Françoise Hardy "Bob Dylan war anscheinend von mir besessen"

Die französische Sängerin Françoise Hardy über einen verliebten Rockstar, unbequeme Mode und ein unerwartetes neues Album. Interview:
ZEITmagazin Nr. 19/2018

Unbemerkt, fast lautlos betritt Françoise Hardy die stille Lobby eines Hotels in der Nähe der Champs-Élysées. Ein Mitarbeiter ihrer Plattenfirma hatte vorab darauf hingewiesen, dass Hardy keine Begrüßungen per Handschlag mag. Freundlich lächelnd sagt sie in akzentfreiem Deutsch zuerst "Guten Tag" und fügt dann vergnügt noch eine deutsche Redewendung hinzu: "Volkswagen. Das Auto." Françoise Hardy, die als Meisterin tieftrauriger Lieder gilt, lacht und entschwindet in die Suite, in der sie etwas später zum Gespräch empfangen wird.

ZEITmagazin: Frau Hardy, woher stammen Ihre Deutschkenntnisse?

Françoise Hardy: Als Teenager habe ich mehrmals den Sommer in der Nähe von Innsbruck verbracht, zusammen mit meiner Mutter und meiner Schwester. Dort haben wir Deutsch gelernt. Meine Mutter war damals in einen österreichischen Grafen verliebt, bei dem wir wohnten. Er besaß ein Anwesen inmitten wunderschöner Berge. Der ... (auf Deutsch:) Graf?

ZEITmagazin: Richtig, Graf.

Hardy: Entschuldigen Sie, viele Wörter sind mir im Laufe der Jahre entfallen. Der Graf jedenfalls war ein netter Mann. Ich liebte Innsbruck. Ich war 17, als wir das letzte Mal dorthin reisten.

ZEITmagazin: Was gefiel Ihnen dort besonders?

Hardy: Das Kino! In Paris durfte ich nur einmal im Jahr ins Kino, weil es meiner Mutter zu teuer war. Ich sehnte mich nach der großen, weiten Welt auf der Leinwand.

ZEITmagazin: Mit 17 unterzeichneten Sie Ihren ersten Plattenvertrag. Wie kam es dazu?

Hardy: Ich hatte immer davon geträumt, eine Schallplatte aufzunehmen. Als ich mein Abitur machte, bedrängte meine Mutter meinen Vater, mir etwas zu schenken. Ich hatte die Wahl zwischen einem Radio und einer Gitarre. Ich wählte die Gitarre und war sofort begeistert, weil ich begriff, dass ich mit nur drei Akkorden schöne Songs schreiben kann. Ich sang dann bei einer großen Plattenfirma vor – und die nahmen mich tatsächlich gleich unter Vertrag.

© Reporters Associes/Gamma-Rapho/Getty Images

ZEITmagazin: Kurz danach, 1962, kamen Sie mit dem Song Tous les garçons et les filles groß raus, auch in Deutschland, wo Sie dann auf Tournee gingen. Wie haben Sie Deutschland damals erlebt?

Hardy: Mein Erfolg in Frankreich war über Nacht gekommen, nachdem ich in einer Fernsehsendung aufgetreten war. Und weil der Song tatsächlich auch in Deutschland gut lief, meldete sich der deutsche Regisseur Truck Branss bei mir, ein cooler Typ, der damals das Fernsehen revolutionierte. Er war mit einer Sendung über Hildegard Knef erfolgreich gewesen, nun wollte er auch mit mir eine Show produzieren. Er hat mich raffiniert und futuristisch inszeniert. Von ihm habe ich gelernt, wie wichtig das Image für einen Künstler ist. Das richtig gesetzte Licht im Studio und die Farbe eines Kleides können Wunder wirken.

ZEITmagazin: Hatten Sie damals, zu Beginn Ihrer Karriere, eine Vorstellung davon, was Ihr Image sein könnte?

Hardy: Immerhin wusste ich, was ich nicht wollte, weshalb ich auch mit Truck Branss aneinandergeraten bin. Er wollte mir Locken aufdrängen und meinen BH mit Papier ausstopfen, damit meine Brüste größer erscheinen. Beides habe ich natürlich verweigert. Die Show wurde trotzdem ein phänomenaler Erfolg. Jahre später hat er sich bei mir für diese frühen Manipulationsversuche entschuldigt. Er räumte ein, dass es klüger war, mich so zu zeigen, wie ich tatsächlich bin. Er war ein charismatischer Typ, leider ist er auch schon tot. So viele Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, sind tot. Ich vermute, dass die Nachrufe auf mich auch schon bereitliegen. (lacht) Und wissen Sie was? Ich habe kein Problem damit!

ZEITmagazin: Der Videoclip zu Le large, der ersten Single Ihres neuen Albums, wirkt wie ein Rückblick auf Ihre lange Karriere. Sie sind mit einem kleinen Jungen zu sehen, dem Sie die Hand reichen. Auf dem Boden liegen viele alte Porträts von Ihnen. Was war die Idee dahinter?

Hardy: Die habe ich, ehrlich gesagt, nicht so recht begriffen. François Ozon, der Regisseur, sagte mir anfangs, dass er etwas im Ingmar-Bergman-Stil mit mir machen wolle, was mir gefiel, da ich Bergman sehr verehre. Als ersten Entwurf präsentierte er mir das Bild einer Frau, die tot auf dem Boden liegt. Ich bekam einen Schreck und sagte ihm, dass das nicht meiner Vorstellung von dem Song entspreche. Dann schlug er vor, mich im Nachthemd zu filmen. Sehr nett, aber dafür bin ich nun wirklich zu alt. (lacht) Was wir dann in Szene setzten, meint Ozon, glaube ich, symbolisch: Ich bin ein Mensch am Ende eines Lebens, dem kleinen Jungen steht das ganze Leben noch bevor. Ich gebe ihm in diesem Clip Zuversicht für den Weg, der vor ihm liegt.

ZEITmagazin: Vor drei Jahren erkrankten Sie an Krebs und zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Dass Sie noch ein Album veröffentlichen würden, schien damals schwer vorstellbar. Was hat Sie zurückgebracht?

Hardy: Ein Zufall. Eigentlich hatte ich mich bereits vor sechs Jahren verabschiedet, als ich meine Memoiren und dazu das Album L’Amour fou veröffentlichte. Mit dieser Platte war ich so zufrieden, dass ich ihr nichts mehr hinzufügen wollte. Wenn man sich als Sängerin verabschiedet, sollte es mit einer würdigen Platte geschehen. Sehr viel größere Musiker als ich haben den Zeitpunkt eines angemessenen Abschieds verpasst und in den letzten Jahren ihrer Karriere ziemlich schlechte Musik veröffentlicht – nein, ich werde nicht sagen, wer! Das wollte ich jedenfalls vermeiden. Dann kam die Krankheit, aber die habe ich überwunden. Während ich mich von ihr erholte, stieß ich im Internet auf den Song Sleep der finnischen Band Poets of the Fall. Er hat mich so begeistert, dass ich beschloss, mich an einer französischen Version zu versuchen. Und dann fing ich auch wieder an, eigene Songs zu schreiben.

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