte von deutschen Kunden erfahren, dass sie sich während der Lebensmittelausgabe "nicht mehr wohlfühlen". Sartor fragt: "Wie würde es Ihrer Mutter gehen, wenn sie eine Schlange von 50 jungen Männern vor sich hätte, die sich auf Arabisch unterhalten? Würde sich Ihre Mutter dort einreihen?"

Von Beginn an waren Sartor zwei Worte wichtig: "Neukunden" und "vorübergehend". Die Tafel schloss Ausländer von nun an nicht aus, sie ließ jedoch keine weiteren mehr zu, und diese Maßnahme sollte auf wenige Monate begrenzt sein. Aber das ging in dem Trubel schnell unter. "Es regiert der Rassismus", schrieb die Frankfurter Rundschau, die Moderatorin Dunja Hayali prangerte "hunger games " an.

Wer sich den Fall Sartor ansieht, der lernt etwas über die Anatomie der öffentlichen Empörung. Am Ende, so viel sei vorausgeschickt, teilt sich die Gruppe der Aufgewühlten in zwei Flügel: den Flügel der Sartor-Hasser und den der Sartor-Verehrer. Der Flügel der Verehrer wird stärker und stärker. Vielleicht liegt es daran, dass der Hass nicht so tief wurzelt wie die Verehrung. An dem Menschen Sartor liegt es sicher nicht. Er ist keiner von denen, die man leicht ins Herz schließt. Wahrscheinlich käme es ihm sogar verdächtig vor, wenn man es täte.

"So", sagt er zur Begrüßung, "und Sie wollen mich kennenlernen? Da haben Sie sich was angetan." Es folgt ein kleiner Vortrag über die Chronik seines Lebens, der mit der Zusammenfassung endet: "Eigentlich bin ich im Inneren meines Herzens ein guter Mensch, aber die meisten finden die Eingangstür nicht." Sartor schloss sich vor zwölf Jahren der Tafel an, nachdem er aus dem Bergbau ausgeschieden war. Er war 49, er brauchte eine neue Aufgabe, und genau genommen schloss die Tafel sich ihm an. Sartor nahm den Wasserturm ein. Auf ein Gehalt war er nicht angewiesen, er war gut versorgt. Sartor bekam "Anpassungsgeld", danach ging er in Frührente. Aber er benahm sich weiterhin wie ein Fahrsteiger im Bergbau. Er ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wer im Turm das Sagen hat. Er redet noch immer so laut, als müsse er sich gegen einen Presslufthammer durchsetzen, und wenn er etwas möchte, ruft er nach einer Mitarbeiterin, die Molli heißt oder Steffi und Kaffee bringen soll. Fast alle Mitarbeiter duzt er, fast alle duzen ihn.

Einer von ihnen, ein alter Mann mit Ohrring, heißt Norbert. Sartor nennt ihn "den Reinlasser", weil Norbert die Menschen, die etwas zu essen brauchen, reinlässt. Als Norbert von einer schwierigen Kundin berichtet, die mit den Waren Geschäfte machen wolle, antwortet Sartor: "Tritt sie im Arsch. Schmeiß sie raus."

Benimmt sich jemand daneben oder beleidigt einen Mitarbeiter, greift Sartor zum letzten Mittel, dem Zugangsverbot. "Wer bei uns randaliert, kriegt lebenslänglich", sagt er. An Disziplin mangelt es nicht. "Was uns die Blindgänger der Gutmenschen-Tafeln vorwerfen: Wir könnten nicht organisieren. Wir könnten keine Linien ziehen. Das stimmt ja alles nicht." Auch das ist eine von Sartors Wortschöpfungen, die Gutmenschen-Tafel. Auf sonderbare Weise wird alles Gute zu einem Kampfbegriff, sobald Sartor sich des Guten annimmt.

Am 8. Dezember vergangenen Jahres beschließt er mit seinen Kollegen aus dem Vorstand, dass die auslaufenden Bezugskarten von Ausländern eine Zeit lang nicht verlängert werden. Er teilt das auf der Homepage der Tafel mit und heftet einen Aushang an die Pforte. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Sache heimlich durchzuziehen. Nicht einmal die Betroffenen wären stutzig geworden, wenn ihnen gesagt worden wäre: "Im Moment sind leider alle Plätze belegt." Aber Sartor will Offenheit.

Nach und nach werden mehrere Hundert Ausländer, die sich im Wasserturm registrieren lassen wollen, heimgeschickt. Sie beschweren sich nirgendwo, Hilfsorganisationen rühren sich nicht. Das ändert sich am 22. Februar, als in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung ein Bericht über Sartors Maßnahme erscheint. Die Zeitung ist gerade ausgeliefert worden, als schon Kamerateams vor dem Wasserturm erscheinen. Am Tag danach drängeln sich Journalisten um die besten Plätze wie sonst nur die Kunden vor den Lebensmittelkisten. Sartor kommen einige Reporter wie Bedürftige vor. Sie lungern stundenlang herum und schauen ihn flehend an, damit er ihnen deftige O-Töne schenkt. Gibt er ihnen etwas, ziehen sie glücklich weiter.

Der Andrang der Journalisten vor dem Wasserturm wird so groß, dass Sartor sie in den Raum bittet, in dem sonst die Hauptversammlung der Tafel abgehalten wird. Mit einem Mal sitzt er vor 30 Reportern, als habe er eine Pressekonferenz einberufen. "Ich weiß gar nicht, was ihr wollt", sagt er. Es passiert nicht oft, dass der unbeirrbare Jörg Sartor unsicher wird, aber das ist so ein seltener Moment.

Eine Korrespondentin der New York Times kündigt sich bei ihm an, das tschechische Fernsehen will anreisen, Finnen, Belgier, Franzosen. Später wird Sartor erklären: "Wir wollen keine Ausländer weghaben. Wir wollen, dass hier nicht das Recht des Stärkeren gilt." Deutsche Rentner hätten Angst vor rempelnden jungen Männern, von denen manche aus Syrien stammten, manche aus Afghanistan, manche aus Russland. "Der Verdrängungsprozess findet ja überall statt", sagt Sartor.

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